Corona-Konzept der Schulen

Frische Luft in Bremens Klassenräumen

Regelmäßiges Lüften von Innenräumen hat sich neben Abstandsgebot, Hände waschen und Alltagsmaske als weiteres Mittel zur Corona-Bekämpfung entpuppt. Aber nicht alle Fenster in den Bremer Schulen spielen mit.
31.08.2020, 07:47
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Frische Luft in Bremens Klassenräumen
Von Timo Thalmann

Am Ende bleiben zum Schulauftakt zwölf Bremer Klassenräume als Problemfälle übrig. Dort wird es kurzfristig keine Möglichkeit geben, die Fenster zu öffnen und damit die Anweisung der Bildungssenatorin umzusetzen, durch regelmäßiges Stoßlüften die Konzentration von Aerosolen und möglichen Coronaviren in der Raumluft möglichst niedrig zu halten. „Das ist angesichts von 143 allgemeinbildenden Schulen mit Hunderten von Räumen eine sehr gute Bilanz“, sagt dazu Peter Schulz, Sprecher von Immobilien Bremen (IB). Damit will er auch unterstreichen, dass die Bremer Immobilienverwaltung ihre Hausaufgaben über die Sommerferien gemacht hat.

Angezweifelt hatte das die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Sie hatte der Bildungsbehörde vorgeworfen, es in den Sommerferien versäumt zu haben, überall ordentliche Möglichkeiten zum Lüften sicherzustellen. Auch vom Personalrat der Bremer Schulen wurde bemängelt, dass Begehungen und Einschätzungen durch den Arbeitsschutz in der schulfreien Zeit unterblieben sind. Die Kritik hält Angelika Hanauer als Vorsitzende des Personalrats auch weiterhin aufrecht. „Dass die Hausmeister kontrolliert haben, ob sich die Fenster öffnen lassen, ist keine arbeitsschutzrechtliche Begehung.“ Nach Einschätzung des Personalrats könne Lüften allein die Ansteckungsrisiken in einem Klassenraum ohnehin nicht ausreichend verringern, wenn zugleich auf das Abstandsgebot verzichtet wird. „Dazu ist eine Maskenpflicht innerhalb der Klassenräume notwendig.“ Wo nicht ordentlich gelüftet werden kann, müsse gleichwohl schnellstmöglich nachgebessert werden. „Bis dahin darf in diesen Räumen kein Unterricht stattfinden“, fordert der Personalrat.

Versäumnisse der Vergangenheit werden aufgedeckt

Das betrifft allein sieben Klassenzimmer in der Grundschule Grolland, die damit die meisten der verbleibenden Problemfälle beherbergt. Hier wurden sanierungsbedürftige Fensterflügel irgendwann einfach festgeschraubt, weil es keine Mittel für eine ordentliche Instandsetzung gab. Die Schrauben sorgen dafür, dass die Fenster nicht ungeplant aus dem Rahmen fallen und jemanden verletzen. „Wie an vielen andern Stellen, deckt die Corona-Pandemie auch hier Versäumnisse der Vergangenheit auf“, kommentiert Elke Suhr, Landesvorstandssprecherin der GEW.

Laut Judith Wismach, Schulleiterin in Grolland, können die Klassenräume dennoch genutzt werden. In allen sieben Räumen, die sich in einem Trakt befinden, sei ein umfangreiches Querlüften durch große Fensterfronten möglich. Wismach beruft sich dabei auf die Bewertung von Immobilien Bremen. Zugleich fordert die Schulleiterin allerdings seit Jahren, dass die maroden Fenster ordentlich saniert werden.

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Das bestätigt auch Annette Kemp, Sprecherin von Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD). Nach ihren Worten dürfen Räume in der Tat nicht genutzt werden, wenn ein ausreichendes Lüften unmöglich ist. „Deshalb haben wir ja schon im Juni eine Bestandsaufnahme gestartet, damit in den Ferien Abhilfe geschaffen werden kann.“ In einem Schreiben wurden alle Schulleitungen aufgefordert, zu überprüfen, ob alle Klassenräume, Lehrerzimmer und Besprechungsräume über ausreichende Lüftungsmöglichkeiten verfügen. „Als Richtwert gilt, pro Raum sind mindestens zwei Fensterflügel, die nicht direkt nebeneinanderliegen, zum Öffnen möglich“, heißt es in dem Schreiben. So entstand eine Liste mit 168 Problemfällen in 29 Schulgebäuden, die am 10. Juli an Immobilien Bremen übermittelt wurde, verbunden mit der Aufforderung, für Abhilfe zu sorgen.

In 123 Räumen konnte das laut IB-Sprecher Schulz bis Schulbeginn realisiert werden. „Die Probleme waren zum Beispiel klemmende Fenster, fehlende Griffe oder absichtliche Einschränkungen bei Kippfenstern aus Sicherheitsgründen.“ In 33 weiteren Fällen steht die Lösung in den nächsten Tagen und Wochen in Aussicht. „Da warten wir zum Beispiel auf Ersatzteile oder den Termin des Handwerkers.“ In all diesen Fällen wird die Aufgabe mit Partnerfirmen erledigt, mit denen IB einen Rahmenvertrag über Wartungs- und Instandhaltungsfragen abgeschlossen. Nur in den zwölf verbliebenen Räumen wird es länger dauern. „Die dort notwendigen Arbeiten bedeuten umfangreiche und teure Sanierungen.“ Wie im Beispiel Grolland müssten daher kurzfristig Lösungen gefunden werden, auf anderen Wegen für Querlüftung zu sorgen, etwa über geöffnete Türen und Flure.

Bildungsbehörde fordert kurze Reinigungsintervalle

Unbeantwortet bleibt für den Personalrat die Frage wie neue Aufsichtspflichten gewährleistet werden sollen, die aus den technischen Änderungen entstehen „Es gab ja Gründe, wenn sich Fenster bislang nur einen Spalt öffnen ließen, zum Beispiel, um Unfälle zu vermeiden“, sagt Hanauer. Außerdem gibt es weiterer coronabedingte Aufgaben: Lehrkräfte und Beschäftigte greifen zum Beispiel häufiger selber zu Putz- und Desinfektionsmitteln für Waschbecken und Türgriffe. Die Bildungsbehörde hatte Immobilien Bremen insgesamt aufgefordert, für kürzere Reinigungsintervalle in den Schulen zu sorgen.

Ein weiterer Punkt: Wenn die Temperaturen zum Herbst und Winter sinken, wird regelmäßiges Lüften mutmaßlich nicht einfacher. „Zudem gibt es Arbeitsschutzvorschriften zur Mindesttemperatur in Klassenräumen“, sagt Hanauer. Erfahrungsgemäß würden auch irgendwann Eltern vorstellig werden, wenn ihre Kinder über zu kalte Räume klagen. Zumindest bei diesem Aspekt gibt sich aber Martin Stoevesandt als Sprecher des Zentralen Elternbeirats Bremen pragmatisch. „Der Infektionsschutz muss Priorität haben, auch wenn die Schüler dann eben etwas wärmer angezogen im Klassenzimmer sitzen müssen.“ Das würde er notfalls auch den Eltern erläutern, die sich über die Zugluft für ihre Kleinen beschweren.

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Die Rolle von Aerosolen

Dachten die Virenfoscher anfangs, bei Corona handelt es sich um eine reine Tröpfcheninfektion, die nur durch direkten Kontakt mit einem Infizierten weitergegeben werden kann, gilt es heute als sicher, dass auch Aerosole ein Übertragungsweg sind. Das sind extrem kleine Flüssigkeitspartikel und Tröpfchenkerne, die unweigerlich beim Sprechen entstehen. Sie sind so leicht, dass sie längere Zeit in der Luft schweben können. Aerosole von Infizierten können das Virus enthalten, allerdings zumeist in zu geringer Konzentration für eine direkte Ansteckung. Wenn sich jedoch über einen langen Zeitraum solche virenbelastete Aeorosole in der Raumluft ansammeln, ist eine Infektion möglich. Darum empfiehlt mittlerweile auch das Robert Koch-Institut, durch regelmäßiges Lüften von Innenräumen eine solche Konzentration zu vermeiden.

Die aktuelle Arbeitsstättenverordnung sieht vor, Büroräume nach 60 Minuten und Besprechungsräume nach 20 Minuten zu lüften, wenn sonst kein Luftaustausch gewährleistet ist, etwa über eine Lüftungsanlage. Dabei wird eine Lüftungsdauer von drei bis zehn Minuten empfohlen.

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