30 Bremer Studenten eingestellt Warum Containment-Scouts so wichtig sind

Bremen hat Anfang vergangener Woche 30 Studierende als Containment-Scouts eingestellt. Sie sollen helfen, die weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern.
12.05.2020, 07:30
Lesedauer: 4 Min
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Warum Containment-Scouts so wichtig sind
Von Sabine Doll

Die erste Schicht hat gerade begonnen. Wo in Vor-Corona-Zeiten Mitarbeiter des Gesundheitsamts zu Sitzungen zusammen kamen, sind jetzt fünf Computer-Arbeitsplätze eingerichtet. Das Licht der Monitore flackert in dem abgedunkelten Raum, ein grauer Vorhang trennt den Sitzungsbereich zum Flur hin ab. „Wir brauchten einen ausreichend großen Raum. Das wirkt auf den ersten Blick ein wenig provisorisch, ist es aber nicht“, sagt Folke Becker, Leiter des Bremer Gesundheitsamts.

Provisorisch ist der neue Arbeitsbereich in dem Amt an der Horner Straße deshalb nicht, weil die sogenannten Containment-Scouts, die hier eingezogen sind, wenigstens bis Ende Oktober bleiben werden – aller Voraussicht nach aber noch deutlich länger. Solange, wie das Coronavirus zu Infektionsausbrüchen führen kann und solange es keinen Impfstoff gibt. Die Scouts sind eine wesentliche Säule zur Eindämmung (englisch: containment) der Pandemie. Und das nicht nur in Bremen, bundesweit setzen Gesundheitsämter auf die Corona-Detektive.

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Bremen hat Anfang vergangener Woche 30 Studierende als Containment-Scouts eingestellt. In fünfköpfigen Teams sind sie jeweils in zwei Schichten im Postamt 5, in der Corona-Ambulanz an der Messe und im Gesundheitsamt im Einsatz. Zudem sollen 25 junge Frauen und Männer das Bremerhavener Gesundheitsamt unterstützen. Ihr Job: Kontaktpersonen zu Corona-Infizierten ermitteln, diese per Telefon kontaktieren, über die 14-tägige Quarantäne aufklären, Infektionsketten nachvollziehen und dadurch die weitere Ausbreitung des Virus verhindern.

Alle Scouts haben einen medizinischen Hintergrund, das war laut Becker eine Voraussetzung für die Einstellung. Adele Roth studiert Gesundheitswissenschaften an der Uni Bremen, nach einer einwöchigen Einarbeitung hat sie an diesem Montag ihre Arbeit als Corona-Detektivin im Bremer Gesundheitsamt aufgenommen. Auch sie ist, wie ihre Kolleginnen und Kollegen, ganz persönlich von der Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen betroffen. „Ich komme aus Berlin, seit Mitte März habe ich meine Familie, bis auf Telefon- und Videokontakte, nicht mehr gesehen“, sagt die 21-Jährige. Später möchte sie im Gesundheitsmanagement arbeiten – jetzt will sie dabei helfen, die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern und besonders gefährdete Menschen vor einer Infektion schützen.

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„Infektionsketten zu unterbrechen ist neben dem direkten Schutz der Risikogruppen das wichtigste Instrument derzeit“, sagt Bülent Brandes, Arzt und stellvertretender Referatsleiter der Infektionsepidemiologie im Gesundheitsamt. Jede neue Infektion wird dem Amt gemeldet – auf Basis dieser Meldung werden die Scouts aktiv, ermitteln die Kontaktpersonen, befragen sie, um feststellen zu können, in welche Kategorie der Kontaktpersonen sie fallen und ob sie damit gefährdet sind, sich selbst infiziert zu haben. Bei Kategorie 1 ist dieses Risiko am größten, das sind Personen mit mindestens 15-minütigem Gesichts-(„face-to-face“)Kontakt.

Die Scouts fragen damit nicht nur ab, sondern ordnen auch ein. Knapp 5000 solcher Kategorie-1-Kontakte wurden laut Gesundheitsbehörde seit dem Ausbruch der Pandemie in Bremen ermittelt. „Unser Ziel ist es, die Infektionsketten zu unterbrechen, Ausbrüche zu verhindern – aktuell vor dem Hintergrund, dass das öffentliche Leben langsam wieder Fahrt aufnimmt“, sagt Brandes. Die ersten Auswirkungen haben sich nach Angaben des Arztes bereits in der Statistik niedergeschlagen: Seit Ostern und mit Inkrafttreten der Lockerungen gebe es einen Anstieg der Neuinfektionen. Die Maskenpflicht hält Brandes für „nicht unproblematisch“.

„Das Tragen einer Maske kann falsche Sicherheit suggerieren. Das merkt man beim Einkaufen, die Menschen kommen sich näher, weil sie ich geschützt fühlen. Die Maske allein schützt aber nicht“, so der Arzt. Abstand und Handhygiene seien besonders wichtig. Die aktuelle Phase sei deshalb besonders kritisch und sensibel, weil das Virus bereits mitten in der Bevölkerung angekommen sei. „Es gibt Infizierte ohne Symptome, die aber ansteckend sind. Und wir haben es nicht mehr mit der ersten Welle zu tun, bei der vorwiegend Sporturlaub-Rückkehrer betroffen waren. Es ist nicht immer klar, woher die Infektion kommt.“ Umso wichtiger sei die Ausweitung der Kontaktnachverfolgung, um Infektionsausbrüche frühzeitig verhindern zu können.

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Die Containment-Scouts im Gesundheitsamt sollen künftig auch bei akuten Ausbrüchen stärker eingebunden werden als ihre Kolleginnen und Kollegen an den anderen Einsatzorten. Zuletzt kam es auch in Bremer Pflegeheimen zu Infektionen, Mitarbeiter und mehrere Bewohner, die zur besonders gefährdeten Risikogruppe gehören, wurden positiv auf das neuartige Coronavirus getestet. Demnächst sollen als Pilotversuch in einem Pflegeheim erstmals auch sogenannte Antikörpertests zum Einsatz kommen. Mit diesen Bluttests kann festgestellt werden, wer bereits eine Corona-Infektion unbemerkt durchgemacht hat.

Parallel zu den neuesten Lockerungen ist auch eine sogenannte Obergrenze für Corona-Infektionen eingeführt worden: 50 Neuinfektionen dürfen danach pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen maximal in einem Landkreis beziehungsweise einer kreisfreien Stadt verzeichnet werden – ansonsten sind Regelverschärfungen oder Rücknahmen von Lockerungen erforderlich. Laut Robert-Koch-Institut liegt der Wert für die vergangenen sieben Tage in der Stadt Bremen (Stand Montag) bei 24,6 Fällen. „Ein nicht zu kontrollierender Ausbruch könnte das schnell ändern, wie man derzeit in Coesfeld sieht“, sagt Amtsleiter Becker. „Deshalb setzen wir alles daran, jede Infektion nachzuverfolgen. Wir gehen nicht den schwedischen Weg unkontrollierter Verbreitung.“

Alina Rediska wartet an diesem ersten Tag als Containment-Scout noch auf ihren Einsatz. Die 22-jährige Bremerin studiert in Göttingen Medizin. „Das ist eine gute Möglichkeit, meine praktischen Erfahrungen zu erweitern. Außerdem kann ich in der Krise aktiv helfen“, sagt sie. Die Tätigkeit ist als Teilzeitjob konzipiert. Demnächst sollen weitere Scouts eingestellt werden, wie Behördensprecher Lukas Fuhrmann sagt. „Im nächsten Schritt sollen es 50 weitere Stellen sein. Das grundsätzliche Ziel ist, pro 20 000 Einwohner in Bremen ein fünfköpfiges Team mit Containment-Scouts zu haben. Damit kämen wir etwa auf etwa 175 Stellen.“

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