Corona-Krise Testkapazitäten bleiben in Bremen ungenutzt

Weniger Personen als möglich lassen sich auf das Coronavirus prüfen. In Bremen bleiben zwei Drittel der Testkapazitäten ungenutzt. Nun soll gegengesteuert werden.
30.04.2020, 05:44
Lesedauer: 3 Min
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Testkapazitäten bleiben in Bremen ungenutzt
Von Nico Schnurr

Deutlich weniger Bremer als möglich lassen sich auf das neue Coronavirus testen. Derzeit bleiben zwei Drittel der Testkapazitäten ungenutzt. In der vergangenen Woche haben im Durchschnitt 400 Bremer pro Tag einen Abstrich nehmen lassen. 1250 Proben könnten täglich in Bremen untersucht werden.

Bremen ist kein Sonderfall: In ganz Deutschland werden die Testkapazitäten nicht ausgeschöpft. Zuletzt waren die Testzahlen rückläufig. In der vorgegangenen Woche wurden laut dem Robert Koch-Institut bundesweit mehr als 323.000 Tests durchgeführt. Möglich wäre es, mehr als 818 000 Menschen pro Woche in Deutschland auf das Virus zu prüfen. Doch mehr als die Hälfte der Kapazitäten wird nicht in Anspruch genommen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will nun dafür sorgen, dass mehr getestet wird. Wer viele Personen prüft, das ist die Annahme, findet früh neue Fälle, verhindert dadurch, dass infizierte Menschen weitere Personen anstecken und kann so die Ausbreitung des Virus eindämmen.

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„Erst mal ist es ein doch gutes Signal, dass wir noch Kapazitäten haben“, sagte Lukas Fuhrmann, Sprecher des Bremer Gesundheitsressorts, „das Infektionsgeschehen verläuft bislang milder, als wir das noch vor einigen Wochen erwartet haben.“ Reagenzien seien ausreichend vorhanden. Wer derzeit einen Abstrich nehmen lasse, erfahre sein Ergebnis schnell. In den Laboren stauten sich die Proben nicht. Was dort morgens ankomme, sei bis abends untersucht.

Dietmar Wolff leitet den molekularbiologischen Fachbereich des Medizinischen Labors Bremen, eine von vier Einrichtungen im Land Bremen, die Abstriche prüfen. Seine Abteilung werte Proben aus, die aus Bremen und Niedersachsen stammen. Derzeit untersuche man zwischen 300 bis 400 Tests pro Tag, sagte Wolff, damit sei sein Team nur halb ausgelastet. In seinem Labor könnten bis zu 800 Tests täglich ausgewertet werden. Seit April nehme die Anzahl eingeschickter Proben stetig ab. Dabei werde es aber nicht bleiben, sagte Wolff: „Nach den Lockerungen der Maßnahmen werden bei uns bestimmt bald wieder deutlich mehr Tests ankommen.“

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Was heißt es, wenn die Testkapazitäten nicht im vollem Umfang genutzt werden? „Es ist ein ganz schlechtes Zeichen, dass so sparsam getestet wird und die Kapazitäten nicht ausreichend genutzt werden", sagte der Virologe Alexander Kekulé dem „Spiegel“, „gerade jetzt in der Lockerungsphase müssen wir massiv testen, um Risikogruppen zu schützen und Infektionsherde zu verhindern.“

Jens Spahn hat auf die rückläufigen Zahlen reagiert. „Wir wollen Corona-Infizierte künftig schneller finden, testen und versorgen können“, sagte er. Am Mittwoch hat das Bundeskabinett seinen Gesetzesentwurf beschlossen. Im Umfeld besonders gefährdeter Menschen etwa in Pflegeheimen soll bald verstärkt getestet werden. Möglich werden sollen auch Tests auf Kassenkosten, selbst wenn jemand keine Symptome zeigt. Zuletzt haben einige wenige private Labore etwa in Berlin Tests für Menschen ohne Symptome für größere Summen angeboten. Wie genau Spahn seinen Plan umsetzen will, ließ er offen.

Zum Gesetzespaket gehört auch eine Finanzspritze von 50 Millionen Euro für die 375 Gesundheitsämter in Deutschland, die Infektionsketten nachverfolgen sollen. Andreas Dotzauer, Virologe an der Uni Bremen, befürwortet einen Wechsel der Strategie im Umgang mit den Corona-Tests. Bislang wurden nur Menschen auf das Coronavirus getestet, die grippeähnliche Symptome zeigten und unter Vorerkrankungen litten oder durch ihre Arbeit mit Menschen in Kontakt kamen, die ein hohes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben oder in den vergangenen zwei Wochen Kontakt zu einem Corona-Fall hatten.

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Diese Kriterien hält Dotzauer für überholt: „Das Zurückverfolgen der Infektionsketten wird nach den Lockerungen im öffentlichen Leben wieder etwas schwerer.“ Deswegen nun aber ein „blindes Testen“ einzuführen, also auch Abstriche von allen Menschen ohne Symptome zu nehmen, könne nicht der richtige Weg sein, um das Virus einzudämmen, sagte Dotzauer. Sinnvoller sei es, regelmäßig Menschen zu testen, „die jetzt besonders exponiert sind“.

Also etwa Lehrer, Pflegekräfte, Ärzte, Verkäufer, auch Bewohner in Altenheimen. Wer diese Personengruppe häufig prüfe, vielleicht sogar mehrfach pro Woche, finde Infektionsherde womöglich früher. Wichtig sei, betonte Dotzauer, die Testkapazitäten tatsächlich zu nutzen und sie nicht herunterzufahren. Die Bremer Gesundheitsbehörde plant nicht, die Testmöglichkeiten zu verringern. Man wolle trotz der geringen Nachfrage an den aktuellen Kapazitäten festhalten. „Wir müssen abwarten, wie sich die Lockerungen auswirken“, sagte Fuhrmann, „klar ist: Noch Corona ist nicht vorbei.“

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