Auswirkungen der Corona-Krise

Sorge um Kinder und Jugendliche in Bremen

Seit Wochen müssen Kita-Kinder zu Hause bleiben, die Isolation macht ihnen zu schaffen. Das könnte ihre Entwicklung massiv beeinflussen - wie genau, darüber sind sich Experten nicht einig.
03.05.2020, 20:00
Lesedauer: 3 Min
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Sorge um Kinder und Jugendliche in Bremen
Von Lisa-Maria Röhling
Sorge um Kinder und Jugendliche in Bremen

Spielgeräte in den Kitas bleiben momentan unbenutzt, weil die Kinder weiterhin zu Hause sind.

Christoph Soeder /dpa

Seit mehr als vier Wochen sind viele Familien gezwungen, zu Hause zu bleiben. Das heißt auch, dass Kinder, die nicht in die Notbetreuung gehen, keinen Kontakt zu Gleichaltrigen haben. Weil die Isolation gerade den Jüngsten zu schaffen macht, warnen Experten und Elternvertreter vor den Folgen. Welche Auswirkungen die Corona-Krise für Kinder und Jugendliche tatsächlich haben wird, lässt sich bisher noch nicht absehen, sagt Sozialpädagogin Anna Fischbeck vom Kinderschutzbund Bremen. „Das werden wir erst in einigen Monaten oder Jahren sehen. Wir bereiten uns auf alles vor.“

Eines sei allerdings klar, sagt Fischbeck: Die Krise betrifft jedes Kind, egal in welchem Stadtteil es wohnt, welchen sozialen Hintergrund es hat, wie alt es ist und in welcher Familienkonstellation es lebt. Können Kinder über Wochen nicht die Kita besuchen, fehlten ihnen eine vertraute Umgebung und wichtige Bezugspersonen. „Isolierten Kindern fehlen gewisse Schutzzonen“, sagt Fischbeck. „In der Kita haben sie die Möglichkeit, gesehen zu werden.“ Das heißt: Wenn ihre Bedürfnisse vielleicht zuhause manchmal untergehen oder sie Sorgen haben, gibt es in den Kitas immer eine Betreuungsperson, die ihnen Aufmerksamkeit schenkt.

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Je jünger die Kinder, desto gravierender die Folgen für die Entwicklung, sagt Fischbeck. Denn gerade Kindergartenkinder haben keinen Zugriff auf Handys oder soziale Medien, mit denen sie beispielsweise in Kontakt mit ihren Freunden, Großeltern oder anderen Bezugspersonen halten können, die sie wegen der Pandemie nicht sehen. Mit einer Gesamteinschätzung, was die Pandemie eigentlich in Kindern auslöst, ist die Sozialpädagogin allerdings vorsichtig: Das hänge ganz davon ab, ob die Kinder eher ­extrovertiert oder Einzelgänger seien, ob sie sich als Einzelkinder gut alleine beschäftigen oder sich unter Geschwistern gut unterstützen können, ob sie einen Rückzugsort zuhause haben oder ob die Eltern im Homeoffice überhaupt Zeit für sie haben.

Besonders hart treffe die andauernde Isolation allerdings Kinder, die auch schon vor der Krise verhaltensauffällig waren: „Auf Kinder, die vorher schon Probleme hatten, wird sich Corona sehr negativ auswirken“, sagt Fischbeck. Durch die mangelnde soziale Interaktion werde ihre Entwicklung erheblich beeinflusst, das wirke sich langfristig auf ihren Blick auf Gruppengefühl, Werte, Normen und auch ihr Sozialverhalten aus.

Jedes Kind ist betroffen

Dass die jetzige Situation ohne Ausnahme alle Kinder betrifft, sagt Fischbeck, könne aber auch gegen das Isolationsgefühl helfen: Weil Kinder wissen, dass ihre Altersgenossen ebenfalls zuhause bleiben müssen, könne das auch helfen und etwas trösten.

Auch die Bremer Zentralelternvertretung (ZEV) sorgt sich darum, was die fortwährende Notbetreuung speziell mit Kita-Kindern macht. Denn wenn aktuell maximal fünf Kinder pro Gruppe betreut werden können, folge daraus der Schluss, dass von einer Gruppe von durchschnittlich 20 Kindern drei Viertel momentan nicht in die Kita können. Denn damit fallen wichtige Kontakte zu Freunden, Erziehern oder Großeltern weg. „Auf Begegnungen auf Augenhöhe, soziales Lernen, Input von Gleichaltrigen, außerfamiliäre Bezugspersonen, usw. müssen diese Kinder verzichten“, erklären die Elternvertreter in einem offenen Brief. Dieser Verlust von Kontakten habe entscheidende Auswirkungen für die frühkindliche Bildung, soziale Kompetenzen oder die Sprachförderung – und könne über digitale Medien nicht nachgestellt werden.

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Besonders schlimm treffe es Vorschulkinder, deren Zeit in der Kita nun ganz plötzlich frühzeitig beendet wurde und die nun auch keine Gelegenheit mehr haben werden, sich angemessen von der Kita und ihren Freunden dort zu verabschieden. „Die Kinder würden somit aus der Isolation in die Schule kommen“, warnt die ZEV. „Wie gut sie vorbereitet sind – sprachlich, emotional und sozial – hängt in dieser letzten Phase allein vom Elternhaus ab.“ Das sei insofern schwierig, weil auch die Eltern in diesen Tagen unter erheblichem Druck stehen. Das verschärfe bereits vorhandene Belastungen, „Familien verfallen in überholte Rollenbilder und Beziehungen werden auf eine harte Probe gestellt“, erklärt die ZEV.

Möglichst viele Kinder sollen wieder in die Kitas kommen

Aus Sicht der Elternvertreter ist es nun unabdingbar, Lösungen zu finden, sodass unter Berücksichtigung des Infektionsschutzes möglichst viele Kinder wieder in die Kitas kommen. Dafür müsse die Politik klare Rahmenbedingungen schaffen, auf die sich die Kitaträger verlassen können. Denkbar ist aus Sicht der Elternvertreter ein Modell, das so ähnlich schon beim Schuleinstieg praktiziert wird: Wochenweiser Betreuungswechsel, Vormittags- und Nachmittagsgruppen, Verteilung auf mehr Räume.

Sollten solche Lösungsansätze tatsächlich umsetzbar sein, erhoffen sich die ZEV auch, dass den Trägern mehr Freiheiten bei der Umsetzung gegeben werden, um individuelle Lösungen abhängig von den zu betreuenden Kindern und dem Personal zu finden. Letztlich gelte es aber zunächst, die tatsächliche Bedeutung von Kindern beim Infektionsgeschehen wesentlich stärker in den Fokus zu nehmen, als das bisher der Fall sei, so die Bremer Zentralelternvertretung.

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