Familienfrieden in Zeiten von Corona

Gegen den Lagerkoller

Familien sind jetzt rund um die Uhr zusammen – das birgt Konfliktpotenzial. Ein Bremer Experte gibt Tipps, wie der Alltag jetzt zu meistern ist.
05.04.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Gegen den Lagerkoller
Von Kim Torster
Gegen den Lagerkoller

Wer rund um die Uhr zusammen ist, geht sich irgendwann auf die Nerven. Das sei ganz normal, sagt Psychologe Henning Lueken vom Kinderschutzbund Bremen.

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Die Coronakrise dauert an. Viele Familien sind schon seit einiger Zeit auf engstem Raum zusammengepfercht –das bietet Anlass für Konflikte. „Man merkt durchaus, dass Probleme an Bedeutung gewinnen“, sagt ­Henning Lueken. Er ist Psychologe beim Kinderschutzbund Bremen und betreut derzeit unter anderem die verschiedenen Beratungshotlines für Familien, Kinder und Eltern. Lueken sagt, vor allem in den Familien, in denen es schon vorher Konflikte gegeben hat, habe sich die Lage schnell zugespitzt.

Je länger diese Situation andauert, desto zahlreicher werden die Konflikte – ­auch in Familien, die vor dem Coronavirus keine Probleme hatten. „Unsicherheit und Belastung nehmen zu“, sagt Lueken. „Man kennt das aus anderen Situationen, in denen man über längere Zeiträume mit wenigen Personen zusammen ist.“ Was jetzt entstehen kann – vor allem in Familien, bei denen alle Mitglieder von zu Hause aus arbeiten und lernen –, ist ein klassischer Lagerkoller.

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Begrenzt und eingeengt

Eigentlich, so Lueken, seien Menschen in der Regel so gestellt, dass sie gut mit anderen auskommen wollen. Schon allein, weil der ständige Konflikt für die meisten einfach zu anstrengend sei. Dazu gehöre, sich selbst zurückzunehmen, seine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und sich an den anderen zu orientieren. Über längere Zeiträume setze sich aber der Wunsch durch, die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Diese auf Dauer zurückzustellen, wird anstrengend: „Man fühlt sich dann begrenzt und eingeengt“, sagt ­Lueken. Das Problem: So geht es nicht nur einer Person aus der Familie, sondern im Zweifel allen. Um die eigenen Bedürfnisse zu verteidigen, gehe man also mehr Konflikte ein als sonst – so komme es zum Lagerkoller.

Eigene Bedürfnisse erfüllen

Ist die Lösung nun also, die eigenen Bedürfnisse zum Wohle des Familienfriedens weiterhin zurückzustellen? Nein, sagt Experte Lueken. Er beobachte aber, dass genau das in vielen Familien gerade stattfindet: Dass insbesondere Eltern eigene Bedürfnisse zurückstecken und vermehrt darauf achten, die eigenen Kinder bei Laune zu halten. Aber auch für Kinder sei wichtig, dass es den Eltern gut gehe. Er empfiehlt Eltern, auch die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen.

Das Problem: Für viele Familien ist es gerade gar nicht so leicht, alles unter einen Hut zu bekommen. „Die Hauptthematik ist für viele gerade die Betreuung zu sichern“, sagt Lueken. Zu arbeiten und nebenbei den Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen, ist zeitaufwendig.

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Klare Strukturen schaffen

In vielerlei Hinsicht helfen kann, laut Psychologe Lueken, eine Art Stundenplan für die ganze Familie – insbesondere, wenn Kinder im Haus sind, die noch nicht allein für Struktur sorgen können. Für sie sei es nun wichtig Abläufe zu schaffen, die sich wiederholen. „Das vermittelt Kindern ein Gefühl von Sicherheit und Verlässlichkeit, Es ist etwas, woran sie sich orientieren können“, sagt Lueken. Ein Stundenplan sei eine Möglichkeit, um das möglichst einfach umzusetzen.

Verbindlicher Stundenplan

Und auch für Eltern könne so ein Stundenplan Entlastung bringen. „So können vorgegebene Strukturen geschaffen werden, auf die Eltern sich beziehen können“, sagt Lueken. „So muss man nicht jeden Tag mit den Kindern darüber verhandeln, wann welche Aufgaben übernommen werden. Wenn so ein Plan einmal etabliert ist, ist es viel leichter, daran festzuhalten. Das kann viel Zeit sparen.“ Zudem könne in so einem Plan jeden Tag leicht eine Zeit der Selbstbeschäftigung etabliert werden. Also Zeit, in der jeder etwas macht, was ihm gut tut. Das wiederum sei wichtig, um langfristig eine Lagerkoller-Situation abzumildern oder gar ganz zu verhindern.

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Jugendliche brauchen Gleichaltrige

Vor ganz anderen Fragen stehen jetzt Eltern von Jugendlichen. Denn Jugendlichen fehlt derzeit ein Ventil. Gerade für sie sind soziale Kontakte wichtig. Denn der Austausch mit gleichaltrigen diene der Orientierung und der Persönlichkeitsbildung, sagt Lueken. Der Umgang mit der aktuellen Situation können für sie deshalb nun ganz besonders schwierig sein. „Gleichzeitig“, sagt Henning Lueken, „haben die Jugendlichen auch schon gute Strategien, mit anderen Jugendlichen in Kontakt zu bleiben und sich darüber auszutauschen.“ Viele Jugendliche „treffen“ sich derzeit in der virtuellen Welt, nehmen an Gruppen-Videochats teil oder halten den Kontakt über andere soziale Netzwerke.

Eltern sollten Vertrauen haben

Eltern hingegen dürften häufig vor der Frage stehen, wie sehr sie sich in die Alltagsgestaltung ihres Kindes einmischen sollten. „Grundsätzlich hilft es auch Jugendlichen, eine gewisse Struktur beizubehalten“, sagt Psychologe Lueken. Nur sei es bei Jugendlichen eben auch so, dass es zu ihren Aufgaben gehöre, immer mehr Selbstständigkeit zu entwickeln. Eltern rät er zu Geduld. Es sei normal, dass nicht alles gleich so gelingt, wie Erwachsene sich das vorstellen. „Es ist okay, dass Jugendliche erst einmal selbst die Erfahrung machen müssen, dass wenn sie den Tagesrhythmus nicht gut strukturieren, dass das ihnen auch nicht gut tut. Da müssen sie auch selbst drauf kommen dürfen“, sagt Lueken.

Für Jugendliche sei es wichtig zu spüren, dass Eltern Vertrauen haben, und ihnen zugetraut wird, ihr Leben ein Stück weit selbst zu organisieren. Wer als Elternteil merke, dass Sohn oder Tochter überfordert sind, der könne Unterstützung anbieten. „Zum Beispiel, indem man sagt: Ich habe das Gefühl, dir geht es damit nicht so gut. Und dann überlegt man gemeinsam, was man ändern kann“, rät der Psychologe ­Henning Lueken.

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Weitere Informationen

Familien, die sich mit der aktuellen Situation überfordert fühlen, können sich vom Kinderschutz-Zentrum Bremen telefonisch beraten lassen. Die Beratungsstelle ist montags bis mittwochs von 11 bis 13 Uhr und donnerstags von 15 bis 17 Uhr telefonisch erreichbar unter 04 21 / 240 11 220.

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