Viele Stornierungen, kaum Perspektive Die Tourismusbranche ist verunsichert

Viele Reiseziele in Ländern wie Spanien, Italien oder Griechenland können derzeit nicht besucht werden. Und die Tourismusbranche erwartet, dass die aktuell geltenden Beschränkungen andauern.
09.04.2020, 08:02
Lesedauer: 3 Min
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Die Tourismusbranche ist verunsichert
Von Timo Thalmann

Die Tourismusbranche zeigt sich gegenwärtig tief verunsichert. Neben dem nahezu vollständig eingebrochenen Osterreisegeschäft fehlen Reisebüros, Veranstaltern und Tourismusregionen vor allem die mittelfristigen Perspektiven. „Niemand kann derzeit sagen, wann wir welche Reiseziele wieder sicher ansteuern können“, sagt Anke Budde vom Vorstand der Allianz selbstständiger Reiseunternehmen. Der Bundesverband vertritt rund 3000 kleinere Reisebüros und Veranstalter in Deutschland, die unabhängig von großen Anbietern wie Tui, Dertour oder Alltours Reiseleistungen organisieren und verkaufen.

Viele stark nachgefragte Reiseziele in Ländern wie Spanien, Italien oder Griechenland sind laut Budde derzeit nicht zugänglich, weil die Regierungen wegen der Corona-Pandemie keine Touristen mehr ins Land lassen. Zwar gelten die meisten offiziellen Verfügungen zunächst bis Ende April, aber die Branche erwartet Verlängerungen. Einzelne Länder wie zum Beispiel Kanada haben touristische Einreisen schon jetzt bis zum 30. Juni untersagt.

Vor diesem Hintergrund gibt es kaum noch neue Buchungen für den Sommer und Herbst dieses Jahres. „Die Nachfrage tendiert gegen null“, bestätigt Tanja van Daak vom Reisebüro Commodore Reisen in Schwachhausen. Das sei eine auffällige Abweichung zu allen Vorjahren. „Wir sind stattdessen vor allem mit Nachfragen zu den bereits gebuchten Urlauben für die Zeit von Juni bis Oktober 2020 beschäftigt“, sagt van Daak. Die Kunden wollten entweder wissen, ob die Reisen wie geplant stattfinden können oder wünschen sich Umbuchungen auf einen späteren Zeitpunkt. „Dass Kunden ihre Reisen stornieren, kommt hingegen bislang selten vor.“ Die meisten sitzen nach van Daaks Einschätzung die Unsicherheit aus und warten die weitere Abwicklung ab.

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Damit folgen sie der Empfehlung der Verbraucherschützer. „Wer jetzt seine Reise storniert, wird in den meisten Fällen die jeweils vereinbarten anteiligen Reisekosten zahlen müssen“, sagt Mathias Hufländer, Reiserechtsexperte der Verbraucherzentrale Bremen. Falle die Reise aber aus, weil der Anbieter seine Leistungen nicht erbringt, habe der Kunde das Recht auf volle Rückerstattung.

Rund 80 Prozent aller aktuellen Beratungen der Verbraucherzentrale drehen sich laut Hufländer aktuell ums Reiserecht. Alle anderen Verbraucherschutz-Themen seien vollkommen in den Hintergrund getreten. Eine wichtige Rolle spielt die jetzt von der Bundesregierung auf den Weg gebrachte Regelung, dass statt Geld Reisegutscheine für einen späteren Urlaub ausgehändigt werden sollen. „Ob das aber mit europäischem Recht vereinbar ist, ist derzeit noch unklar“, sagt Hufländer. Er empfiehlt, Gutscheine nicht zu akzeptieren, solange dazu zwischen Bundesregierung und EU-Kommission noch keine Einigung erzielt wurde.

Die geltende verbraucherfreundliche Regelung der vollständigen Rückerstattung des Reisepreises bereitet aber Veranstaltern und Reisebüros große Sorgen. Im Grunde bedeute dies aus Sicht der Reisebüros die vollständige Rückabwicklung des jeweiligen Vertrages, erläutert Tanja van Daak. „Damit ist zugleich immer auch die Rückerstattung unserer Vermittlungsprovision verbunden.“ Die Reisebüros verlören so ihre einzige Einnahmequelle.

Für die Reiseveranstalter bedeutet die Rückerstattung häufig ein Verlustgeschäft, weil Leistungen wie Flüge und Hotelübernachtungen bereits von ihnen bezahlt wurden und jetzt zumeist nicht rücküberwiesen werden. „Die Fluggesellschaften weigern sich einfach, das Geld für Tickets zu erstatten, und bei Hotels im Ausland ist das ähnlich“, berichtet Anke Budde. Dagegen gerichtlich vorzugehen, sei aber nahezu aussichtslos. „Klagen sie mal als kleines Reisebüro gegen einen Hotelbetreiber in der Dominikanischen Republik.“

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Eine vom Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern vorgeschlagene Verschiebung der Sommerferien wird als wenig hilfreicher Vorstoß betrachtet, um der Branche kurzfristig eine Perspektive zu geben. Die Touristiker hatten argumentiert, eine Verlegung der Ferien auf die Monate August und September könnte die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Reisen wieder erlaubt und vertretbar sind. Doch das dürfte den Veranstaltern nach Ansicht der Verbraucherschützer kaum helfen. „Wenn ein Kunde seine gebuchte Reise im Juli nicht antreten kann, weil seine Kinder dann noch ungeplanterweise in der Schule sind, dürfte er ebenfalls das Recht auf volle Rückerstattung haben“, sagt Hufländer. Und ob die Veranstalter so kurzfristig umdisponieren können, sei offen. „Unsere Umbuchungen gehen jetzt vor allem ins Jahr 2021“, berichtet van Daak.

Das Bremer Bildungsressort winkt ebenfalls ab. „Über die Ferientermine entscheidet die Kultusministerkonferenz. Eine Diskussion darüber ist uns nicht bekannt“, heißt es knapp von Ressortsprecherin Annette Kemp.

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