7-Tage-Inzidenz Darum sind die RKI-Zahlen für Bremen und die Region häufig irreführend

Die 7-Tage-Inzidenz ist entscheidend für härtere und lockere Maßnahmen. Doch oft hinken Robert Koch-Institut und Niedersächsisches Landesgesundheitsamt bei den Zahlen für Bremen und die Region hinterher.
28.11.2020, 05:00
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Darum sind die RKI-Zahlen für Bremen und die Region häufig irreführend
Von Patrick Reichelt

Der Wert gilt als der zentrale Maßstab in der Pandemie: Die Sieben-Tage-Inzidenz, also die Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen. Steigt er über die Warnstufe von 35, sollen erste Maßnahmen erfolgen, bei 50 treten vielerorts verschärfte Regeln in Kraft. Nach dem Willen von Bund und Ländern können ab einem Inzidenzwert von 200 gar besonders scharfe Maßnahmen erfolgen – bis hin zu Laden- und Schulschließungen.

Eine Auswertung zeigt jedoch, dass das Robert Koch-Institut (RKI) in einigen Fällen bei diesem wichtigen Wert daneben liegt und andere Ergebnisse als die Gesundheitsämter in Bremen und der Region liefert. Für den 1. November meldete das RKI für Bremen einen Wert von 227,3, die Bremer Gesundheitsbehörde gab 210,9 an – eine Differenz von mehr als 16. Auch wenn beide Institutionen in Bremen häufig relativ nahe beieinander liegen, gibt es immer mal wieder Ausreißer nach oben oder unten. Am 26. November lag die Differenz beider Werten gar bei fast 20: Das RKI gab 117,7 an, Bremen 137,6. Das hat derzeit noch keine gravierenden Auswirkungen, sobald die Werte aber wieder fallen, sind sie mitentscheidend für lockere oder härtere Maßnahmen. Sie bestimmen, ob eine verschärfte Maskenpflicht gilt, Lokale schließen müssen oder wie viele Gäste auf ­Feiern erlaubt sind. Das RKI hinkt dabei auch aus einem weiteren Grund hinterher: Auf dem Dashboard des Instituts werden die Daten immer erst um 24 Uhr aktualisiert. Am 7. Oktober hat Bremen etwa den Grenzwert von 50 gerissen, was beim RKI erst am nächsten Tag zu sehen war.

Doch wie kommen die Zahlen zustande? Sobald ein Labor einen positiven Test gemacht hat, schickt es das Ergebnis an das Bremer Gesundheitsamt. Das geschieht größtenteils per Software, aus Sicherheitsgründen oft auch parallel noch per Fax. Im Gesundheitsamt werden die Meldungen in den Computer eingegeben und dann abends zusammen mit dem Inzidenzwert veröffentlicht und an das RKI geschickt. In Bremen erfolgt der Schnitt um 16 Uhr, ab dann fließen keine Meldungen mehr in die tägliche Auswertung ein.

Warum die Zahlen beim RKI abweichen, weiß man im Bremer Gesundheitsressort auch nicht genau. „Es könnte an Problemen bei der Softwareanbindung des RKI liegen“, sagt Lukas Fuhrmann, Sprecher der Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz. Eine weitere Fehlerquelle war bis Anfang Oktober eine veraltete Einwohnerzahl, die das RKI zur Berechnung des Inzidenzwertes verwendet hatte, die aber mittlerweile angepasst wurde. Das RKI selber spricht von einem generellen Übermittlungsverzug oder eine Nachmeldung von Fällen, die in der Statistik dann später ergänzt werden. Für einen genauen tagesaktuellen Inzidenzwert ist es dann aber oft schon zu spät.

Noch kurioser wird es, wenn einzelne Gesundheitsämter eigene Zahlen für ihren Landkreis berechnen, wie es in Niedersachsen teilweise der Fall ist. Mit den Werten des RKI und des Niedersächsischen Landesgesundheitsamts (NLGA) gibt es dann mitunter drei verschiedene Inzidenzwerte für einen Landkreis. Im Landkreis Diepholz gab das NLGA etwa am 26. November eine Sieben-Tage-Inzidenz von 126,2 an, beim RKI lag der Wert bei 104,1 – beim Diepholzer Gesundheitsamt waren es nur 100,4. „Wir wollen die aktuellsten Daten darstellen und berechnen den Wert daher selbst“, sagt Mareike Rein, Sprecherin des Landkreises Diepholz. Niedersachsen würde die Daten mit bis zu dreitägiger Verzögerung auf der Internetseite angeben.

Für die Bürger ein Verwirrspiel, besonders, wenn die Zahlen irgendwann wieder in den Bereich des Grenzwertes von 50 fallen. In Diepholz würde man dann laut Sprecherin Rein beide Werte veröffentlichen, also vom NLGA und dem örtlichen Gesundheitsamt. Bindend ist in diesem Fall aber nur der Inzidenzwert des NLGA, denn er ist entscheidend für die Maßnahmen – so steht es in der niedersächsischen Corona-Verordnung. Einige Kreise und Städte in der Region geben deshalb nur noch den Wert der niedersächsischen Behörde an. Auch wenn diese oft einige Tage hinter dem tatsächlichen Wert hinterherhinkt.

Gerade in Niedersachsen geben die offiziellen Zahlen der Landesbehörde für einige Kreise somit ein verzerrtes Bild des tatsächlichen Infektionsgeschehens wieder. Vergleiche zwischen verschiedenen Landkreisen und Bundesländern sind so kaum sinnvoll. „Die abweichenden Werte sind für den Bürger verwirrend“, sagt auch Lukas Fuhrmann. Trotzdem hält er die Veröffentlichungen des RKI als zentrale Instanz für wichtig, die Meldung an das Institut sei für die Bundesländer ohnehin verpflichtend. „Die von uns veröffentlichten Zahlen stimmen“, stellt Fuhrmann klar.

Beim RKI weiß man um die Diskrepanz der Werte. „Generell gilt: Die Behörden im Land- oder Stadtkreis verfügen immer über die aktuellsten Zahlen. Diese sind mit ausschlaggebend für die Bewertung der Situation vor Ort“, heißt es dort. Beim NLGA klingt das anders: „Die Werte der Landkreise haben keine rechtlichen Auswirkungen, bindend sind nur die Zahlen des Niedersächsischen Landesgesundheitsamts“, so ein Sprecher. Für die Bürger bleiben die widersprüchlichen Werte damit vor allem eins: verwirrend.

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