Kapitän der Gorch Fock im Interview „Das wird sicherlich ein sehr emotionaler Moment“

Nach mehr als fünf Jahren in der Werft wird das Segelschulschiff Gorch Fock in Kürze wieder in See stechen. Nils Brandt, Kommandant des Großseglers, erklärt die Bedeutung dieses Moments für die Marine.
06.03.2021, 05:00
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„Das wird sicherlich ein sehr emotionaler Moment“
Von Ralf Michel

Herr Brandt, wollen wir mit den klassischen Gorch-Fock-Fragen der letzten Jahre beginnen? Also, ich frage Sie nach der Kostenexplosion bei der Sanierung, warum das alles über fünf Jahre gedauert hat und nach den Untreue- und Korruptionsvorwürfen im Zusammenhang mit der Pleite der Elsflether Werft-AG?

Nils Brandt: Und ich antworte dann, dass der wirkliche Zustand der Gorch Fock sich erst gezeigt hat, als man in der Werft gründlich unter die Planken und hinter die Wände geschaut hat, man einfach nicht wusste, wie stark die Substanz des Schiffes nach 60 Jahren angegriffen war, und dass die Aufarbeitung von Kosten und Korruption nicht Sache der Marine ist, sondern die der Gerichte?

Ja, so in etwa.

Ehrlich gesagt, bitte nicht schon wieder.

Okay, dann vielleicht so: Von Ihren knapp sieben Jahren als Kommandant lag die Gorch Fock mehr als fünf im Dock? Mitte März soll das Schiff nun wieder Wasser unterm Kiel haben. Wie fühlt sich das an?

Das wird mit Sicherheit ein sehr emotionaler Moment. Ich glaube schon, dass das für alle, die die Gorch Fock kennen, sehr bewegend sein wird. Die Stimmungslage bei der Besatzung ist auf jeden Fall super, jetzt, wo das Ende dieser fünfjährigen Odyssee erkennbar ist. Alle sind völlig motiviert, wieder an Bord zu kommen, das Schiff in Betrieb zu nehmen und endlich wieder auslaufen zu können.

Was hat sich am Schiff verändert? Haben Sie nur saniert, oder gibt es auch Neues?

Was von dem alten Schiff übrig geblieben ist, liegt im einstelligen Prozentbereich. Trotzdem werden Sie als Laie keinen Unterschied sehen. Wir waren sehr bedacht darauf, alles so zu erhalten, wie es vorher war. Die rotte Substanz wurde ausgetauscht, aber wir wollten den Charakter wahren. Neu ist in großen Teilen der Stahl des Rumpfes, sind die Masten und Rahen, das Holzdeck. Aber das ist nichts, wo Sie jetzt sagen: Da sieht man aber, dass sich was getan hat. Wirklich neu sind die Satellitenkommunikationsanlage sowie die Navigationsanlage, bei der nach 20 Jahren aber ohnehin ein Wechsel anstand.

Warum war es Ihnen so wichtig, wenig zu verändern?

Innerhalb des gegebenen Rahmens der Gorch Fock – 89 Meter lang, zwölf Meter breit – große Veränderungen vorzunehmen, wäre nichts Halbes und nichts Ganzes gewesen.

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Wenn man von vornherein gewusst hätte, die Sanierung wird nicht zehn, sondern 135 Millionen Euro kosten. Wäre da nicht auch infrage gekommen, ein ganz neues Schiff zu bauen?

Grundsätzlich ja. Aber bei einem Neubau hätte ich auf vieles verzichten müssen. Warum sollte man 2021 ein Schiff in Dienst stellen, in dem man mit 20 Mann in einem Deck wohnt? Das ist nicht State of the Art. Wenn Sie sich die neuen Schulschiffe heute anschauen, die haben noch 70 bis 80 Mann Unterbringungskapazität. Ich habe 242 Mann. Bei gleicher Größe. Auch deshalb meine Betonung, dass wir den Charakter des Schiffes erhalten wollen.

Also so eine Art Besitzstandswahrung?

Genau. Für das, was wir ausbilden wollen, brauchen wir letztendlich ein Schiff, das uns diesen Rahmen noch ermöglicht.

Aber warum muss es denn überhaupt ein klassisches Segelschulschiff sein? Sie kennen die Vorbehalte, Stichwort „teures Nationalsymbol“.

Die Gorch Fock ist ja unsere deutsche Marine-Traditionslinie. Die Wichtigkeit dieses Schiffes ist natürlich einem gewissen Wandel unterzogen. 1958 bei der Indienststellung war da neben dem Ausbildungscharakter auch die Funktion als „Botschafterin in Blau“. Wir wollten ein Schiff, das mehr oder weniger unbewaffnet die neue Bundesrepublik Deutschland repräsentieren konnte.

Und heute?

Da liegt der Schwerpunkt eindeutig auf Teambuilding. Das ist extrem wichtig geworden. Die gegenseitige Rücksichtnahme der Kadetten, die da unten in den Divisionen in den Hängematten schlafen mit 20, 25 Personen in einem Deck. Die Erfahrung, etwas nur gemeinsam zu schaffen. Weil wir halt keine Hydraulik oder elektrische Winden haben, sondern wirklich alle, die wir benötigen, an den Tampen stehen und im gleichen Rhythmus in die gleiche Richtung ziehen müssen, um irgendetwas zu bewirken.

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Klingt nach Managerkursus.

Das ist durchaus vergleichbar. In der freien Wirtschaft sagen die Unternehmen auch: Hey, wir müssen mal wieder lernen, miteinander zu arbeiten. Bei uns kommt dazu aber natürlich noch die Vermittlung der Dimension „See“.

Sie meinen die Natur und ihre Kräfte?

Zu erleben, dass man nicht einfach nur den Joystick nach vorne legt und in die gewünschte Richtung fährt, sondern dass die Natur einem Schiff, und einem Segelschiff im Besonderen, Grenzen setzt, ist enorm wichtig. Wir müssen auch Belastungsgrenzen vermitteln. Weil Seefahrt etwas ist, was ein Großteil unser Offiziersanwärter und -anwärterinnen so noch nicht erlebt hat. Sie müssen erfahren, was es bedeutet, in Schlechtwetterszenarien mit zwölf Windstärken und zehn Meter hohen Wellen noch Leistung zu bringen, beziehungsweise dann noch Leistung von den ihnen unterstellten Soldaten abzufordern.

Nun stand die Gorch Fock aber jahrelang nicht mehr als Ausbildungsschiff zur Verfügung. Klafft in der Offiziersausbildung der Marine jetzt eine gewaltige Lücke?

Nein, wir haben ja durchgehend weiter ausgebildet. Auf den Dienstsegelbooten an der Marineschule, auf der Mircea, dem rumänische Schwesterschiff der Gorch Fock, und zuletzt waren wir ja auch mit der Alexander von Humboldt unterwegs.

Der ehemalige Becks’s-Segler?

Ja. Da haben wir uns als Kojengäste eingechartert. Trotzdem mussten wir natürlich Abstriche machen. Auf der Gorch Fock habe ich normalerweise immer Lehrgänge oder Törnstärken von 100 bis 120 Kadetten. Auf der Alexander von Humboldt waren es zuletzt coronabedingt nur noch 20.

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Stichwort Corona: Wie soll das in den kommenden Monaten funktionieren? Sie sprachen von 20 bis 25 Leuten in einem Deck.

Die Erfahrungen auf der Alexander von Humboldt zeigen, dass es geht. Stammbesatzung, Ausbilder und Kadetten wurden getestet. Erst wenn das Ergebnis vorlag, durften sie an Bord. Danach gab es keine Chance mehr auf Landgang. Genauso werden wir uns auch verhalten, wenn es jetzt wieder losgeht. Und wir machen immer eine zweiwöchige Segelvorausbildung im Hafen. Das kann man sozusagen als Phase der Gruppenquarantäne sehen.

Wann laufen Sie denn wieder in ihrem Heimathafen in Kiel ein?

Geplant ist Anfang Juni. Ab dem 19. Juli wollen wir mit den ersten Kadetten eine Ausbildungsreise segeln. Aber alles hier im nordeuropäischen Bereich mit Schwerpunkt auf den deutschen Häfen. Im Herbst würden wir gerne nach Süden verlegen – Brest, Lissabon, Malaga –, wegen der besseren Witterungsbedingungen dort. Aber ob das klappt, wissen wir erst, wenn absehbar ist, wo die Reise mit Corona hingeht.

Nach dieser aufwendigen Sanierung – wie lange meinen Sie, wird die Gorch Fock jetzt halten?

Ich wüsste nicht, was dagegen spricht, dass das Schiff, so wie wir es jetzt wieder zusammengebaut haben, nicht weitere 30 bis 40 Jahre fahren sollte.

Das Gespräch führte Ralf Michel.

Info

Zur Person

Nils Brandt ist Kapitän zur See und seit Juni 2014 Kommandant der Gorch Fock. Der 54-Jährige ist gebürtiger Bremerhavener.

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