Jona: Freiwillige begleiten schwerstkranke Kinder „Den Alltag schön gestalten“

„Ich wünsche mir, dass sie innerlich etwas zu lachen hat.“ Bernadette Lüdkte Lesum.
16.05.2015, 00:00
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„Den Alltag schön gestalten“
Von Jörn Hüttmann

Nermin Rauvi spielt mit einem Holzring. Immer wieder spannt sich der Faden, mit dem der Ring an das Spielbrett auf ihrem Rollstuhl festgeknotet ist. Der Blick des kleinen Mädchens schweift hin und her. „Sie ist in ihrer eigenen Welt“, sagt Bernadette Lüdtke. Sie kennt Nermin. Weiß, was es heißt, wenn die Dreijährige den Kopf hin und her wirft. Auch wenn sie nicht miteinander reden können.

Nermin Rauvi ist krank, lebensbedrohlich krank. Deshalb ist das Kinderhaus Mara in Friedehorst ihr Zuhause. Dort kümmert sich das Pflegepersonal um sie. Und zusätzlich gibt es noch Bernadette Lüdtke vom Kinderhospizdienst. Der Hospizdienst Jona begleitet Kinder, die lebensbedrohlich erkrankt oder sehr stark behindert sind. Und die Ehrenamtlichen begleiten die Familien.

„Es sind Kinder, die das Erwachsenenalter wahrscheinlich nicht erreichen werden“, sagt Jona-Koordinatorin Monika Mörsch. Die Kinder haben ganz unterschiedliche Krankheitsgeschichten und Hintergründe. Für die Hospizarbeit ist das jedoch nicht entscheidend. „Wir unterstützen Kinder und ihre Familien im Alltag“, sagt Mörsch. Ziel ist es, das Beste aus der Situation zu machen. Psychosoziale Begleitung heißt diese Arbeit im Fachjargon. Sie ist zusätzlich, läuft parallel zu den Pflegeleistungen der Kassen und wird von ehrenamtlichen Helfern wie Bernadette Lüdtke erledigt.

Auch wenn der Tod bei der Hospizarbeit immer präsenter ist, als bei anderer sozialer Arbeit, geht es doch bei beiden um ähnliches. „Wir wollen den Alltag schön gestalten“, sagt Bernadette Lüdtke. Sie und Nermin gehen viel spazieren. Genießen es, an die frische Luft zu kommen. Das helfe vor allem dann, wenn Nermin schlecht drauf ist. „Das merke ich in der Zwischenzeit recht schnell.“ Außerdem kuscheln sie viel. „Man muss eben alle Sinne nutzen, die da sind.“ Die beiden stecken die Köpfe zusammen. Lüdtke zieht dem Mädchen sanft am Ohr und die Kleine kuschelt sich an die Rentnerin. „Das mag sie gern“, sagt Lüdtke.

Die Beiden haben ihren Weg gefunden. Bernadette Lüdtke hat gelernt, Nermin zu verstehen und das Mädchen kann auch ohne Worte deutlich machen, was sie mag und was nicht. „Nermin guckt immer so traurig und ich wünsche mir, dass sie innerlich doch etwas zu lachen hat“, sagt Lüdtke. Deshalb kommt sie einmal in der Woche. „Bei Bedarf auch öfter.“ Früher war sie in der Kirchengemeinde aktiv. Hat auch dort schon mit Kindern gearbeitet. „Ich wollte dann aber etwas anderes machen und meine Zeit sinnvoll investieren.“ So ist Bernadette Lüdtke zum Kinderhospizdienst gekommen. Das ist jetzt neun Jahre her. Seit zwei Jahren besucht sie Nermin. Davor hat sie sieben Jahre lang ein Kind betreut, dem es jetzt besser geht. „Es geht zur Schule und hat anschließend Logopädie, da werde ich im Moment nicht mehr gebraucht.“ Aber wenn es mal wieder schlimmer werden sollte, kommt sie zurück. „So ist die Abmachung.“

Beim Kinderhospizdienst Jona gibt es insgesamt 35 Ehrenamtliche wie Bernadette Lüdtke. „Sie begleiten 27 Kinder und ihre Familien“, sagt Monika Mörsch. Einige Familien werden von mehreren Helfern besucht. „Sie kümmern sich oft auch um die Geschwisterkinder und entlasten die Eltern.“ Darüber hinaus pausieren aber auch immer einige Freiwillige. Nach dem Tod oder einem anderen Ende einer Begleitung ist eine Pause mit Supervision Pflicht.

Aber schon bevor die Ehrenamtlichen in die Familien kommen, werden sie auf ihre schwierige Aufgabe vorbereitet. Alle müssen einen Vorbereitungskurs mit einem Umfang von mehr als 100 Stunden absolvieren. Sie setzen sich mit Verlust, Sterben, Tod und Trauer auseinander. „Anschließend machen die Meisten ein Praktikum im Kinderhaus Mara, um zu testen, ob die Arbeit wirklich etwas für sie ist“, sagt Monika Mörsch. Dann starten die normale Arbeit in den Familien und die begleitende Supervision.

„Es gibt Tage, an denen ich schon geknickt nach Hause gehe“, sagt Bernadette Lüdtke. An diesen Tagen nimmt sie nicht den direkten Heimweg, sondern dreht noch eine Runde mit dem Rad, um abzuschalten. „Man macht sich immer Sorgen, weil die Krankheit ja lebensbedrohlich ist.“ Sie habe erst über die Zeit gelernt, damit umzugehen. Schließlich sei der Kontakt mit schwerstkranken Kindern auch für sie Neuland gewesen. „Man sieht sie ja nie in der Stadt“, sagt Lüdtke. Dabei sollten sie Teil der Öffentlichkeit sein. „Denn man gewinnt auch unglaublich viel, durch die Begegnung mit den Kindern“, sagt Bernadette Lüdtke. Schließlich sind es eben auch Kinder. „Und wenn die gut drauf sind, ist hier im Kinderhaus die Hölle los“, sagt Monika Mörsch.

Informationen über das Kinderhaus Mara und den Kinderhospizdienst Jona auf www.friedehorst.de

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