Stadtteil als Vorreiter

Der Norden wird aufgeräumt

Bremen stockt die Zahl der Umweltwächter auf: 15 neue Einsatzkräfte sollen den Bremer Norden sauber halten. Das Modellprojekt stößt auf großes Interesse. Auch andere Stadtteile wollen die Helfer.
15.04.2018, 16:52
Lesedauer: 3 Min
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Der Norden wird aufgeräumt
Von Christian Weth
Der Norden wird aufgeräumt

Zwei Umweltwächter der ersten Stunden: Ludwig Wolter (links) und Michael Rodschies. Beide sind in Blumenthal im Einsatz – mal auf der Bahrsplate, mal im alten Zentrum.

Christian Kosak

Bremen-Nord. Eigentlich sollten die neuen Umweltwächter längst da sein. Doch der Starttermin für die Nordbremer Saubermänner hat sich verzögert: aus Anfang April wird nun Anfang Mai. Das Einstellungsverfahren, begründet die Senatskanzlei, dauert länger als gedacht. Die 15 Einsatzkräfte werden bei ihr angestellt. Ein personelles Plus in dieser Größenordnung, noch dazu auf einen Schlag, ist für sie ein Novum – aber vielleicht nicht der letzte Neuzugang an Helfern. Auch andere Stadtteile wollen mittlerweile Umweltwächter.

Noch sind sie ein Modellprojekt ausschließlich für Burglesum, Blumenthal und Vegesack. Sie sollen Vorreiter sein. So sagt es Martin Prange. Der Senatsbeauftragte für den Bremer Norden schließt jedoch nicht aus, dass andere Gebiete Bremens später dazukommen werden. Wenn sich das Konzept der Umweltwächter bewährt, wenn sie gute Arbeit leisten, wenn Plätze, Parks und Straßen tatsächlich sauberer werden. Prange ist zuversichtlich.

Andere sind mehr als das. Peter Nowack und Heiko Dornstedt zum Beispiel. Der Blumenthaler und der Vegesacker Ortsamtsleiter wissen, wie engagiert Umweltwächter arbeiten. In ihren Stadtteilen gibt es längst welche: in Blumenthal drei, in Vegesack einen. Im Grunde sind die beiden Stadtteile die Vorreiter der Vorreiter. Blumenthal ist mit den Hilfskräften Anfang vergangenen Jahres gestartet, Vegesack kurz danach.

Die neuen Umweltwächter werden mehr machen als die alten. Sie dürfen nämlich, was den anderen verboten ist: stadtteilübergreifend arbeiten und nicht bloß gebietsbezogen, einen Platz komplett und nicht nur teilweise reinigen. Der wesentliche Unterschied ist, dass sie nicht wettbewerbsneutral eingesetzt werden müssen. Staatlich gefördert werden aber auch ihre Stellen. Wie die alten waren auch die neuen Umweltwächter lange Zeit arbeitslos.

Es gibt Stimmen, die sagen, dass sich Bremen mit den neuen Umweltwächtern jetzt das Personal zurückholt, das die Stadt über Jahre beim Umweltbetrieb gestrichen hat. Und dabei auch noch spart, weil die Helfer, die sowohl aufräumen als auch Umweltsünder ansprechen, weniger kosten als Angestellte mit regulären Jobs. Martin Prange kennt die Kritiker. Er hat mit ihnen diskutiert. Der Senatsbeauftragte sieht die Sache anders. Genauso wie die Ortsamtsleiter.

Und wie Ulrich Ipach, Chef des Arbeits- und Lernzentrums. Der Nordbremer Beschäftigungsträger versucht, Langzeitarbeitslosen eine berufliche Perspektive zu geben. Er wählt die neuen Umweltwächter aus – fünf für Vegesack, fünf für Blumenthal, fünf für Burglesum. Und er wird ihren Einsatz koordinieren, wenn beispielsweise bei Großveranstaltungen mehrere Tage lang mal zehn oder gleich alle 15 Helfer auf einmal in einem einzigen Stadtteil gebraucht werden.

Für Ipach ist das Modellprojekt eine Chance für Menschen, die sich bisher vergeblich um einen Arbeitsplatz bemüht haben. Und warum, fragt er, soll eine Stadt das Instrument der geförderten Jobs nicht nutzen dürfen? "Wenn Bremen dazu beitragen kann, die Aussichten für Langzeitarbeitslose zu verbessern, damit sie auf dem ersten Arbeitsmarkt wieder Fuß fassen, sollte Bremen das genauso versuchen können wie Firmen." Bei denen seien Förderprogramme schließlich gang und gäbe.

Ipach hofft, was auch die Ortsamtsleiter und der Senatsbeauftragte hoffen: dass aus den staatlich geförderten Stellen reguläre werden. Martin Prange sagt, dass es bei dem Modellprojekt so schnell und so unbürokratisch wie möglich gehen sollte. "Darum haben wir uns entschieden, die Umweltwächter erst einmal bei der Senatskanzlei anzustellen." Langfristig sind für ihn auch andere Lösungen denkbar, beispielsweise die Stellen beim Ordnungsamt oder beim Umweltbetrieb anzusiedeln.

Dann nämlich, wenn die neuen Umweltwächter so erfolgreich sind, dass sie auch in anderen Gebieten der Stadt zum Einsatz kommen sollen – und das Team deshalb vergrößert werden muss. Modellregion ist der Norden bis Ende 2019. So lange wird das Projekt vom Jobcenter gefördert. Es übernimmt den Großteil der Personalkosten: 75 Prozent. Für den Rest kommt die Finanzbehörde auf. Laut Prange werden die neuen Umweltwächter streng nach Entgelttabelle des öffentlichen Dienstes bezahlt.

Ihre vier Kollegen, die schon jetzt in Blumenthal und Vegesack sauber machen und Umweltfrevler ansprechen, bekommen weniger Geld. Zwar werden auch sie vom Jobcenter und von der Stadt bezahlt, angestellt sind sie aber mal beim Förderverein der Blumenthaler Bürgerstiftung, mal beim Vegesack Marketing. Für die Männer wird auch früher Schluss sein als für die neuen Umweltwächter. Ihr Projekt läuft bereits Ende dieses Jahres aus.

Gespräche darüber, was aus ihnen werden soll, gibt es schon jetzt. Das sagt nicht nur der Senatsbeauftragte, sondern auch der Blumenthaler Ortsamtschef. Peter Nowack kündigt an, alles zu versuchen, damit die Umweltwächter der ersten Stunde einen Anschlussjob bekommen. Denn das, meint er, darf auf keinen Fall passieren: dass die Männer, die gute Arbeit leisten und endlich wieder Anerkennung finden, hinterher ohne Anstellung dastehen.

Ins Förderprogramm der neuen Umweltwächter können sie nicht aufgenommen werden. Das verhindern die Einstellungskriterien: Den Job bekommt nur, wer zuvor mindestens zwölf Monate ohne Arbeit war.

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