Multimedia-Reportage Ein Tag in den Parzellen auf der Werderinsel

Wir wussten nicht, was uns erwartet. Drei Journalisten, um die 30 Jahre alt, stürzen sich einen Tag in den Mikrokosmos Kleingarten. Ein wenig Angst hatten wir, zugegeben. Vor strengen Gesichtern, fliegenden Harken und zähnefletschenden Hunden.
22.05.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Hüttmann Kathrin Aldenhoff Lisa Schröder

Wir wussten nicht, was uns erwartet. Drei Journalisten, um die 30 Jahre alt, stürzen sich für einen Tag in den Mikrokosmos Kleingarten. Ein wenig Angst hatten wir, zugegeben. Vor strengen Gesichtern über Gartenzäunen, fliegenden Harken und zähnefletschenden Hunden.

Und dann – werden wir am frühen Morgen von einer Katze umschmeichelt; bekommen in einem Garten, den angeblich, so besagt es das Schild an der Pforte, ein bissiger Hund bewacht, einen Kaffee serviert; und begegnen Menschen, die uns von ihren Träumen erzählen. Eine Rentnerin wollte schon immer auf dem Land leben, nah an der Natur. Nur hat sich das nie so ergeben. Nun lebt sie ihren Traum auf der Werderinsel.

Ein anderer erzählt, dass sein australischer Freund durch den gemeinsamen Kleingarten in Bremen zum ersten Mal in seinem Leben etwas von saisonalem Gemüse gehört habe. Dass sie Kartoffeln und Tomaten anpflanzen wollen – ein Kindheitstraum von ihm. Und vorne im Garten soll ein pinker Flamingo stehen. Zwei Frauen – so locker und offen, man könnte sie sich auch gut in einem Café in Berlin-Kreuzberg vorstellen – sitzen an einer Kaffeetafel in ihrem Garten. Die Handtasche haben sie in den Baum gehängt, zwei Kinder rennen durch den Garten. Ein paar Zäune weiter baut ein Mann mit Irokesenschnitt an einer Holzumrandung für seine Beete.

Wir waren auf der Suche nach Klischees, nach Spießern, nach Rasenflächen, mit der Nagelschere geschnitten. Haben wir gefunden, natürlich. Aber auch viel mehr als das. Wir haben verstanden, dass es im Kleingarten Regeln gibt. Aber die sind nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass hier jeder die Freiheit hat, das zu tun und zu leben, was er will. Und dass jeder Garten ein Raum ist, in dem ein Traum Wirklichkeit werden kann.

Unsere Multimedia-Reportage sehen Sie hier.

6.25 UHR

Der Garten erwacht

Vögel zwitschern, sonst ist es ruhig auf der Werderinsel. Neben dem Weserstadion hebt sich die Sonne in den Himmel. Ein Mann verlässt seine Laube, er muss zur Arbeit. Seine Katze läuft ihm hinterher, er dreht sich noch einmal um, bringt sie ins Haus. Sie sei so zutraulich, sagt er, nicht dass sie noch einer mitnimmt.

7.30 UHR

Die Kaninchen

Kaninchen hoppeln von Garten zu Garten, sehen mal nach, wo sie noch an die Beete kommen. Viele Pächter haben ihr Gemüse mit Kaninchendraht umzäunt, denn es gibt viel zu viele Kaninchen. Wir lernen den Tag über: Sie mögen keine blühenden Tulpen und keine Osterglocken. Sonst aber fast alles.

8.45 UHR

Kaffee und Mettbrötchen

Ein Tablett steht auf dem Gartentisch, darauf ein Mettbrötchen, ein Pott Kaffee. Es schmeckt, erst recht bei dieser Ruhe. Fünf Jahre hat der Rentner auf die Parzelle gewartet. Nun ist es soweit. Noch ein Schluck Kaffee, dann will er sein Gewächshaus aufbauen. Für schwarze, gelbe und rote Tomaten.

10.20 UHR

Die Kita kommt

Der Kapitän der Sielwallfähre dreht ein paar Extrarunden, die Kinder kreischen. Die Kita-Gruppe der Bremer Friedensgemeinde springt von Bord, in Zweierreihen laufen die Kinder zu ihrem Garten. Eineinhalb Stunden haben sie dort Zeit, um Blumen zu gießen, Zweige zu schneiden, Fußball zu spielen – der Stadt zu entfliehen.

13.00 UHR

Mittagsruhe

Von 13 bis 15 Uhr ist Mittagsruhe. Keiner darf mit dem Auto vorfahren, die Gartenordnung des Landesverbandes der Gartenfreunde Bremen verbietet in dieser Zeit „Geräusch verbreitende Gartengeräte und Werkzeuge“. Drei Kinder springen trotzdem auf ihrem Trampolin und quietschen vor Vergnügen – Gartenordnung hin oder her.

14.15 UHR

Oh, du schöner Garten

Die Rentnerin im roten T-Shirt harkt sorgfältig die Erde ihrer Parzelle. Die Terrasse, die dort war, hat sie abgerissen, ein Beet soll hierher. Nur die vielen kleinen Steinchen, die müssen vorher noch raus. Nebenan im Garten hat es sich ihre Bekannte auf der Liege bequem gemacht und genießt die Sonnenstrahlen.

16.30 UHR

Kindergeburtstag

Für die junge Familie aus dem Viertel ist der Garten eine Oase, egal, wie überwuchert er ist. Sie bekam ihn ohne lange Wartezeit: Weil er so verwildert war, wollte ihn keiner. An diesem Nachmittag feiern sie den Geburtstag ihres Sohnes. Es gibt Saft und Kuchen, an der Gartenpforte sind bunte Ballons festgebunden.

17.30 UHR

Feierabendtrubel

Junge Leute radeln durch die Kleingärten zum Café Sand, Spaziergänger bewundern die prachtvoll blühenden Magnolien, die Gärtner werkeln vor sich hin. Jessica Homann mäht mit ihrer Tochter Frida den Rasen. Deren Schwester Tilda hat dazu keine Lust, sie sitzt auf der Bank und isst Apfelschnitze.

19.45 UHR

Beeren für den Enkel

Eine weißhaarige Dame in lila Outdoor-Jacke wässert ihre Beete. Sie zeigt uns ihren Garten: Dort hinten hatte sie Erbsen gesät für ihren Enkel, die haben die Kaninchen gefressen. Die Himbeeren da drüben, die werden aber kommen. Und dann kann der Fünfjährige im Garten seiner Oma seine Lieblingsbeeren pflücken.

21.00 UHR

Die Stille kehrt zurück

Auf dem Deichschartweg sind ein paar Skater und Radfahrer unterwegs. Die Gärten liegen still im Dunkeln, hier und da leuchtet schwach eine Solarlampe. Es wird kühl, der Sommer ist noch nicht da. Die meisten Kleingärtner sind nach Hause gegangen. Die Zeit der langen Gartennächte beginnt erst noch.

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