Ausflügler genießen Sonne und maritimes Flair / Saisonales Verkehrs-Chaos nervt Bewohner der Weserinsel Ein Tages-Trip nach Harriersand

Im Sommer lockt die Weserinsel Harriersand mit ihrem Strand und üppig wuchernder Natur etliche Ausflügler und Camper an. Viele Weser-Insulaner sehen dieser Zeit jedoch skeptisch entgegen. Zum Saisonauftakt hat sich die NORDDEUTSCHE ein paar Stunden auf der Insel umgeguckt.
31.05.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Imke Molkewehrum

Im Sommer lockt die Weserinsel Harriersand mit ihrem Strand und üppig wuchernder Natur etliche Ausflügler und Camper an. Viele Weser-Insulaner sehen dieser Zeit jedoch skeptisch entgegen. Zum Saisonauftakt hat sich die NORDDEUTSCHE ein paar Stunden auf der Insel umgeguckt.

Die Sonne lugt zwischen dunklen Wolken hervor, aber es ist schön warm. Ein guter Tag für einen Ausflug zur Weserinsel Harriersand. Auf der zehn Kilometer langen, schmalen, inseleigenen Asphaltstraße ist kaum etwas los. Das Schilf wogt, und es riecht schon ein bisschen nach Sommer. Vor mir fährt ein nobles Cabriolet mit Münchner Autokennzeichen. Hat sich der Fahrer verirrt?

Ein Trecker kommt uns rumpelnd auf der schmalen Inselstraße entgegen. Alle bremsen ab, manövrieren aneinander vorbei. Etwa 500 Meter weiter steht ein kleines Hinweisschild: „Weser“ steht darauf. Der Pfeil weist zum Deich. Das Cabriolet hält am Straßenrand. Ich halte direkt daneben und grüße den Fahrer durchs geöffnete Seitenfenster. „Wissen Sie zufällig, was es da zu sehen gibt?“, fragt mich der junge Mann hinter dem Lenkrad. „Nein, keine Ahnung – ich bin zum ersten Mal hier.“ Wir gehen beide über einen Trampelpfad Richtung Weser. Der Mann mit dem Münchner Kennzeichen am Wagen heißt Hauke Sieling, ist 30 Jahre alt und entpuppt sich als Bremer. Er hat den schnieken Wagen nur geliehen – für eine Geschäftsreise nach Rügen. Es ist auch sein erster Ausflug nach Harriersand. „Das Wetter ist gut, da hab ich mir den Wagen geschnappt und bin losgefahren“, sagt Sieling und hockt sich kurz in den Sand.

Ein Schlepper fährt vorbei, sanft schlagen die Wellen ans Ufer. Ein Pärchen in kurzen Hosen läuft mit einem Picknickkorb und Wolldecke am Ufer entlang – wohl auf der Suche nach einem geschützten Plätzchen. „Das kann man an der Weser in Bremen auch haben – am Café Sand sogar besser“ , findet Hauke Sieling und macht sich kurz darauf auf den Rückweg.

Weserabwärts sitzt Lars Hinte mit seiner Freundin und einem angeleinten Staffmix-Terrier namens Albert auf einer Decke. Der 37-jährige Tischlergehilfe kommt aus Blumenthal und fährt regelmäßig zum Harriersand. „Wenn es warm ist, gehen hier auch viele ins Wasser“, sagt er. „Wir genießen die Ruhe, das Wasser, die Aussicht und die schöne Luft.“ An diesem Maitag ist die Weser offenbar noch zu kalt, auch für den 13-jährigen Rüden Albert. Er bevorzugt den warmen Sand und blickt übers Wasser auf die Silhouette von Brake.

Einige Kilometer weiter, auf dem Parkplatz der Strandhalle-Harriersand, stehen Fahrzeuge aus dem Sauerland, Cuxhaven, Osnabrück und Dachau. Im Strandlokal ist aber nicht viel los. Nur wenige Sonnenanbeter tummeln sich an den Tischen auf der Terrasse. Vis-à-vis am anderen Weserufer verschandelt das klotzige Hafenterminal mit der Aufschrift „J. Müller“ die Aussicht. „Der Strand selbst ist ganz schön, aber man darf nicht nach rechts gucken“, scherzt die Aumunderin Viola Stolle und bezahlt die Rechnung. „Den Blick weserabwärts muss man ausblenden“, findet auch ihre Mutter Helga Seiffert. Die beiden Frauen kommen jedes Jahr mindestens einmal her, „um nach dem Rechten zu gucken“. Bei Ebbe sei es sogar möglich am Strand entlang zulaufen. „Letztes Jahr stand hier auch noch ein großer Baum – der ist nun weg“, bedauert Viola Stolle, freut sich aber über die neu angepflanzten Bäume vor der Terrasse. „Wenn die erst mal größer sind...“

Eine Servicekraft serviert drei Senioren unter einem Sonnenschirm riesige Eisbecher mit Schlagsahne. Der düstere Gastraum der Strandhalle ist dagegen komplett verwaist. Erika Hilmer ist die gute Seele des Lokals. Vor 42 Jahren ist sie nach Harriersand gezogen – der Liebe wegen. Seither muss sie ihre Einkäufe im rund 15 Kilometer entfernten Neuenkirchen perfekt organisieren. „Man kann nicht mal eben wegen einem Paket Zucker hin- und zurückfahren“, betont sie. Schon gar nicht im Sommer, wenn die Inselstraße von Autofahrern und Radlern bevölkert sei. Die zehn Kilometer müsse man dann im Schneckentempo zurücklegen. „Dann sind die Einheimischen oft am Rande ihrer Geduld“, gesteht Erika Hilmer und schnipst einen Krümel vom Tresen.

Bis dato sei es ja noch sehr ruhig auf der Insel. Aber bei schönem Wetter stünden am Straßenrand beim Strand durchaus mal über hundert Fahrzeuge. „Und die Radfahrer tun so, als hätten sie die Straße gepachtet.“ Für die knapp hundert Bewohner der Insel sei die Ruhe im Winter daher besonders reizvoll, so Hilmer.

Auf dem Parkplatz vor der Strandhalle stehen inzwischen mehrere Oldtimer mit laufenden Motoren. Pascal Jonouch sitzt in einem historischen VW-Bus. Ein Filmteam drehe auf der Insel eine Dokumentation über die hiesige Schulbusfahrerin, erzählt der junge Mann. Thema seien auch die ständigen Ausweichmanöver auf der schmalen Inselstraße, erklärt er. Und um diese Szenen etwas gefälliger zu gestalten, habe das Filmteam die Oldtimerfahrer engagiert.

Auf dem Rückweg sehe ich die Kolonne der Wagen tatsächlich in Reih und Glied am Wegesrand stehen. Die Fahrer warten auf den entgegenkommenden Schulbus. Das Kamerateam gibt ihnen per Funk die Regieanweisungen. Eigenartig, aber offensichtlich: Auf der Weserinsel Harriersand ist der Straßenverkehr ein zentrales Thema. Daran ändern auch die zahlreichen Haltebuchten nichts, die ich auf dem Rückweg bei Gegenverkehr mehrfach ansteuern muss.

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