Bremerin gegen Trump Eine echte Kämpfernatur

Amoklauf in einer Grundschule: Der erste Roman der gebürtigen Bremerin Rhiannon Navin berührt und rüttelt auf. Was die US-Staatsbürgerin sonst noch tut, um ein Zeichen gegen Gewalt und für Demokratie zu setzen.
20.08.2019, 18:15
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Eine echte Kämpfernatur
Von Monika Felsing

Bremen. Runter auf den Boden und die Tasche über den Kopf! „Duck and cover“ haben Schulkinder während des Kalten Krieges in den USA trainiert. Heutzutage üben sie, einen Amoklauf zu überleben. Auch die beiden Söhne und die Tochter von Rhiannon Navin. Ein paar Tage nach der Einschulung ihrer Zwillinge hat die gebürtige Bremerin, die bei New York lebt, ihren Jüngsten unter dem Esszimmertisch gefunden. Der Fünfjährige weigerte sich, aus der Deckung zu kommen. Er hatte gelernt, sich vor einem bewaffneten Mann zu fürchten.

Die Angst ist real. Tagtäglich melden Fernsehsender, dass irgendwo in den USA mehrere Menschen auf der Straße, in einem Einkaufscenter oder einem anderen öffentlichen Ort erschossen worden sind. „Wir hatten schon das 249. Mass Shooting in diesem Jahr“, sagt Rhiannon Navin. „Davon waren 23 Amokläufe in Schulen. Man leidet körperlich und seelisch, wenn man so etwas hört.“

Und sie ist nicht die Frau, die ihre Wut und ihre Trauer in sich hineinfrisst. „Ich bin politisch sehr aktiv.“ Seit Längerem arbeitet sie an der Kampagne „We Can End Gun Violence“ (Wir können die Waffengewalt beenden) mit, sie setzt sich für Klimaschutz ein und hat sich als Demokratin der Graswurzelbewegung angeschlossen, der etwa 7000 Gruppen im ganzen Land angehören. Das ist ihr Amerika. Das andere Amerika.

Rhiannon Navin lebt seit 17 Jahren in den USA. Die Wahl 2016 war die erste, an der sie teilnehmen durfte, denn erst kurz vorher hatte sie die US-Staatsbürgerschaft erhalten. „Ich habe meiner Tochter gesagt, dass ich die erste amerikanische Präsidentin wähle – und dann musste ich meinen Kindern am nächsten Morgen erklären, dass es anders gekommen ist.“ Der Schock sitzt noch immer tief, und jeden Tag mehren die Nachrichten den Zorn darüber, dass ein Mann wie Donald Trump im Weißen Haus das Sagen hat. Die Großdemo „We the People“ (Wir, das Volk) am 21. September in Washington steht schon im Terminkalender.

Ihre Tochter und ihre beiden Söhne erkennen, ob Mama wieder Demonstrieren geht. „Ich habe meine Protesttasche“, sagt sie und lächelt ziemlich entwaffnend. „Sogar Protestschuhe!“ Und Handfesseln aus Plastik, weil sie bei Sitzblockaden festgenommen worden ist. Mehr als einmal. „Meine Kinder fanden das toll!“ Ihr Gesichtsausdruck wird ernst. „Mir ist wichtig, dass sie sich, wenn sie zurückblicken, nicht erst fragen müssen: Was hat meine Mama gemacht? Meine Kinder wissen, ich habe mich nicht zurückgelehnt und zugeschaut. Ich mache jeden Tag etwas, ob ich Postkarten an Politiker schreibe oder Anrufe mache, ob ich mich über Politik unterhalte oder etwas lese, mich informiere...“

Auch wenn die Anti-Waffen-Liga deutlichen Zulauf hat, dürfte es noch ein weiter Weg sein zu einem friedlicheren Alltag. Alarmübungen sind in den Schulen der USA Routine. Die Lehrkraft schließt dann das Klassenzimmer ab, verdunkelt die Fenster, löscht das Licht, und alle sind leise und verstecken sich. Rhiannon Navin hat aus diesem amerikanischen Albtraum einen Roman gemacht, der ein Tatsachenroman sein könnte und doch ausdrücklich Fiktion ist. Umso echter wirken die Gefühle des sechs Jahre alten Ich-Erzählers Zach, seine Ängste, aber auch seine Verwunderung, seine pragmatischen Versuche, die Dinge einzuordnen in das Bild der Welt, die er kennt.

Kinder, weiß man, erleben den Terror des Krieges, der Verfolgung oder eines Angriffs auf eine Schule anders als Erwachsene. Und sie sind zu Einsichten fähig, die ihren Eltern verschlossen bleiben. Besonders deutlich wird dies in der Holocaustliteratur, etwa im autobiografischen KZ-Roman „Kinderjahre“, den Jona Oberski 1978 aus der Perspektive eines Vier- bis Siebenjährigen geschrieben hat.

Auch Zach ist ein Kind, das überlebt hat. Um sich zu beschäftigen, hat er in seinem Versteck die eigenartigen Geräusche gezählt, denn zählen kann er schon. „Plopp, plopp, plopp.“ Eins, zwei, drei.

Was geht in einem Sechsjährigen vor, der so etwas durchmacht? Rhiannon Navin hat sich in ihren Nachwuchs hineinversetzt und einiges dabei gelernt. „Ich habe Respekt vor der Weisheit unserer Kinder“, hat sie bei einer Buchvorstellung in den USA gesagt. „Wir glauben immer, dass wir Erwachsenen diejenigen sein sollten, die den Kindern die Welt erklären. Manchmal wäre es gut, innezuhalten und unsere Kinder uns leiten zu lassen.“

„Only Child“ ist ihr erster Roman. Rhiannon Navin, Jahrgang 1978, eine Kippenberg-Absolventin, war früher für Werbeagenturen in New York tätig und macht jetzt ihre eigene Öffentlichkeitsarbeit. Als Schriftstellerin mit einer politischen Botschaft hat sie inzwischen mehrere Fernsehauftritte absolviert, auf Tagungen und in Schulen gesprochen, über Skype mit einer deutschen Klasse diskutiert. Besonders beeindruckt hat sie der Kommentar einer 16-Jährigen aus der Kleinstadt, in der sie mit ihrem Mann und ihren Kindern lebt. „Ich habe einen Ort für meinen Schmerz gesucht und ihn in deinem Buch gefunden, hat sie zu mir gesagt. Das hat mir mehr bedeutet als die Rezension in der New York Times.“ Mittlerweile ist ihr Buch in 17 weitere Sprachen übersetzt worden. Die deutsche Ausgabe „Alles still auf einmal“ hatte in der Georg-Büchner-Buchhandlung am Ziegenmarkt Premiere.

Im Nachbarstadtteil Schwachhausen ist die Autorin aufgewachsen, in einem Zuhause voller Bücher. Einem verdankt sie ihren Vornamen: Ihre Mutter Ursula Carr, eine Lehrerin, hat sie nach einer Frauengestalt aus einer alten walisischen Erzählung benannt.

Längst hat Rhiannon Navin die Liebe zur Literatur an ihre Kinder weitergegeben. Gemeinsam haben sie die Reihe „The Magic Tree House“ von Mary Pope Osborne verschlungen, in der auch Zach Trost und Erklärungen sucht.

Ihrem eigenen Buch hat Navin ein Zitat aus Pope Osbornes fiktivem Tagebuch einer amerikanischen Jugendlichen aus dem Zweiten Weltkrieg vorangestellt: „Wenn ich aufrecht meiner Angst ins Gesicht sehe, kann ich sie besiegen.“ Es klingt nicht nur wie eine Kampfansage. Es ist eine.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+