Das Vietor-Haus des Kippenberg-Gymnasiums

Eine Millionärsvilla als Schule

Gebäude mit Geschichte: Das mehr als 100 Jahre alte Vietor-Haus gilt als architektonisches Glanzstück - und beherbergt nun Schülerinnen und Schüler des Kippenberg-Gymnasiums.
23.11.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Eine Millionärsvilla als Schule
Von Silke Hellwig

Gebäude mit Geschichte: Das mehr als 100 Jahre alte Vietor-Haus gilt als architektonisches Glanzstück - und beherbergt nun Schülerinnen und Schüler des Kippenberg-Gymnasiums.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, das Kippenberg-Gymnasium hätte einmal so anfangen – in einer schmucken Villa, nur mit einigen Pennälern. Und sei dann gewachsen und gewachsen, zu dem heutigen Ensemble mit sieben architektonisch unterschiedlichen Gebäuden. Tatsächlich wird das älteste Gebäude der Schule, das Vietor-Haus, die einstige Villa Biermann, seit 1943 für den Schulunterricht genutzt. Erbaut wurde sie 1911 bis 1913 für den Tabakkaufmann und Millionär Friedrich Carl Biermann (1872-1923), nach den Plänen der Architekten Carl Eeg und Eduard Runge, die auch die innenarchitektonischen Arbeiten übernahmen.

Wie Joachim Colberg in „Bremer Häuser erzählen Geschichte“ und einem Aufsatz über die Villa Biermann schreibt, genossen beide Architekten „weit über Bremen hinaus in Fachkreisen großes Ansehen“. Die Villa bezeuge „mit welcher, im eigentlichen Sinne des Wortes, gediegenen Stilsicherheit geplant und gearbeitet wurde, mit dem Ziel, eindrucksvolle, aber nicht aufdringliche Eleganz einzubringen“.

Ein Monument großbürgerlicher Wohnarchitektur

Ein Vermögen muss diese Eleganz den Kaufmann gekostet haben. Biermann konnte es sich leisten, er hatte ein Zigarren-Imperium geerbt. „Engelhardt & Biermanns“ soll zu den bedeutendsten Firmen seiner Branche in Deutschland gezählt haben. Man mag sich den Kaufmann als eine Art bremischer Buddenbrook vorstellen: Er genoss höchstes Ansehen, war Mitglied der Handelskammer, der Bremischen Bürgerschaft und von 1911 bis 1919 des Senats.

Biermanns Imperium litt jedoch schwer in der Weltwirtschaftskrise. Er starb 1923, die Villa (wegen des einstigen Gartens auch „Haus Blumeneck“ genannt) blieb. In öffentlichem Eigentum ist sie seit rund 80 Jahren. 1981 wurde sie unter Denkmalschutz gestellt. Zur Begründung heißt es: Die Villa „zeigt ohne Ornamentik sehr fein gegliederte und gestaltete Außenansichten, sie erreicht durch die Verwendung heimatverbundener, besonders qualitätsvoller Materialien und durch ihre ausgewogene Proportionierung besondere Bedeutung.“ Den „gesellschaftlichen Ansprüchen des Bauherrn entsprechend“, so das Amt für Denkmalpflege, „ist eine besonders repräsentative Villa entstanden“. Sie sei, schreibt die Kunsthistorikerin Dorothee Hansen in einem Buch über die Schule, „trotz seiner späteren Nutzung als Schulgebäude bis heute ein Monument großbürgerlicher Wohnarchitektur und Beispiel für einen gediegen-fortschrittlichen Kunstgeschmack geblieben“.

Bemerkenswerte Details

Tausende von Schülern haben die Steinstufen ausgetreten, die in ein mit Marmor ausgekleidetes Entree führen und damit sichtbar in ein anderes Jahrhundert. Vieles der einstigen Pracht im Inneren ist noch erhalten, auch wenn es von seinem Glanz verloren hat – Türen und Fenster, Parkett und Holztäfelungen, selbst Einbauschränke und Toiletten. Dabei gingen die Schüler ausgesprochen schonend mit der Villa um, sagt Schulleiter Hermann Pribbernow. Der reguläre Unterricht dort ist vor allem den Oberstufenschülern vorbehalten. Ihnen, sagt Schulelternsprecherin Johanne Boehme, sei es gewissermaßen eine Ehre, in dem altehrwürdigen Gebäudeteil unterrichtet zu werden. „Auch die Kleinen wissen damit umzugehen“, so der Schulleiter.

Wie imposant das Gebäude samt Nebengebäuden, Einrichtungen und Ausstattung einmal war, kann man nicht nur auf Fotografien bewundern. Man ahnt es auch, wenn Pribbernow mit dem Direktoren-Schlüsselbund in der Hand Zutritt zu den Räumen gewährt – vom Keller, dem einstigen Küchen- und Bewirtschaftungstrakt, bis zum Dachgeschoss, das Angestellten vorbehalten war, samt eigenem Treppenhaus. Pribbernow wird beim Rundgang nicht müde, auf bemerkenswerte Details zu verweisen – wieder aufgenommene Ornamente und Muster, außerordentliche Holzarbeiten, durchdachte Konstruktionen, technische Errungenschaften, ihrer Zeit voraus.

Einst Mädchen vorbehalten

Johanne Boehme liegt die Villa nicht nur als Schulelternsprecherin am Herzen. Sie gehört obendrein zu einem Kreis ehemaliger Schüler, Lehrer und anderer Interessierter, der den Verein „Freundeskreis Vietor-Hauses“ wiederbelebt. Sein Anliegen: „den Kontakt zwischen der Schule und dem Stadtteil herzustellen und zu pflegen“, unter anderem durch kulturelle Veranstaltungen in dem Gebäude.

Dessen Geschichte ist wechselvoll. In Kurzform: Friedrich Carl Biermanns ältester Sohn Ludwig verkaufte das Gebäude nach dem Tod seines Vaters an die Stadt. Bald zogen die ersten Schülerinnen ein. Der Name Vietor-Haus erinnert an die Bremer Pädagogin Anne Vietor (1860-1929), die die heutige Grundschule an der Carl-Schurz-Straße leitete – damals als höhere Mädchenschule. Laut Colberg war die Schule so beliebt, dass sie sich bald bis in die Biermann-Villa ausbreitete. Das Kippenberg-Gymnasium, einst Mädchen vorbehalten, kam ebenfalls dazu, nachdem es nach der Zerstörung des ursprünglichen Schulgebäudes am Wall während des Kriegs provisorisch mit im Hermann-Böse-Gymnasium untergekommen war.

Sehr alte Dachziegel

Eine einzige Familie hat einst in der Villa gewohnt – samt einer unbekannten Zahl von Angestellten. Eignet sich ein mondänes Haus wie dieses überhaupt für zeitgemäßen Unterricht? Es gebe moderne Schulgebäude, sagt Pribbernow, die keine Wünsche übrig ließen. Die Villa sei damit nicht zu vergleichen, eigne sich aber durchaus, noch besser indes, wenn sie saniert werden würde. „Eigentlich ist der Zustand ein Jammer, aber Bremen fehlt natürlich das Geld. Wir versuchen das Haus, im Rahmen unserer beschränkten Möglichkeiten zu pflegen. Aber manchmal blutet einem das Herz.“

Warum Pribbernows Herz blutet, wird vor allem im Dachgeschoss offenbar. Seit vielen Jahren darf es aus Brandschutzgründen nicht mehr für den Unterricht genutzt werden. Die Zeit scheint dort mitten im Unterricht der 1950er-Jahre stehen geblieben – bis auf die Flächen, die irgendwann irgendwelche Lümmel mit Filzstift zeitgenössisch verunstaltet haben. Weitaus gravierendere Schäden sind nicht minder offensichtlich. Die Dachziegel, sagt Pribbernow, sind mehr als 100 Jahre alt – „noch hält’s“.

Was würden die Architekten Runge und Eeg wohl sagen, wenn sie wüssten, dass sich heute Schüler in der Villa mit Wissen vollstopfen lassen? „Ich kann nur hoffen, dass sie so denken würden wie ich“, sagt der Schulleiter: „Dass das Gebäude würdige Nachfolger gefunden hat, weil jetzt junge Menschen ein und aus gehen und so geprägt werden, wie ein so schönes Gebäude wirken und genutzt werden kann.“

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