Rund 400 Zuschauer am Punkendeich Eiswette 2018: Die Weser geiht

Sie geiht anstatt steiht: Die Temperaturen sind auch in diesem Jahr zu hoch. Die Prüfung des Schneiders bei der Eiswette fiel deshalb erwartbar aus - obwohl er 123 Gramm zu wenig wog.
06.01.2018, 13:00
Lesedauer: 4 Min
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Eiswette 2018: Die Weser geiht
Von Antje Stürmann

Da hat Bremen noch einmal Glück gehabt: Beinahe hätte die Eiswette nicht stattfinden können. Eine der wichtigsten Personen, das Schneiderlein, boykottierte das 189 Jahre alte Ritual. Es sei im vergangenen Jahr von Fotografen bedrängt worden, schrieb das Schneiderlein via E-Mail an den Notarius Publicus. Das Präsidium der Eiswette ließ deshalb in diesem Jahr extra besondere Absperrungen aufbauen.

Rund 400 Menschen verfolgten traditionell am Tag der Heiligen Drei Könige das Schauspiel am Punkendeich nähe Sielwall. Neben der Polizei achteten acht Mitglieder des Technischen Hilfswerks auf einen gesicherten Ablauf. Mehr als 20 Vertreter der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) halfen größtenteils ehrenamtlich bei der Durchführung der Eiswette. Über die erste wichtige Frage, ob der Schneider wohl das in den Statuten vorgeschriebene Gewicht von 99 Pfund (samt heißem Bügeleisen) auf die Waage bringen wird, ulkte Sänger und Unterhalter Hubert Jebens, bekannt als Jonny Glut: „In den Wettbüros laufen die Drähte heiß: ,Mein Gott, hadder jetz‘ zugenommen oder nich?‘“. Nächste Hürde: „Der Schneider muss mit dem brennend heißen Bügeleisen rüber über die Weser. Kommt das drüben glühend an, ist er ein gemachter Mann“, erklärte Jonny Glut. „Ist der Strom noch offen, betrachte dich als abgesoffen.“ Damit es soweit nicht kommen konnte, hielt sich der Seenotkreuzer „Eugen“ bereit, den Schneider aufzunehmen.

"Eiswette first": Trump bekommt sein Fett weg

Doch das Schneiderlein (alias Peter Lüchinger von der Bremer Shakespeare Company) streikte. „Zum ersten Mal seit 189 Jahren ist die Zeremonie von Beginn an außer Kontrolle“, sagte Eiswett-Präsident Patrick Wendisch. Immerhin kamen die Mitglieder des Präsidiums (schwarze Mäntel, weiße Schals und Zylinder) ihrer Pflicht nach. Unter den wachsamen Blicken des Notarius‘ stellten sie bei ihrem Steinwurf fest: De Werser geiht. Sieben Novizen aus der ehrenwerten Bremer Gesellschaft waren ebenfalls Zeugen. Ebenso wie die Heiligen Drei Könige. Die Hoheiten waren wegen der vielen Bremer Verkehrshindernisse und Baustellen mit dem Fahrrad gekommen.

Und was wäre die Eiswette ohne ihre kleinen Sticheleien in Richtung Politik und Gesellschaft. Bundespolitiker wie Wolfgang Kubicki und Martin Schulz nahmen die Darsteller ins Visier. Auch der US-amerikanische Präsident Donald Trump bekam sein Fett weg. „Eiswette first“, rief der Medicus unter dem Beifall des Publikums, „we will make Eiswette great again“. So richtig bunt wurde es, als der Schneider doch noch auftauchte. „Schneider first“ stand auf seiner Mütze. Er habe die Schnauze voll, es zählten doch nur noch Bilder und Fake News, rief er. Gemeinsam mit den Heiligen Drei Königen und dem Notarius nahm er den teuren Umbau des Schwachhauser Stern aufs Korn, die holprige Planung der Stephanibrückensanierung, die Bremer Bettensteuer und das vom Senat angeregte Rauchverbot an Haltestellen für Bus und Bahn. „Das ist bremische, überblickende Politik“, verteidigte Präsident Patrick Wendisch. Der Schneider konterte: „Die Bremer Politik kann man nur bekifft aushalten.“

Hohn und Spott musste auch die Opposition in der Bremischen Bürgerschaft über sich ergehen lassen. „Die CDU will den florierenden Neustädter Hafen stilllegen und dort Wohnungen bauen. Das ist ein totaler Hirnfurz“, schimpfte der Schneider. Da könne man ja gleich die Weser zuschütten. Dann müsse er wenigstens nicht mehr zur Eiswette kommen.

123 Gramm zu wenig

An diesem Sonnabend kam er jedenfalls nicht drum herum. Nachdem der Notarius die Statuten von 1829 verlesen hatte, stellte er fest: Der Schneider wiegt 123 Gramm zu wenig. Ein Bremer aber weiß sich zu helfen. Der Notarius legte einfach ein „gutes deutsches Durchschnittswürstchen“ dazu, der Medicus noch drei Gramm „scharfsinnigen Senf“ und siehe da: Das Gewicht passte. Schwadronierend bahnte sich das Schneiderlein anschließend den Weg zur Weser. Präsident Patrick Wendisch verkündete endgültig: „De Werser geiht!“

Am 20. Januar folgt Teil zwei der Eiswette: das Eiswettfest. Bei der ersten Eiswette der Bremer Kaufleute im Jahr 1829 mussten die Verlierer den 18 Mitgliedern des Präsidiums ein Kohlessen ausgeben. 2018 erwartet Zeremonienmeister Stefan Bellinger 800 Herren im Congress Centrum an der Bürgerweide. Die Gäste geben eine Art Eintritt zur Finanzierung der Veranstaltung und legen mindestens 20 Euro in die Kasse der Seenotretter. 2017 sind über 450.000 Euro an Spenden zusammengekommen.

Wissenswertes für Eiswett-Neulinge

Seit wann gibt es die Eiswette?

Laut Überlieferung haben im November 1828 Bremer Kaufleute gewettet, ob die Weser Anfang Januar 1829 zugefroren sein wird, also „steht“. Gewettet wurde um „vaterländischen Kohl samt Zubehör“ für die 18 Mitglieder des Präsidiums.

Welche Bedeutung hat die Wette heute?

Die Eiswette ist ein symbolischer Akt, der zeigt, wie wichtig die Verkehrsader Weser im 19. Jahrhundert war. Denn: War der Fluss zugefroren, stand in Bremen der Handel vor allem in den Häfen still. Die gesamte wirtschaftliche Entwicklung wurde negativ beeinflusst. Deshalb war für die Bremer wichtig: Können Schiffe passieren oder nicht. Mit der Eiswette wird daran erinnert. Um den Gästen bremische Belange und Traditionen näher zu bringen, gibt es in zwei Wochen ein Fest mit 800 Teilnehmern im Congress Centrum. Dort tauschen sich Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Kunst aus und knüpfen Kontakte.

Wird tatsächlich noch gewettet?

Beim Eiswettfest ziehen die Ehrengäste Lose. Wer verloren hat, muss pro Kopf symbolisch 20 Euro zahlen.

Was kostet und was bringt die Eiswette?

Das Eiswettfest wird nach Angaben von Secretarius Jürgen Albrecht ehrenamtlich organisiert. Die Teilnehmenden bezahlen einen Beitrag, um das Fest zu finanzieren. Während des Festes wird zu einer Spende aufgerufen zugunsten der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. In den vergangenen beiden Jahren kamen jeweils rund 450 000 Euro zusammen. Die Organisation ruht vor allem auf den Schultern des Secretarius‘ Jürgen Albrecht, des Präsidenten Patrick Wendisch und des Zeremonienmeisters Stefan Bellinger. Die Vorbereitungen beginnen im Sommer.

Wann war die Weser zuletzt zugefroren?

Das war im Winter 1946/47, aber in jenem Jahr gab es keine Eiswette. Erst 1949 hat wieder ein Schneider geprüft, ob die Weser „geiht oder steiht“.

++ Dieser Artikel wurde um 18.47 Uhr aktualisiert. ++

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