Erste geimpfte Bremerin „Was soll das mit Mallorca?“

Alice Oeßelmann wurde im Dezember als erste Bremerin gegen Corona geimpft und hat ihre Entscheidung nicht bereut. Für die Spanien-Urlauber hat die 85-Jährige kein Verständnis.
23.03.2021, 21:22
Lesedauer: 3 Min
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„Was soll das mit Mallorca?“
Von Rebecca Sawicki

Am 27. Dezember ist Alice Oeßelmann als erste Bremerin geimpft worden. „Ich habe gleich gesagt, ich werde mich impfen lassen“, sagt die Bremerin, die ihre Entscheidung nicht bereut hat. „Mir ging es gut, ich hatte keinerlei Probleme.“ Die 85-Jährige sitzt mit einer FFP-2-Maske im Gesicht in ihrem Rollstuhl in einer Ecke des gelb gestrichenen Zimmers im Seniorenhaus an der Ansbacher Straße. Viel geändert hat sich an den dortigen Abläufen nichts.

Bewohner und Pflegepersonal müssen sich zweimal in der Woche auf das Virus testen lassen. „Meine Nase ist mittlerweile ziemlich gereizt“, sagt Susanne Hachmeister, Leiterin des Heims. Eine positive Testung habe es bisher noch keine gegeben. Sollte das vorkommen, wäre das Haus erst einmal im Quarantänemodus.

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„Es ist beruhigend zu wissen, dass ich nicht an dieser Krankheit sterben muss“, findet Oeßelmann. Sie habe zwar ein gewisses Alter und keine direkte Angst vor dem Tod, Corona müsse aber nicht die Ursache dafür sein. Was die gebürtige Bremerin nicht nachvollziehen kann, ist das Verhalten vieler Menschen in der aktuellen Situation: „Was soll das, dass alle nach Mallorca fliegen?“

Oeßelmann hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Eine Kindheit zwischen Badeausflügen an die Ochtum und durchgemachten Nächten aufgrund von Fliegeralarm. Sie musste hamstern gehen und Kohle klauen, damit die Familie nicht verhungert oder erfriert. Kam die Polizei, habe Oeßelmann um ihr Leben laufen müssen. „Wir haben uns nie beschwert“, sagt sie und schüttelt dabei den Kopf. Auch jetzt, wo sich ihr Leben trotz der Impfung in den Räumlichkeiten des Pflegeheims abspielt, beschwert sie sich nicht. Der letzte Ausflug ist eine Weile her. Ihre Töchter bringen aber immer wieder Pakete mit viel Obst und etwas zu lesen vorbei. „Ich blättere mich durch die Illustrierten und schaue viel Nachrichten“, sagt Oeßelmann.

Sie möchte ihr Leben so selbstständig führen, wie es eben geht. Sie steht jeden Tag früh auf und macht sich tagfein. „Ich habe mein ganzes Leben lang gearbeitet, es fällt mir schwer, das aufzugeben“, sagt Oeßelmann. Sieben Kinder hat sie großgezogen, sie hat sich um den Garten und den Haushalt gekümmert und auf der Mülldeponie gearbeitet. Ihr Mann war Schlachter – kennengelernt haben sie sich in einer Großschlachterei.

„Als ich 1949 die Schule abgeschlossen habe, gab es keine Ausbildungsplätze“, sagt Oeßelmann. Sie sei in der Schlachterei untergekommen und habe ihren Beruf sehr gemocht. „Obwohl es schwere Zeiten waren, haben wir etwas daraus gemacht“, fasst Oeßelmann ihre Kindheit und Jugend zusammen. Auch jetzt sollte das die Devise sein: „Ich wünsche mir auch selber, dass alles gerade anders ist“, sagt sie. Durchstehen müsste die Gesellschaft diese Krise dennoch zusammen.

Die 30 Senioren im Heim sind in Kleingruppen aufgeteilt worden, um mögliche Ansteckungen zu vermeiden. Manche von ihnen nehmen ihre Mahlzeiten im Wintergarten ein und verbringen dort auch einen Teil ihrer Freizeit, andere sind im Aufenthaltsraum im Erdgeschoss und wieder andere lieber alleine auf ihrem Zimmer. „Es wäre natürlich auch schön, wieder in der größeren Gruppe zusammen zu sein“, sagt Alice Oeßelmann. Stören tue es sie nicht, täglich dieselben drei Frauen im Wintergarten zu treffen. Manche von ihnen spielten Karten oder Bingo, Oeßelmann könne damit aber nicht so viel anfangen. „Wir können uns aber gut unterhalten.“

Die meisten Bewohner und Pfleger des Heims sind geimpft, manche hätten allerdings Bedenken gehabt und das Angebot ausgeschlagen, erklärt Heim-Leiterin Hachmeister. Das Heim orientiere sich mit seinen Vorkehrungen an den Empfehlungen des Gesundheitsamts. Die seien zwar sehr streng, einen Ausbruch wolle sich das Pflegeheim aber nicht erlauben. „Nach jedem Krankenhausbesuch müssen unsere Bewohner in eine zweiwöchige Quarantäne“, sagt Hachmeister. Das sei schon anstrengend genug für alle Beteiligten. Auch Alice Oeßelmann hat gerade eine solche Isolation hinter sich – reine Prophylaxe. „Einfach ist es nicht, aber es muss eben sein“, sagt sie.

Quarantäne bedeutet, dass die Seniorin nur in ihrem Zimmer ist. Das Personal müsse, sobald es das Zimmer betritt, Schutzkleidung anziehen und sich danach komplett desinfizieren. Die Mahlzeiten würden in gesonderten Behältern abgeräumt, damit sie nicht offen durch das Haus getragen würden. „Quarantäne ist schlimm“, fasst Hachmeister zusammen.

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Zur Sache

Abstand, Maske, Tests

Einen Coronaausbruch wollen wohl alle Pflegeheime in Bremen vermeiden. Wie das Heim an der Ansbacher Straße halten sich auch die Heime der Caritas an die Empfehlungen des Gesundheitsamts. „Besucher machen bei uns einen Termin aus und können dann kommen“, sagt Sprecherin Simone Lause. Die Besucher würden getestet und müssen unterschreiben, dass sie Symptomfrei sind. Außerdem müsse eine FFP-2-Maske getragen werden. Die Bewohner und das Personal des Caritas Haus St.Elisabeth wissen, was es bedeutet, wenn das Virus ausbricht. In einem Podcast haben sie die Erfahrungen einer kollektiven Quarantäne aufgearbeitet: www.caritas-bremen.de/mediathek/caritas-in-bild-und-ton/videos

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