Wiederaufnahme in Regionalliga scheitert

Gericht weist Klage des SV Wilhelmshaven ab

Der Fußballverein SV Wilhelmshaven kämpft seit Jahren um die Wiederaufnahme in die Regionalliga. Jetzt hat das Landgericht Bremen die Klage abgewiesen.
25.04.2018, 12:31
Lesedauer: 7 Min
Zur Merkliste
Gericht weist Klage des SV Wilhelmshaven ab
Von Olaf Dorow
Gericht weist Klage des SV Wilhelmshaven ab

Hans Herrnberger, Präsident des SV Wilhelmshaven, geht am 20. September 2016 in den Bundesgerichtshof in Karlsruhe.

dpa

Es muss mal ausgesprochen werden: Ja, auch Kevin Schulz spielt in diesem Fall eine Rolle. Kevin Schulz, knapp 30 Jahre alt, ist, sagen wir mal: eher so ein No-Name-Kicker. Vierte Liga, höher hat er bislang noch nicht gespielt. Er spielt jedoch eine Rolle in einem Fall, der dringend in die Geschichtsbücher des Fußballs gehört. Der Fall: Er ist nun schon seit knapp elf Jahren einer.

Ein spektakulärer, irrwitziger, verworrener oder einfach nur ein trauriger – würde alles ganz gut passen als Beschreibung. Der Fall war schon vorm Internationalen Sportgerichtshof (Cas) und vorm Bundesgerichtshof (BGH). Er kam in der Tagesschau vor. Und er wird womöglich noch weitere elf Jahre andauern. Oder mehr. Nicht auszuschließen, dass er noch ein zweites Mal vor dem BGH landet, dem obersten deutschen Gericht.

Das kann man nicht wissen. Man weiß seit Mittwoch nur, dass erneut ein Zwischenstand verkündet werden kann im Streit zwischen dem SV Wilhelmshaven (SVW) und dem Norddeutschen Fußball-Verband (NFV). Richter Ingo Behrens von der 9. Zivilkammer des Bremer Landgerichts hat an diesem Mittwoch erklärt: Die Klage des SV Wilhelmshaven auf Wiedereingliederung in die Regionalliga wird abgewiesen.

Vorerst weiter in der Bezirksliga Weser-Ems

Der Verein hatte schon vorher den Gang in die nächsthöhere Instanz angekündigt, das Oberlandesgericht Bremen. Am ­Mittwoch sagte Hans Herrnberger, Vorstandschef des SV Wilhelmshaven, der Deutschen Presse-Agentur: „Wir haben nicht zehn Jahre gekämpft, um jetzt einzuknicken.“ Vorerst bleibt der SVW mit seiner ersten Mannschaft aber mal in der Bezirksliga Weser-Ems.

Und hat die Kosten des Verfahrens zu tragen. Das dürften nach vorsichtigen Schätzungen ein paar Tausend Euro sein. Ein paar Tausend Euro mehr in einem Streit, in dem inzwischen eine Millionensumme im Raum steht. Ein Bezirksligist, derplötzlich per Gerichtsbeschluss wieder konkurrenzfähiger Regionalligist sein darf? Das würde was kosten, das käme zu denganzen Gerichtskosten noch dazu.

Zurück zu Kevin Schulz. Der Mittelfeldspieler stand vor vier Jahren beim damaligen Regionalligisten VfR Neumünster unter Vertrag. Am 24. Mai 2014, so steht es in den Annalen, schoss er in Braunschweig, im Spiel bei Eintracht Braunschweig II auf einem Nebenplatz, ein Tor für den VfR. Laut ­„Kicker“ sahen 330 Zuschauer zu.

Lesen Sie auch

Es handelte sich um den letzten Spieltag der Saison, es lief bereits die 87. Minute. Schulz‘ Treffer brachte dem VfR denKlassenerhalt – und dem SV Wilhelmshaven den sportlichen Abstieg. Der SVW hatte sein letztes Saisonspiel zwar gewonnen, mit 5:3 gegen Hannover 96 II. Aber ihm fehlte nun ein Punkt zur Rettung. Zur sportlichen Rettung. Denn der SVW war im November 2013 vom NFV zum Zwangsabsteiger erklärt worden.

Dass der sportjuristisch zum Abstieg verurteilte Verein auch rein sportlich aus der Regionalliga gefallen ist, spielte nun am Mittwoch vor dem zivilen Gericht in Bremen wieder eine gewichtige Rolle. Bremen ist deswegen Gerichtsstandort, weil der NFV seinen Sitz im Weserstadion hat. „Der Zwangsabstieg war in sich abgeschlossen“, sagte Richter Behrens in dem kleinen Saal 130 am Bremer Landgericht.

Zwar stehe durch ein BGH-Urteil aus dem Jahr 2016 fest, dass der Zwangsabstieg unbegründet war. „Aber der Kläger kann nicht den Beweis führen, dass er ohne den verordneten Zwangsabstieg nicht auch abgestiegen wäre“, sagte der Richter. Für Fußball-Ergebnisse würden zu viele Faktoren eine Rolle spielen. Verletzungen, Schiedsrichter-Pfiffe, Platzverhältnisse. Alles Mögliche.

Unmöglich nachzuweisen

Demotivierte oder wegen der Strafe verunsicherte Spieler als Hauptursache für den sportlichen Abstieg? Sei unmöglich nachzuweisen, entschied die Bremer Kammer. Genau darauf setzt jedoch der SVW, von dem zur Urteilsverkündung am Mittwoch niemand in Bremen erschienen war. Es habe ja wohl Einfluss und sei Wettbewerbsverzerrung, wenn einer Mannschaft im Winter gesagt werde, dass sie im Sommer absteigen müsse, hatte Harald Naraschewski am Telefon gesagt. Er ist Anwalt und Aufsichtsrat des SVW.

Naraschewski ist schon oft als eine Art David beschrieben worden, der sich gegen Goliath, die mächtigen Fußballverbände wehrt. So sieht es auf den ersten Blick auch aus. „Die sitzen auf einem sehr hohen Ross“, sagte er und redete sich am Telefon über „die Hochnäsigkeit und Arroganz der Verbände“ warm. Er beruft sich auf ein Urteil des Bremer Oberlandesgerichts vor einigen Jahren. Das OLG habe in dem Verfahren, in dem es um die SVW-Klage gegen den wegen einer nicht gezahlten Ausbildungsentschädigung erteilten Zwangsabstieg ging, sinngemäß ausgeführt: Den einen zum Klassenerhalt fehlenden Punkt hätte der SVW „wohl schon noch geholt“, wenn es die angekündigte Bestrafung gar nicht gegeben hätte.

Vorm Bremer OLG hatte damals der SV Wilhelmshaven gewonnen, der Norddeutsche Fußball-Verband legte daraufhin Rechtsmittel ein, der Bundesgerichtshof bestätigte 2016 aber den SVW-Sieg. Zuvor hatte in allen Instanzen der Sportjustiz bis hoch zum Cas derFußball-Verband gewonnen. Der Wilhelmshavener BGH-Triumph wurde medial gern schon mal als Sieg eines kleinen tapferen Vereins gegen die große, alles zermalmende Fifa dargestellt.

Drittligist mit Ambitionen für Liga zwei

Streng genommen kämpft hier seit Jahren aber David gegen David. „Wir sind doch nicht die Fifa und auch nicht der DFB“, sagt der NFV-Präsident Eugen Gehlenborg. Als die ganze – inzwischen bundesweit besungene – Wilhelmshaven-Saga 2007 losging, sei der SVW ein Drittligist gewesen, mit Ambitionen für Liga zwei. Quasi eine Profimannschaft in einer DFB-Liga. Der Amateurverband NFV habe doch nur durchsetzen müssen, was Fifa und DFB ihn zu tun angewiesen hatten: Die Bestrafung des SVW, der keine Ausbildungsentschädigung für den Spieler Sergio Sagarzazu nach Argentinien überweisen wollte: Den Spieler hatte der SVW 2007 von River Plate ablösefrei verpflichtet.

Landgericht Bremen - Verfahren SV Wilhelmshaven gegen den Norddeutschen Fußballverband - Eugen Gehlenburg (links)

Sieger ohne Siegerlächeln: NFV-Präsident Eugen Gehlenborg (l.) am Bremer Landgericht.

Foto: Frank Thomas Koch

„In unserer Satzung fehlte die Formulierung, dass der NFV gehalten sei, Sanktionen der Fifa umzusetzen“, sagt Gehlenborg. Diese Lücke in der Verbandssatzung sei der rein formale Grund gewesen fürs BGH-Urteil. „Warum haben die denn nicht gegen die Höhe der Entschädigung geklagt?“, fragt Gehlenborg in Richtung SVW. Er klingt traurig, wenn er über den Fall spricht. Er dementierte am Mittwoch im Saal 130 gleich im ersten TV-Interview, sich jetzt als Triumphator zu fühlen.

Es hätte so vieles anders laufen können in diesem vertrackten Fall, der mittlerweile hohe Gerichtskosten und einen Berg von Akten angehäuft hat. Er sei mehrfach nach Wilhelmshaven gefahren, erzählt Gehlenborg. Zuletzt habe es im Januar – auf Vorschlag des Gerichts – den Versuch einer außergerichtlichen Einigung gegeben. Der NFV, der auch jetzt noch die Tür offen halten will, bot als Wiedergutmachung Geld an. Plus Einnahmen aus einem Jugend-Länderspiel. Zusammen sei das eine sechsstellige Summe gewesen.

Am Ende nur Verlierer

„Inakzeptabel“, nennt Naraschewski die Offerte. „Die haben ja einen Millionenschaden angerichtet“, schimpft er, „die verstoßen gegen Recht und sagen am Ende: April, April. So geht das nicht.“ DerVerband habe gegen Recht verstoßen, weil auch der Europäische Gerichtshof die im Fußball gängigen und streng festgelegten Ausbildungsentschädigungen als Verstoß gegen EU-Recht ansehe. Nein, er ziehe das jetzt durch, sagt Naraschewski. Er sei ja Anwalt, Streitfälle seien sein täglich Brot. „Wissen Sie“, sagte er am Telefon, „ich will nur eine Instanz gewinnen. Und zwar die letzte.“

Bis die mal erreicht sei, sei er wohl nicht mehr im Amt, sagt Gehlenborg. Besonders froh macht ihn diese Aussicht nicht. Er sieht da vor allem etwas, was am Ende nur Verlierer zurücklasse. Eine Affäre, in der beide Streitparteien eigentlich gar keinen Streit gewollt haben, bevor sie sich ausweglos ineinander verkeilten.

In dem man auch als neutraler Beobachter demjenigen Recht geben möchte, mit dem man gerade spricht. Wie in einem schwierigen oder auch einfach nur gut gemachten Gerichtsfilm, kippt man von einer Seite zur anderen. Ja, dem Herrn Naraschewski stimmt man doch zu, wenn er vom verheerenden Einfluss des Zwangsabstiegs auf seine Mannschaft spricht. Dem Herrn Gehlenborg stimmt man gleichsam zu, wenn er von seinen Recherchen über den SVW in der Rückrunde 2014 erzählt.

Nicht alles zivilrechtlich klären

Die Mannschaft sei im Winter von vier Spielern verlassen worden. Drei waren keine Stammspieler, der vierte habe einen juristischen Triumph für wahrscheinlicher gehalten als den Klassenerhalt. Dann habe sich der SVW mit drei Spielern verstärkt, die sofort in der A-Elf landeten. Der Trainer habe ihm, Gehlenborg, erzählt, dass massenweise Scouts auf der Tribüne säßen. Und dass die Spieler vertragsbrüchig würden, wenn sie sich sichtbar hängen ließen.

Bis zum letzten Spieltag, bis zu Schulz‘ Tor zum 1:1 in Braunschweig in der 87. Minute, sei rein sportlich Wilhelmshavens Klassenerhalt möglich gewesen. Es habe „null Beweise“ dafür gegeben, dass die Spieler des SV Wilhelmshaven sich hängen ließen in dieser Rückrunde. Warum klage der Klub denn erst jetzt auf Rückkehr in die Regionalliga, warum nicht gleich 2014? Und überhaupt: Im Fußball könne man nicht alles zivilrechtlich klären, das ginge einfach nicht.

Naraschewski verweist seinerseits nur lapidar aufs BGH-Urteil und fragt: „Warum können die uns nicht in die Regionalliga zurücknehmen?“ Warum? Es hängen ganz viele Warums daran. Dann würde der SVW einen Schaden in Millionenhöhe beim NFV geltend machen, der aber gar keine Millionen hat und wiederum wohl nichts anderes tun könnte, als an den DFB und die Fifa heranzutreten. Ausgang? Wäre völlig offen.

Um einen Tag zu spät

Das Warum-warum-nicht-Spiel könnte man noch ewig weiterspielen. Die Sache ist so verknäult, dass in dieser unendlichen Geschichte auch ein besonderer Clou nicht fehlen darf. Nach vielen Versuchen, neben dem Gang durch die Sportgerichte eine Einigung zu finden, traf – so erzählt es Gehlenborg – im Spätherbst 2013 doch tatsächlich ein Fax aus Wilhelmshaven beim Verband ein. Ein Fax, mit dem sich der Stein des Anstoßes hätte wegrollen lassen.

In dem Schreiben habe ein Sponsor des Vereins die Zahlung der geforderten Ausbildungsentschädigung von knapp 160.000 Euro an zwei argentinische Vereine versprochen. Unter der Bedingung, dass derDFB die Summe vorschieße. Das wäre zwar so nicht gegangen, so der NFV-Chef. Aber auch das hätte man sicher noch regeln können. Das Problem sei ein anderes gewesen. Der Beschluss mit dem Zwangsabstieg wäre bereits gefasst und verschickt worden. Das Fax aus Wilhelmshaven wäre zu spät eingetroffen. Laut Gehlenborg „um einen Tag“.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+