Pandemie Warum stört Corona unseren Geruchssinn?

Störungen oder der zeitweise Verlust des Geruchssinns können Symptome einer Corona-Infektion sein. Für die Betroffenen bedeutet das großen Leidensdruck. Was über Ursachen, Dauer und Behandlung bekannt ist.
07.02.2021, 21:40
Lesedauer: 3 Min
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Warum stört Corona unseren Geruchssinn?
Von Sabine Doll

Nach einer Infektion mit dem Coronavirus klagen viele Patienten über Störungen oder den Verlust des Geruchssinns – obwohl sie die Infektion überstanden haben. Was es bisher an Erkenntnissen gibt – ein Überblick.

Ist jeder Corona-Infizierte betroffen?

„Es gibt noch nicht sehr viele Studien dazu“, sagt Andreas Naumann, HNO-Chefarzt am Klinikum Bremen-Mitte. Erste internationale und deutsche Untersuchungen zeigten aber einen klaren Zusammenhang. Naumann: „Riech- und Schmeckstörungen wurden vor allem bei Patienten mit milden oder sogar asymptomatischen Verläufen festgestellt. Man muss aber einräumen, dass bei Patienten mit sehr schweren Verläufen dies nicht im Vordergrund der Diagnostik stand.“

Von März bis Juni 2020 wertete die Universität Paris-Saclay Daten von 2581 Covid-Patienten aus 18 europäischen Ländern aus: Basierend auf einer Befragung kamen Riechstörungen in der Gruppe mit milden Verläufen bei 85,9 Prozent, bei den moderaten Fällen bei 4,5 Prozent und in der Gruppe mit ernsthaften bis kritischen Verläufen bei 6,9 Prozent vor. Laut dem Forschungszentrum Jülich zeigten erste Meta-Analysen, dass etwa 70 Prozent der Corona-Patienten zeitweise betroffen seien.

Wie lange halten Verlust oder Störungen an?

Bei den meisten Betroffenen kämen laut den Studien Riech- und Schmeckvermögen innerhalb von ein bis zwei Monaten zurück. Aber: „Sie können auch länger, teilweise Wochen oder sogar Monate anhalten“, sagt der Bremer HNO-Spezialist und verweist auf Untersuchungen des Forschungszentrums Jülich.

Die Wissenschaftler hätten mehrere Tausend Betroffene befragt, dabei habe sich gezeigt: „Wer nach 30 Tagen noch nicht gesund ist, bei dem können die Einschränkungen wahrscheinlich länger anhalten“, zitiert Naumann aus den Ergebnissen.

Bei der Pariser Auswertung dauerte es nach Auskunft der Betroffenen im Schnitt etwa drei Wochen, bis sie wieder normal riechen konnten. Fast ein Viertel gab an, nach 60 Tagen noch einen gestörten Geruchssinn gehabt zu ­haben.

Was ist die Ursache der Symptome?

„Es gibt einen deutlichen Unterschied zu Geruchsverlust oder -störungen, die man etwa von Erkältungen, Allergien oder auch durch Nasenpolypen kennt, wobei die Nasenschleimhaut angeschwollen ist. Das Virus befällt offenbar das Geruchssystem als solches“, sagt Naumann. Die Nervenzellen würden geschädigt.

Die gute Nachricht sei, dass diese sich wieder erneuern könnten. Mitunter dauere dies aber länger, auch Wochen oder Monate. „In dieser Phase kann eine andere Art von Störung auftreten, weil nicht alle Nervenzellen gleichermaßen neu gebildet werden“, so der Arzt. Die Betroffenen würden vor allem üble Gerüche wahrnehmen: nach Ausguss, Fäkalien oder Verbranntem.“ Das Phänomen werde als Parosmie bezeichnet.

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Was bedeutet das für die Betroffenen?

„Das ist sehr belastend. Riechen und Schmecken sind Lebensqualität. Ärzte müssen dies unbedingt ernst nehmen“, betont Naumann. Die Störungen könnten Folgen für das Essverhalten haben, die Betroffenen hätten Angst und litten oftmals auch unter depressiven Verstimmungen.

Besonders belastend sei es zum Beispiel auch für Eltern, dass sie ihre Kinder nicht mehr riechen könnten. Dazu komme, dass über Riechen und Schmecken auch Warnsignale wahrgenommen würden. „Wer nichts oder nicht gut riechen kann, merkt etwa nicht, dass Lebensmittel verdorben sind“, so Naumann.

Wie soll man vorgehen, wenn plötzlich Riechstörungen auftreten?

Der Chefarzt rät dringend dazu, dies grundsätzlich und so früh wie möglich fachärztlich abklären zu lassen – um andere Ursachen auszuschließen. „Da sie aber auch ein Corona-Symptom sind – vor allem eben auch bei milden und asymptomatischen Verläufen –, muss unbedingt auf Sars-CoV-2 getestet ­werden.“

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Gibt es eine Behandlung?

Eine gezielte Behandlung für coronabedingte Geruchsstörungen gebe es nicht. Hilfreich könne womöglich ein Riechtraining sein, wie erste Ansätze zeigten. Durch die Stimulation mit speziellen Duftstoffen sollen geschädigte Nervenbahnen neu verbunden und die Zellen repariert werden. Naumann: „Welche Duftstoffe dafür geeignet sind und wie ein Riechtraining abläuft, damit es effektiv ist, sollte fachärztlich abgeklärt werden.“

Riechtrainings als Therapie bei Geruchsverlust oder -störungen gab es auch schon vor Corona, auf diesen Erkenntnissen basieren die neuen Ansätze. Einer der führenden Forscher in Deutschland ist Thomas Hummel, Chefarzt am Interdisziplinären Institut für Riechen und Schmecken des Universitätsklinikums Dresden. Das Institut hat einen Online-Fragebogen und einen Selbsttest auf seiner Internetseite eingerichtet.

Geduld sei sicher ein schwieriger Ratschlag für die Betroffenen, sagt HNO-Arzt Naumann. „Die wichtige Botschaft ist aber, dass es Möglichkeiten gibt, wenn Verlust oder Störungen länger anhalten. Und: Es wird geforscht.“

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