Bauplanungen für die Überseeinsel Der Bremer Hafen-Streit

Die Dynamik in der Bremer Überseestadt ist ungebrochen. Der Hafen soll zwar Hafen bleiben, auf der sogenannten Überseeinsel weichen aber die alten Betriebe.
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Der Bremer Hafen-Streit
Von Jürgen Hinrichs

Seit 20 Jahren ist das ein steter Streit. Die Neuen gegen die Alten und umgekehrt. Sie bekriegen sich, schließen zwischendurch Frieden, bleiben aber immer auf der Hut. Die einen im Angriffsmodus, durch die Masse ihrer Verdrängung. Die anderen im Abwehrkampf. So ist das im Hafen, der heute Überseestadt heißt. Das knapp 300 Hektar große Areal wurde zum Objekt der Begierde, als der Senat beschloss, viele der Flächen und Gebäude freizugeben, um daraus einen Ortsteil mit Wohnungen, Büros, Dienstleistung und Gewerbe zu formen. Maxime war, den Hafen trotz dieser erhofften Entwicklung so gut es geht als Hafen zu belassen. Das gilt bis heute. Ein Kampf ist es trotzdem.

Bestes Beispiel ist die Überseeinsel, das Gebiet zwischen dem Europahafen und der Weser. Seit Kellogg dort vor drei Jahren seine Produktion eingestellt hat, ist eine Dynamik entstanden, die weit über die ehemalige Fläche der Frühstücksflockenfabrik hinausgeht. Wie beim Domino fallen die Steine. Zuerst bei Kellogg, wo schon mächtig abgerissen wird und in den nächsten Jahren ein Mix aus Wohnen, Kultur, Hotel und Gastro entsteht. Demnächst aber wohl auch beim benachbarten Speditionsunternehmen Reimer Logistics und bei Rickmers Reismühle. Die begehrten Lagen am Wasser haben Käufer gefunden und werden neu entwickelt, hauptsächlich für Wohnen.

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An dieser Stelle sind die Schlachten geschlagen. Was jetzt noch ausgetragen wird, sind lediglich Scharmützel, wenn es zum Beispiel um die Schuppen an der Kante des Europahafens geht. „In überschaubarer Zeit wird es auf dem gesamten Areal nur noch Dienstleistung und Wohnen geben“, erklärt Heiner Heseler, Geschäftsführer der Initiative Stadtbremische Häfen (ISH). Die Organisation von rund 50 Betrieben der maritimen Wirtschaft ist 2003 gegründet worden, just in dem Jahr, als nach dem Grundsatzbeschluss des Senats drei Jahre zuvor der Masterplan für die Überseestadt auf dem Tisch lag.

Damals hatten sich, wenn man so will, die Truppen formiert. Heseler sagt, an welcher Linie sie heute stehen: „Der Holz- und Fabrikenhafen muss der Industrie und den Hafenbetrieben überlassen bleiben.“ Dort sei die Grenze, und zwar so markiert, dass die Firmen nicht nur ihren Bestand garantiert bekommen, sondern sich auch entwickeln dürfen.

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Einige Jahre her, dass der Konflikt zwischen Alteingesessenen und Neuankömmlingen genau an dieser Stelle seine Spitze bekam. Es gab den Plan, am Kopf des Hafenbeckens ein Bürohaus zu bauen. Die Stadt sah das mit Wohlwollen. Anders die Betriebe drumherum, sie waren empört und gingen auf die Barrikaden. Wo es riecht, staubt und laut ist, sollte das weiterhin möglich sein. Also wurde geklagt – mit Erfolg. Die Gerichte entschieden, dass es sich beim Holz- und Fabrikenhafen um ein Industriegebiet handele, in dem ein Bürohaus nichts zu suchen habe.

Doch nun droht den Hafenleuten wieder Ungemach. An einer anderen Flanke in dem Gebiet kommt in den nächsten Jahren ordentlich was in Bewegung. Heseler ist sich darüber im Klaren: „Das wird eine besondere Rolle spielen.“ Die Stichworte lauten Schuppen 17, Schuppen 19 und das ehemalige Kühlhaus. Lauter Gebäude, die nach dem Willen der Stadt mitsamt des umliegenden Areals neu entwickelt werden sollen. Sie stehen am Eingang des Holz- und Fabrikenhafens, auf der Südseite.

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Direkt gegenüber werden in großen Mengen Mehl, Kaffee und Fischmehl umgeschlagen. Kaum vorstellbar und nach geltender Rechtsprechung eigentlich auch nicht möglich, dass dem etwas ganz anderes entgegengesetzt werden kann. Bremen hat das aber vor und will das Gebiet, „städtebaulich neu denken“, wie es auf Anfrage heißt. Zum Beispiel mit dem Bau eines repräsentativen Firmensitzes, wo heute noch das frühere Kühlhaus steht.

„Leitbild der Überseestadt ist die Bewahrung der Wirtschaftsstrukturen und die gleichzeitige Entfaltung neuer Möglichkeiten in hoher städtebaulicher Qualität“, lautet die Maxime des Senats. Er hat dafür vor zwölf Jahren das sogenannte „Bremer Modell“ aus der Taufe gehoben. Das Nebeneinander von Hafenwirtschaft auf der einen Seite und neuen Gewerbe- und Wohnformen auf der anderen bekam ein Korsett von Regelungen, die insbesondere auf mehr Toleranz für Emissionen zielen. Ein Friedensabkommen, das den Konflikt am Holz- und Fabrikenhafen nicht verhindern konnte und möglicherweise auch in anderen Fällen, die in der Zukunft liegen, kein taugliches Mittel ist.

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