Restaurantbesprechung

Kulinarischer Kurzurlaub in Südtirol

Wer bei "Südtiroler Hütte" sofort Vorurteile hat, sollte sich komplett davon lösen und sich auf einen Abend mit herzhaftem und sehr gut gemachtem Essen einlassen.
04.04.2018, 21:09
Lesedauer: 3 Min
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Kulinarischer Kurzurlaub in Südtirol
Von Marcel Auermann

Das Wort Hütte klingt nach Stammtisch, verrauchten Räumen, einer Lautstärke, bei der man kaum sein eigenes Wort mehr versteht, und vor allem nach eher geringer Qualität, was Essen und Trinken anbelangt. Eben die schnelle Gaudi und viel Alkohol. All diese Vorurteile muss der Gast abstreifen. Unbedingt. Auf die „Südtiroler Hütte“ am Bahnhofsplatz trifft nichts davon zu.

Als sich die schweren Türen schlossen, tauchte ich in eine andere Welt ein. In eine gemütliche, kuschelige, heimelige. Überall verarbeitete der Architekt viel Holz, die Fenster führen ins Nichts. Damit es aber doch etwas zu sehen gibt, hängen Bildschirme in den Rahmen, die schöne Schneelandschaften aus Südtirol zeigen. Sicher ist dort bald die Frühjahr-Sommerbilderkollektion zu besichtigen.

Im Hintergrund, und hier zeigt sich tatsächlich das bis ins Detail ausgeklügelte Konzept, lief nicht irgendein Dudelsender, sondern – natürlich – Radio Tirol. Die Station spielte kaum andere Musik als alle anderen durchformatierten Kanäle, aber diese Kleinigkeiten machen das Gesamtpaket rund. Wenn schon Urlaubsatmosphäre, dann richtig. Das Personal trug Janker und Dirndl, zeigte sich äußerst freundlich und aufmerksam und sprach am Nebentisch sogar Italienisch. Auch hier eine komplette Überraschung zu den Touristen-Nepp-Hütten. Das war einfach nur schön, und ich fühlte mich willkommen. So überzeugt man jemanden, der mit Hütten schon schlechte Erfahrungen machte.

Da die Karte so viel Gutes, Herzhaftes und Probierenswertes enthielt, entschied ich mich, kleinere Portionen zu bestellen, was der Service natürlich ermöglichte. Überhaupt: Auch an den Nebentischen schien kein Wunsch unmöglich, und es gab nicht einmal den Anflug einer schnippischen Art, wie sie Gäste dann und wann bei Kellnern beobachten können.

Tatar, Rostbraten und Rotwein

So ließ ich mir also eine Vorspeisenportion Tatar (17,50 Euro) bringen, das noch immer ein üppiger Taler feinstes rohes Fleisch war, das allerdings hätte verdaulicher geschnitten werden müssen. Trotz einer schon fast cremigen Tomatentunke, in der das Tatar gewendet wurde, erhielt es seinen letzten Pfiff durch frisch gemahlenen Pfeffer. Dazu reichte die Küche Toast sowie etliche und vor allem genügend Scheiben Butter. Vielleicht hätte ein selbst gebackenes, körniges, am liebsten noch leicht warmes Brot zur Rustikalität besser gepasst. Ja, das wäre die Krönung gewesen.

Beim Hauptgang konnte der Schwabe in mir nicht anders: Es musste der Rostbraten vom Entrecôte mit goldbraunen Röstkartoffeln (18,90 Euro) sein. Und das war ein Rostbraten! Holla! Über und über bedeckt mit Zwiebeln lag er auf dem Teller. Leider, dachte ich zuerst, mit frittierten, mit Fett aufgesogenen Zwiebeln. Doch ich jubelte, als ich diese beiseite schob und darunter die schön im Steaksaft angerösteten Zwiebeln zum Vorschein kamen.

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So, und eigentlich nur so, müssen Zwiebeln zum Rostbraten sein. Aber das ist ein leidiges Thema, das selbst in Süddeutschland bei Tisch zu Streitereien führt. Wie dem auch sei, die einen sind kross und lasch, die anderen weniger kross, dafür aber würzig, sämig und vollenden den Geschmack des auf den Punkt medium gebratenen Entrecôtes. Für mich kann es da nur eine Antwort geben.

Ganz klar auch, dass es zu so einem tollen Steak ein schwerer Rotwein sein muss. Ich wählte den Lagrein Greif, der mit 9,20 Euro für 0,25 Liter eindeutig im oberen, zu hohen Preissegment lag. Sein intensives, fruchtbetontes Bouquet mit Noten von reifen Brombeeren und Bitter-Schokolade passte jedoch ideal. Selbst der kleinen Nachspeisenportion Kaiserschmarrn (6,30 Euro) mit dem frischen Butterschmalzgeschmack hielt er stand.

Fazit

Die Gastfreundschaft und das herzhafte, handwerklich einwandfrei zubereitete Essen machen aus dem Besuch in der „Südtiroler Hütte“ einen Kurzurlaub.

Zur Sache

Südtiroler Hütte, Bahnhofsplatz 11, Telefon: 305 98 06, Öffnungszeiten: Di. bis So., 11 bis 23 Uhr, Küche von 11 bis 14.30 Uhr und von 17.30 bis 22 Uhr, www.suedtirolerhuette.com

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