Kommentar über Bremen-Nord

Kultur ist der Motor

Es gibt ein eklatantes Entwicklungsdefizit des Nordens gegenüber der Stadt. Ein Gänsehaut-Moment beim Festival Maritim wird das nicht ändern, schreibt Michael Brandt.
05.08.2018, 22:04
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Kultur ist der Motor
Von Michael Brandt
Kultur ist der Motor

Rund 100.000 Besucher konnte das Festival Maritim verzeichnen.

Christian Kosak

Nie zuvor hat es in Bremen-Nord derart viele Musikfestivals unter freiem Himmel gegeben. Gerade ist das Festival Maritim mit rund 100.000 Besuchern zu Ende gegangen, in knapp zwei Wochen folgt der Sommer in Lesmona, danach feiert „13 Grad“ auf dem ehemaligen Gelände der Bremer Wollkämmerei Premiere. La Strada startet inzwischen in Blumenthal und auch das Bremer Theater hat den Problem-Stadtteil als Experimentierfeld entdeckt. Und das ist nur ein Auszug dessen, was das Nordbremer Kultur-Hoch zu bieten hat.

Die Kultur hat das Potenzial des Nordens entdeckt und übernimmt dabei eine Rolle als Entwicklungsmotor. Sie bringt immer mehr Menschen in die Teilstadt, einige zum ersten Mal. Und sie zeigt den Gästen: Die vielfach noch herrschenden Vorurteile über Bremen-Nord, die sich seit der Pleite der Vulkan-Werft vor 20 Jahren gehalten haben, sind nicht deckungsgleich mit der Realität. Der Norden ist besser als sein Ruf.

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Junge Familien haben die Teilstadt inzwischen verstärkt in den Blick genommen. Als den Ort, an dem sie leben wollen. Denn es hat sich herumgesprochen, dass man von Lesum nur 15 Minuten in die City braucht, gleichzeitig aber viel günstiger und auch grüner wohnen kann. Dass die Bildungssenatorin ausgerechnet nach Blumenthal gezogen ist, ist da nur eine Randnotiz. Investoren können in Nord derzeit in der Regel gar nicht so schnell bauen, wie ihnen die Kunden die Häuser und Wohnungen wegkaufen.

Das soll die bestehenden Probleme nicht wegreden. Es gibt ein eklatantes Entwicklungsdefizit des Nordens gegenüber der Stadt. Die Armut in einigen Ortsteilen ist überdurchschnittlich hoch, es fehlt an Schulen und Perspektiven. Noch immer gibt die Herkunft die Bildungschancen vor. Und vor allem mangelt es an Arbeitsplätzen nördlich der Lesum.

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Von positiven Trends bei der Jobentwicklung, belegt eine Studie des Instituts für Arbeit und Wirtschaft, bleibt der Norden abgekoppelt. Ein Gänsehaut-Moment beim Festival Maritim wird das nicht ändern. Tatsächlich aber sorgt das Kultur-Hoch mit jedem dieser Momente dafür, das Pendel ein wenig stärker zugunsten des Nordens ausschlagen zu lassen. So gerät etwas in Bewegung, das letztlich alle Lebensbereiche beeinflusst. Dieses Hoch kann noch länger anhalten.

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