Konzertkritik

Adel Tawil setzt sich im Pier 2 perfekt in Szene

Dreimal Platin konnte Adel Tawil für sein Album "Lieder" einheimsen. Mit mehr als fünf Millionen verkauften Alben gehört er zu den erfolgreichsten deutschen Pop-Künstlern. Am Samstag gastierte er im Pier 2.
05.11.2017, 17:20
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Von Lars Fischer

Name ist Schall und Rauch, das wusste schon Goethe. Nun muss man nicht unbedingt beim deutschen Dichterfürsten landen, wenn man zum Konzert von Adel Tawil ins ausverkaufte Pier 2 geht, aber so einige Themen, die der Sänger verhandelt, haben auch schon den fiktiven Doktor Faustus umgetrieben. Denn das berühmte Zitat ist Teil der Antwort auf die Frage, wie er es denn so mit der Religion halte. Und das beschäftigt auch Tawil, der rund 200 Jahre später ebenso wenig eine konkrete Antwort findet. „Gott steh mir bei“ heißt das Lied, in dem er Zeilen singt wie „Der alte Hass kommt wieder mit neuen Parolen“ und „Ich dachte eigentlich, wir wären schon viel weiter und merke erst jetzt, wie ich beinah verzweifle.“ Was er allerdings weiß: Der Pakt mit dem Teufel ist kein Ausweg. Sein Verhältnis zu den Religionen dieser Welt ist angenehm aufgeklärt, und auch den wirren Verschwörungstheorien stilistisch artverwandter Sänger folgt er nicht.

„Gott steh mir bei“ stammt von seiner aktuellen CD „So schön anders“, deren Titel wie branchenüblich auch das Motto zur Tournee ist. Dass sich diese drei Wörter dann eben doch nicht nur gut anhören, sondern einen tieferen Sinn ergeben, macht der Abend klar. Der Titel denkt den Bruch mit, nicht radikal, aber bestimmt. Und so ist auch die Musik: Schön, im Sinne von eingängig und massenkompatibel sind die meisten seiner Lieder ohne Frage, aber ein bisschen anders als nur stromlinienförmig sind sie eben auch. Dass sie mit gesellschaftlichen Fragestellungen untermauert sind, wie im zitierten Beispiel, ist nicht der Regelfall, aber auf bloße Beziehungsarbeit allein mag sich der 39-Jährige nicht beschränken. In „Eine Welt, eine Heimat“ wechselt der Berliner mit nordafrikanischen Wurzeln beispielsweise die Sprachen und weitet den Blickwinkel, um sich dann in „Stark“ wieder zurückzunehmen, wenn er kokettiert: „Aber ich steh' nur hier oben und sing' mein Lied“.

Dieses Lied stammt, wie viele im Programm, aus seiner Zeit mit Ich + Ich. Mit sehr herzlichen Worten erinnert sich der Sänger an die auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegte Zusammenarbeit mit Annette Humpe, die den Grundstein für seine Karriere legte. Und wenn es jetzt manches Mal arg harmoniesüchtig auf der Bühne zugeht, dann sehnt sich auch der Autor die kühle Note, die die Ex-Ideal-Sängerin stets als Kontrapunkt zum warmen Gesang Tawils setzte, zurück.

Der Mann am Mikrofon, der eine etwas befremdliche Vorliebe für Ballonseiden-Jacken zu haben scheint – jedenfalls führt er mehrere Exemplare an diesem Abend vor – hat sich auch in seine neue Band eine weibliche Stimme geholt. Maria Helmin ist wie er gesanglich vor allem im Soul zu Hause, spielt an den sehr emotionalen Stellen die passende Geige, fügt aber auch mal ein paar akustische Störgeräusche vom Synthesizer dazu, die rudimentär an Humpe denken lassen. Die Band ist ansonsten vielköpfig und professionell besetzt, sie kann schmachten und rocken, grooven und sich zurückhalten, wo es gefragt ist. Adel Tawil, in Ansprache und Auftreten hochsympathisch, schafft sich so das perfekte Sprungbrett für sein Repertoire, das hier und da mal aus der Wohlfühlzone ausbricht, einen Schlenker zu Clubsounds oder Hip-Hop macht, insgesamt aber stilsicher und perfekt seine Kernkompetenzen in Szene setzt. Solche sind, mit Verlaub, bei Sängerin Lea, die im Vorprogramm auftrat, nicht auszumachen.

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