Interview zur Armut im TV „Suhlen im Extremismus des Elends“

Der Bremer Medienwissenschaftler Bernd Gäbler hat rund 100 Stunden RTL II verfolgt, durchweg Berichterstattung über Hartz-IV-Empfänger. Warum ihn, was er sah, entrüstet hat, erklärt er im Interview.
07.04.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Suhlen im Extremismus des Elends“
Von Silke Hellwig
Herr Gäbler, Sie haben sich mit sogenannten Sozialreportagen befasst, die insbesondere bei RTL II ausgestrahlt und auch in Bremen und Bremerhaven gedreht werden. Das Ergebnis Ihrer Untersuchung scheint eindeutig, wenn man dem Titel Ihrer Studie folgt: „Armutszeugnis – wie das Fernsehen die Unterschichten vorführt“. Was meinen Sie damit?

Bernd Gäbler: Diesen Formaten liegt ein perfides Muster zugrunde: Zunächst wird suggeriert, dass die Macher den Menschen, die sie zeigen, nahe seien, dass sie mitfühlen. Eingangs wird beispielsweise gerne betont, dass die Akteure das Herz auf dem rechten Fleck hätten oder dass der Zusammenhalt groß sei. Aber hinterrücks werden viele der Protagonisten schamlos bloßgestellt und vorgeführt. Damit werden erst recht Klischees und Vorurteile bedient. Es gibt meines Wissens keine anderen Sendungen im deutschen Fernsehen, wo so viele Schwerkranke so schamlos ausgestellt werden.

Wie kommt es, dass ausgerechnet RTL II solche Formate produziert?

RTL II hat eine besondere Zuschauerschicht. Der Sender behauptet von sich, er würde ideologiefrei und realistisch berichten, wo andere nur Schönfärberei betrieben. In Wirklichkeit hält RTL II zumindest einem Teil seiner Zuschauer ein Zerrbild ihrer selbst vor. Der Trost der Zuschauer entsteht durch Herablassung und Abgrenzung: Den Menschen, die man dort sieht, geht es noch schlechter als einem selbst.

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Der Sender sagt, es handele sich um Dokumentationen. Und was sagen Sie?

Es ist eine besondere Realität, die dort gezeigt wird. Ausgesucht krasse Charaktere werden für die Produktionen engagiert, die angeblich Repräsentanten eines ganzen Viertels von Sozialwohnungen oder eines sozialen Brennpunkts sein sollen. Die Kamera suhlt sich in einem Extremismus des Elends. Man muss davon ausgehen, dass viele Protagonisten nicht ansatzweise überblicken können, was gefilmt und wie es später montiert wird. Da sieht man beispielsweise, wie eine Frau erzählt, sie sei gelernte Hauswirtschafterin, und gleichzeitig wird das Chaos in ihrer Wohnung in diesen O-Ton geschnitten. Das ist hinterhältig und würdelos.

Haben Sie mit RTL II und den Produktions-­firmen geredet?

Nein. Aber ich kenne ein Gespräch, wo sich die Macher rechtfertigen, dass sie nur zeigen, was auch wirklich ist. Etwas zu dokumentieren heißt aber viel mehr, als nur mit der ­Kamera schonungslos draufzuhalten. Es bedeutet, einer Sache nachzugehen und Menschen nahe zu kommen, um sie und ihre Motive zu verstehen. In diesen Formaten fehlt beispielsweise immer komplett die andere Seite. Nie kommt ein Sozialarbeiter oder ein Sachbearbeiter aus dem Jobcenter zu Wort. Es fehlt an jeglicher Recherche.

Sie haben mit einer Bremerhavenerin geredet, die auch für derartige Formate engagiert wurde und das zutiefst bereut. Sie berichtete auch von ihrem Honorar. Das ist natürlich verführerisch, wenn man arm ist, aber wo bleibt die Eigenverantwortung?

Sicher, die Menschen, die sich dort verdingen, unterschreiben Verträge. Aber wenn man die Beiträge sieht, ist offensichtlich, dass viele nicht überblicken, was dort mit ihnen geschieht. Sie freuen sich vielleicht, ins Fernsehen zu kommen, und manche produzieren sich sogar als Fernsehstars. Aber den Wenigsten wird klar sein, was man durch Auswahl, Schnitt und Kommentierung aus den Dreharbeiten machen kann. Sie liefern sich komplett aus, und es gibt offensichtlich keine Scham, das auszunutzen.

Es gab schon Vorläufer solcher Sendungen, die Krawall-Talk-Formate der Privaten in den 1990er-Jahren.

Das stimmt, aber der Unterschied ist, dass die Formate, über die wir hier reden, als sogenannte Dokumentation firmieren. Der Gestus ist aber in der Tat derselbe. Die Macher stellen Menschen zu Schau. Diese Art Fernsehen ist diffamierend und gesellschaftlich spaltend.

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Sie reden von medialen Parallelwelten. Was meinen Sie damit?

Dass es keine Auseinandersetzung gibt. Ich vermisse die Sensibilität, die es allenthalben für die Diskriminierung von Minderheiten gibt, gegenüber den Menschen, die in Armut leben und über die so herablassend berichtet wird. In Großbritannien löste eine solche Sendung vor einigen Jahren heftige politische Debatten aus, die sich bis ins Unterhaus des Parlaments fortsetzten. Hier passiert nichts. Für das Milieu, in dem Protest artikuliert werden könnte, und für das öffentlich-rechtliche Fernsehen sind RTL II und das sogenannte Unterschichtenprogramm ganz weit weg und kaum der Erwähnung wert.

Aber auch das öffentlich-rechtliche Fern-­sehen wendet sich regelmäßig dem Themenkomplex Hartz IV und Armut zu. Sie kritisieren dennoch, dass er dort zu kurz komme und nicht systematisch genug bearbeitet werde. Was erwarten Sie konkret?

Es gibt in öffentlich-rechtlichen Sendern auf jeden Fall ein ganz anderes Bemühen und einen ganz anderen Anspruch. Was ich aber vermisse, ist eine koordinierte Anstrengung, die diesem Thema zu mehr Durchschlagskraft verhilft. Es gibt, anders als früher, zu wenig Dokumentationen, und wo es sie gibt, sind sie an den Rand des Programms gedrängt. Im Fiktionalen geht es in erster Linie um Mittelstandsfamilien mit Mittelstandsproblemen. So setzt sich die soziale Spaltung der Gesellschaft im Fernsehen fort. Das halte ich für ein echtes Problem.

Was tun?

Ich habe darauf keine schnelle Antwort. Vielleicht muss es neue Formate geben. In Österreich gibt es Leitlinien zur Berichterstattung über Armut, auch das könnte nichts schaden. Auf jeden Fall muss etwas getan werden, um die soziale Spaltung nicht weiter medial zu verfestigen. Die Privaten werden es nicht tun, aber die Öffentlich-Rechtlichen sind meiner Meinung nach gefordert.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

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Zur Person

Bernd Gäbler ist Medienwissenschaftler. Er war Geschäftsführer des Adolf-Grimme-­Instituts und lehrt Journalistik an der ­Fachhochschule des ­Mittelstands Bielefeld.

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Zur Sache

Hartz IV im TV

Mehr als 100 Stunden RTL II hat der Bremer Bernd Gäbler sich angeschaut, insbesondere Sendungen wie „Hartz und herzlich“ und „Armes Deutschland – Stempeln oder abrackern?“. Eines der jüngsten RTL-II-Formate nennt sich „Hartz, Rot, Gold – Armutskarte Deutschland“. Die Dreharbeiten fanden auch in Bremen-Nord, Grohner Dühne, und in Bremerhaven-Lehe statt. Gäblers Erkenntnisse sind in einer Studie für die gewerkschaftsnahe Otto-Brenner-Stiftung veröffentlicht worden.

Die 80-seitige Publikation wolle einen Anstoß geben, heißt es in einer Pressemitteilung, „Armut konsequent im Blickfeld der Medien zu halten, über adäquate Formen der medialen Repräsentation der Betroffenen nachzudenken und zu einer ergebnisoffenen Debatte über Unzulänglichkeiten der journalistischen Praxis ermuntern“. Gäblers Studie ist abrufbar unter www.otto-brenner-stiftung.de.

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