Gerd Augustin wird 75 Jahre alt und hat sein Leben mit den Helden der Pop- und Rockmusik verbracht Der Pate des Krautrock

Bremen. „Alles eine Frage der Disziplin“, sagt Gerd Augustin mit einem Schmunzeln und gibt damit sein eigenes Patentrezept preis wie man den ganzen Wahnsinn des Rock ‘n‘ Roll mit Sex, Drugs und anderen Exzessen überlebt. Augustin muss es wissen.
06.09.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Der Pate des Krautrock
Von Uwe Dammann

Bremen. „Alles eine Frage der Disziplin“, sagt Gerd Augustin mit einem Schmunzeln und gibt damit sein eigenes Patentrezept preis wie man den ganzen Wahnsinn des Rock ‘n‘ Roll mit Sex, Drugs und anderen Exzessen überlebt. Augustin muss es wissen. Der Bremer feiert am 7. September seinen 75. Geburtstag und hat den Großteil seines Lebens mit den Heroen der Rock- und Popgeschichte verbracht. Augustin war nicht nur in den Sechzigern Beat-Club-Moderator (neben Uschi Nerke), sondern vor allem Manager und Produzent von Ike & Tina Turner, traf sich in London mit Mick Jagger und zog in New York mit John Lennon um die Häuser. Klar, dass er da bei den wilden Geschichten der Rock ‘n‘ Roll-Ära aus der damaligen Zeit nicht unbeteiligt sein konnte.

In Deutschland begleitete er eine gesamte Tour lang Udo Lindenberg, entdeckte oder betreute für die Musikindustrie Marius Müller-Westernhagen, Amon Düül, Can, Kraftwerk, Trio oder auch Canned Heat. „Klar, war das anstrengend und exzessiv“, sagt Augustin rückblickend. Eine Kapsel mit Kokain trug er in jener Zeit stets mit sich herum. Doch nach einem ersten Herzinfarkt in den Achtzigern lebte er nach eigenem Bekunden fortan gesund, verzichtete auf Drogen, Alkohol und Zigaretten und feiert nun seinen 75. Geburtstag. Kann sein, dass ihm sein alter Kumpel Udo Lindenberg gratulieren wird und persönlich bei ihm vorbeischaut, oder irgendeine andere Größe aus dem Popbereich. Ike Turner, mit dem er auch befreundet war, kann nicht mehr gratulieren. Er ist vor neun Jahren gestorben, hat seinem Kumpel Augustin aber in seiner Autobiografie ein literarisches Denkmal gesetzt. Turner schreibt darin, dass ohne die Verbindungen von Gerd Augustin der Erfolg in Europa für Ike & Tina Turner undenkbar gewesen wäre.

Augustins Wohnung ist eine Art Museum der Rock- und Popgeschichte. Er verfügt über unzählige Platten und Tonbänder von den Bands, die von ihm für den amerikanischen Musikkonzern United Artist betreut wurden. Von den meisten Studiosessions hat er obendrein Videoaufnahmen gemacht. In der Mitte des Raumes steht ein großes Mischpult, das er einst als Produzent bei Aufnahmen benutzte und nicht ohne Stolz zeigt er Polaroid-Aufnahmen herum, die einst Andy Warhol von ihm und Tina Turner anfertigte, und die mittlerweile als Warhol-Originale ein Vermögen wert sein dürften. Auch an den Wänden finden sich Fotografien, die ihn mit den Stars zeigen oder psychedelisch angehauchte Gemälde, die ein wenig an die Yellow-Submarine-Ära der Beatles erinnern. Hier verdichtet sich ein halbes Jahrhundert Musikgeschichte auf 50 Quadratmeter. Wer beim Betreten des Raumes die Mauern von aufgeschichteten CDs passiert und sich mit der gebotenen Vorsicht um die Kunstwerkstapel herum bugsiert hat, taucht ein in die Welt der Popgeschichte.

Wenn Gerd Augustin ins Plaudern gerät, geht es quer durch den bunten und faszinierenden Hippiegarten der Popgeschichte. Viele seiner Erlebnisse hat er auch in Buchform aufgeschrieben, unter anderem veröffentlichte er eine Udo Lindenberg-Biografie, er schrieb ein Buch über die Beat-Rock-Pop-Jahre, eine Biografie über Jimi Hendrix und über Tina Turner. Außerdem produzierte er die Musik für die Werner Herzog-Filme Nosferatu, Fitzcarraldo oder Aguirre. Für seine Musiksoundtracks zu den Filmen Chamsin und Kaltes Fieber erhielt er 1971 und 1982 den Deutschen Filmpreis.

Doch wie kam der Mann, der als Gründer der legendären Beat-Club-Sendung gilt, zur Musik? 1960 war der 1941 in Hagen geborene Augustin in die USA ausgewandert. „Ich wollte schlicht nicht zur Bundeswehr“, sagte er. Also schiffte er sich über Bremerhaven ein und landete schließlich nach der kaufmännischen Lehre in New York, erhielt die Green-Card und damit die Erlaubnis, in Amerika zu arbeiten. Zwei Jahre lebte er in Amerika und lernte dort eine völlig neue Welt kennen. Er rockte durch die Partyszene im New Yorker Greenwich Village und trampte auf der Route 66 von New York über Chicago, St. Louis, Oklahoma, New Mexico, Arizona und Nevada bis nach Hollywood – und zurück auf der Nordroute über San Francisco. Aber dann, am 22. November 1963, wurde alles anders. Präsident John F. Kennedy wurde Opfer eines Attentates und Augustin war, wie viele junge Leute geschockt von dem Verbrechen. Ihn zog es wieder nach Europa, genauer in seine Heimatstadt Bremen. Hier machte er sich auf die Suche nach Musik-Clubs, wie er sie in den USA kennengelernt hatte. Doch die gab es nicht, also legte Augustin selbst Musik auf und gehörte zu den ersten Discotheken-DJs überhaupt.

Im Twen-Club spielte er die Hits jener Jahre. Und eines abends schaute der Radio-Bremen-Redakteur Mike Leckebusch vorbei, mit dem er kurz darauf die erste deutsche Fernsehmusiksendung für Jugendliche ins Leben rief – den Beat Club. Dann kam die Moderation des Beat-Clubs – aber nur für knapp zehn Sendungen, weil es Augustin wieder in die USA zog. In San Francisco arbeitete er beim Regionalsender KOED TV und bekam an der Stanford University ein Stipendium. Über seine beruflichen Stationen plaudert Augustin übrigens nicht einfach so daher, sondern belegt alles mit Dokumenten aus jenen Jahren. „Ich kann nichts wegwerfen“, sagt er. Nach seinem Diplom in Kommunikationswissenschaften erhielt er den Job als Kreativdirektor bei United Artist und pendelte fortan zwischen Los Angeles und München hin und her. Augustin sollte für die amerikanischen Stars den europäischen Markt erobern, produzierte Platten und organisierte – unter anderem mit dem legendären Fritz Rau – Tourneen.

Die Musik jener Jahre lässt ihn auch heute nicht los, genauso wenig wie seine Erinnerungen. Auch über das wilde Leben der Rockszene hat Augustin ein Buch geschrieben. In „Der Pate des Krautrocks“ schildert er das klischeehafte Bild einer Rockszene, die sich im Wesentlichen mit Drogen, Sex, Selbstbeweihräucherung und Intrigen beschäftigt. Und zwar nicht nur bei den Musikern, sondern auch in den Chefetagen der Medien-Multis. Ob es tatsächlich so war? Augustin lächelt und schweigt. Ausnahmsweise.

„Klar war dieses Leben anstrengend und exzessiv“. Gerd Augustin, Musikproduzent
Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+