Teutonische Trinktraditionen

Kult und Kultur liegen beim Bier nah zusammen

Einerseits trinken wir es, andererseits verdammen wir es: Die Rolle von Bier ist zwiespältig in unserer Gesellschaft. Wir kommen von dem kühlen Stoff nicht los. Sogar Romane spielen in Kneipen.
23.04.2018, 06:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Kult und Kultur liegen beim Bier nah zusammen
Von Hendrik Werner

Alkohol ist eine ambivalente Angelegenheit. Davon weiß bekanntlich auch Herbert Grönemeyer ein Lied zu singen. Einerseits: „Alkohol ist dein Sanitäter in der Not, Alkohol ist dein Fallschirm und dein Rettungsboot.“ Andererseits: „Alkohol ist das Drahtseil, auf dem du stehst, Alkohol ist das Schiff, mit dem du untergehst.“ Mal wird der Stoff, aus dem süffige Träume sind, vergötzt, mal wird er verteufelt; mal gilt er als himmlische Verheißung, mal als Vehikel höllischer Abhängigkeit.

Dabei ist der Ruf von Alkohol seit jeher janusgesichtig. Schon in der Antike haben sich in unserem Kulturkreis zwei kaum zu versöhnende Haltungen herausgebildet: „eine, die alkoholische Getränke als Ausdruck von Lebensfreude und Gesundheit verherrlicht, und eine andere, die sie wegen der Verursachung von Unheil und Krankheit verdammt“. Das schreiben Judith Rosta und Manfred V. Singer in der kulturgeschichtlichen Studie „Über die Kunst des rechten Alkoholgenusses“ (2008; Shaker-Verlag), die dem Prinzip eines Maßhaltens huldigt, das nichts mit der gängigen Ausschankportionsgröße beim Münchner Oktoberfest – „Oans, zwoa, gsuffa!“ – zu tun hat.

Deutschland, Biertrinkerland

Apropos: Das sogenannte Oktoberfest, das drolligerweise alle Jahre wieder im Monat September anhebt, ist – neben dem Cannstatter Wasen und weiteren Traditionsveranstaltungen – der süddeutsche Garant für die perlende Weisheit, nach der Bier keineswegs dem Alkohol zuzurechnen, sondern vielmehr ein Lebensmittel sei. Als ob der eine Aspekt den anderen ausschließen würde, bloß weil so viele Menschen zwischen Amorbach und Zugspitzplatt schon am späten Vormittag die eine oder/und andere Maß stemmen.

Und doch zeigt das Bier-Brauchtum hierzulande, dass ein spritziger Fassanstich zur Eröffnung eines Schunkelfestes eine beredtere Sprache spricht als ein Startschuss im Wortsinn, das Durchschneiden eines Bandes oder der hehre Sermon eines Berufspolitikers.

Romane spielen in Kneipen

Auch der Stammtisch, eine weitere feste folkloristische Größe in Deutschland, einig Biertrinkerland, ist eine gegen alle innovativen Geselligkeitsforen gefeite Trutzburg. Dieses spannende Soziotop mit dem schmiedeeisernen Erkennungszeichen darf zwar als wissenschaftlich gut ergründet gelten, was Distinktionsmerkmale, Redeordnungen und verhandelte Themen anbelangt – die Besetzung einiger Exemplare rechtfertigt durchaus das Synonym Schattenkabinett –; die Biersitten hingegen stellen nach wie vor ein Forschungsdesiderat dar. Ohnehin ist es lebensnäher (und ulkiger!), sich dieser spezifischen Ausprägung deutschen Brauchtums durch erzählende Texte als durch soziologische Studien zu nähern.

Wilhelm Raabes Prosa „Das Horn von Wanza“ (1881) etwa spielt in zentralen Passagen am Stammtisch einer Kneipe mit dem neckischen Namen „Witwe Wetterkopf – Ausspann, Ausspann, Restauration und Speisewirtschaft“. Bereits die erste Szene, in der ein Student diesen sogenannten Bauernkrug betritt, zeigt eindringlich, wie existenziell alkoholhaltige Flüssigkeiten zumal im ländlichen Raum für die flüssige Rede sind. Dass es sich in diesem Fall um Wein statt Bier handelt, ist in diesem Kontext ohne Belang: „‚Wenn Sie noch einen Schoppen haben wollen, bitte, so sagen Sie es deutsch‘, sagte die Wirtin ein wenig sehr spitzig. ‚Denn auf deine Tante Sophie trinke ich speziell noch einen Halben‘, brachte der Herr Bürgermeister seine Rede zu Ende, ohne sich stören zu lassen.“

Nur acht Jahre vor diesem kleinbürgerlichen Szenario entstand „Der Geburtstag oder Die Partikularisten“, eine hinreißend illustrierte Bildergeschichte des begnadeten Lästerers Wilhelm Busch, der die maskuline Runde mit einer plattdeutschen Note versetzt – und der Wirtin einen sprechenden Namen gibt: „Zu Milbenau im weißen Pferd / Bei Mutter Köhm, die jeder ehrt, / Da sitzen, eng vereint und bieder, / Auch diesen Sonntagabend wieder / Nach altem Brauch im Freundschaftskreise / Die Männer und die Mümmelgreise. – / ‚Et blivt nich so! Et blivt nich so!‘ / So murmelt jeder hoffnungsfroh.“

Man ahnt: Es ist endloses Palaver, das Stammtische auszeichnet, eine Fortsetzung des Parlamentarismus mit anderen Mitteln. Das bedeutet aber nicht, dass der Erkenntnisgewinn an solchen Geselligkeitsschauplätzen zu kurz kommt. Die TV-Serie „Dittsche – Das wirklich wahre Leben“ (2004), um ein jüngeres Beispiel zu nennen, lehrt, dass sogar ein Drei-Personen-Stammtisch (Olli Dittrichs Kunstfigur, Wirt, Schildkröte) große Visionen hervorbringen kann. So lange es nur perlt.

Lesen Sie auch

Kult und Kultur liegen beim Bier nah zusammen

Bier-Traditionen, die im süddeutschen Raum gern mit mönchischem Hedonismus in Klausursituationen begründet werden, gehen immer – auch im höheren und höchsten Norden, dessen Festtagskalender, dem Protestantismus geschuldet, leider übersichtlicher ist als jener im Alpenvorraum. Diese Traditionen stehen, strukturell der Etablierung eines Stammtisches in einem altdeutschen Wirtshaus vergleichbar, für die situative Durchlässigkeit des Alltags durch eine Feierlaune mit klingenden Gläsern und progressiven Promillegehalt.

Sie verkörpern mithin auch nördlich des Weißwurst-Äquators ein zwar nicht immer sinniges und doch stets sinnenfreudiges Ritual, das zwischen Arbeit einerseits sowie Sport und Spiel andererseits angesiedelt ist. Es verwundert folglich nicht, dass es – von Werder-Heimspielen mal abgesehen – vor allem Festivals sind, in der die handliche Flasche, sagen wir mal, Beck’s zur seriellen Ausstattung traditionsbewusster Besucher gehört. In solchen Situationen sind Kult und Kultur einander sehr nah.

Lesen Sie auch

Nicht von ungefähr ist es ein wesernah gefertigter Kronkorken, der auf dem Cover des Schelmenromans „Herr Lehmann“ prangt, mit dem der Sänger Sven Regener, ein gebürtiger Bremer mit viel Viertelkneipen-Erfahrung, 2001 seine Kreativität auf das Schreiben von schrulligen Romanen ausdehnte, in denen Bier sozusagen Treibstoff für die handelnden Personen ist.

Als der Autor dieses Textes Regener im Jahr 2003 anlässlich der Verfilmung seines Prosadebüts durch den Regisseur Leander Haußmann in Berlin interviewte, war es mit dessen, nun ja, Lokal-Patriotismus nicht weit her: Vor ihm stand nicht etwa, wie sonst unter Berlinern mit Bremer Prägung üblich, ein Bier der Marke Beck’s, sondern ein bajuwarisches Weizen. Gerade so, als sei Regener konvertiert. Gerade so, als sei er zur unsympathischsten Figur seines Debütromans übergelaufen: zu Kristall-Rainer, der notorisch Weizen süffelt – und Herrn Lehmann am Ende die schöne Kneipenköchin Katrin wegschnappt.

Lesen Sie auch

Angesichts solcher rustikalen Jungmann-Traditionen, die freilich nicht nur aus Berlin, sondern auch aus anderen Regionen bezeugt sind, überraschen heutige Jugendrituale wie die sogenannten Flatrate-Partys nicht. Man kann sie – auch ohne mit ihnen zu sympathisieren – getrost als Brauchtumspflege bezeichnen. In ähnlicher Weise wie den Karneval, zu dessen Bestandteilen zwischen Bier und Bütt seit alters her Gesten der Verausgabung zählen.

Sie sind einer Ökonomie der Verschwendung geschuldet, die, besorgt gemeinten Einflüsterungen von Abstinenzlern und Gesundheitsaposteln zum Trotz, überbordend, ja maßlos sein müssen. Folgt man dem russischen Kulturanthropologen Michail Bachtin, so stellt das Prinzip des Karnevals alltägliche Werte und Normen auf den Kopf. Insofern kontrastiert der alkoholische Exzess an närrischen Tagen das sozial geforderte Maßhalten jenseits des Festes. Sofern man das noch hinbekommt.

In diesem Sinne: Trinkt, Brüder, trinkt, lasst doch die Sorgen zu Haus. Und das Auto tunlichst stehen.

Zur Sache

Bier & Co – das Magazin

Was ist drin, woher kommt es, seit wann gibt es Bier? Es werden neue Biere erfunden, und es gibt eine große Szene rund um die Braukunst. Über das und vieles mehr berichtet dieses Magazin. Rezepte von Spitzenköchen gibt es eben­so wie Reportagen und Kurioses rund ums Bier.

Das Magazin ist erhältlich im Handel, in unseren Zeitungs­häusern, auf www.weser-kurier.de/shop und telefonisch unter 0421 / 36 71 6616.

120 farbige Seiten, 6,95 Euro.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+