Kulturbetrieb in der Coronakrise

Kunsthalle Bremen zeigt neue Ausstellung vorerst virtuell

Wegen der Coronakrise ist auch die Bremer Kunsthalle geschlossen. Trotzdem haben Besucher auch von Zuhause die Chance, die Ausstellung mit Werken von Norbert Schwontkowski zu sehen.
21.03.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Kunsthalle Bremen zeigt neue Ausstellung vorerst virtuell
Von Iris Hetscher
Kunsthalle Bremen zeigt neue Ausstellung vorerst virtuell

Schnell weg hier: "Alle wollen nach Hause" hat Norbert Schwontkowski 2010 in Öl gemalt.

Nachlass Norbert Schwontkowski – Contemporary Fine Arts, Berlin, Foto: Matthias Kolb

Da steht er nun. Ein Kardinal in rotem Ornat, ganz allein in „Saal 9“. Um ihn herum Bilder, auf denen immer dasselbe zu sehen ist: Schwärze. Auch in den anderen Räumen im Hintergrund ist das der Fall. Der Kirchenmann wirkt etwas betreten; ob das so ist, weil er weit und breit der einzige Besucher ist oder weil ihn die Kunst irritiert – wer weiß das schon zu sagen. Ein Motiv wie aus einem Traum, zudem wie durch einen Schleier gemalt und gleichzeitig von skurrilem Humor.

Das 2010 entstandene Gemälde ist Teil der Ausstellung „Norbert Schwontkowski: Some Of My Secrets“ (Einige meiner Geheimnisse) in der Kunsthalle Bremen. Eigentlich sollte die Werkschau des Bremer Künstlers (1949-2013) ab dem 21. März zu sehen sein, doch die Kunsthalle bleibt wie alle anderen Kultureinrichtungen geschlossen. Die Schau ist allerdings fertig gehängt, und von daher hat die Kunsthalle sich entschlossen, den Bremern auch jetzt schon mal ein bisschen Schwontkowski virtuell in die Wohnzimmer zu bringen (siehe „Zur Sache“).

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Am Freitag durften Pressevertreter die Ausstellung in Einzelterminen anschauen; dabei konnte man sich ein bisschen so fühlen wie der namenlose Kardinal auf dem Bild. Überhaupt passt die Kunst Schwontkowskis auf fast schon unheimliche Weise zur Zeit; eine gewisse Verlorenheit, gar Leere und die auf dem Fuß folgende Melancholie ist bei vielen Bildern zu spüren. Das Absurde sowieso. Sind überhaupt Menschen zu sehen, scheinen diese gar nicht ganz da oder auf kuriose Art fehl am Platz zu sein. So wie bei „Bosch (Die Kälte des Weltalls)“: Ein Mann verschwindet in einem Kühlschrank.

Viele Leihgaben aus Sammlungen

„Some Of My Secrets“ konzentriert sich auf die Gemälde, die der äußerst produktive Künstler zwischen 1990 und seinem Todesjahr 2013 geschaffen hat. Entstanden ist die Schau in Zusammenarbeit mit Museen in Bonn und Den Haag, doch die Bremer Variante weise einige Besonderheiten auf, so Kuratorin Eva Fischer-Hausdorf. Viele Leihgaben aus Bremer Privatsammlungen seien dabei, außerdem vier Vitrinen mit den für Schwontkowski so charakteristischen Skizzenbüchern. Zudem sind Selbstporträts zu sehen und eine Fotoserie, die den Künstler bei der Arbeit zeigt.

Der Schaffensprozess war wichtig für Schwontkowski, der erst über Umwege zur Kunst fand. Schaufensterdekorateur hat er gelernt, hatte zuvor aber überlegt, ob er nicht Priester werden wollte. Er studierte schließlich Freie Malerei in Bremen und Hamburg. Dabei ging er schnell dazu über, mit diversen Materialen zu experimentieren, um seinen „Urgrund“ für die Gemälde zu finden, wie er es nannte – die Bilder übermalte er zudem immer wieder. Das wundert nicht bei einem, der so offensichtlich mit diesen Momentaufnahmen rang, die er seiner inneren Welt und dem Alltag ablauschte, dieser „verblassenden Erinnerung“, wie er es nannte. Die hat er überwiegend in erdigen, tonigen Farben gemalt, knallige Buntheit ist die Ausnahme.

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Dem Gegenständlichen sind dabei fast alle Bilder verpflichtet, aber nicht einem einheitlichen Stil, das zeigt die Ausstellung sehr schön. Schwontkowski flirtete zwar stark mit dem Surrealen, mal auch mit dem Fantastischen, aber es sind auch kubistische oder an die Alten Meister angelehnte Porträts zu sehen. Und sogar Werke, die geometrische Strukturen abbilden.

Aber Obacht: Eine zusätzliche, hintersinnige Ebene ziehen stets die Titel ein, manchmal auch die Schrift in den Bildern. „Warum ich nicht aufhören kann mit Rauchen“ zeigt eine Industrielandschaft mit Schloten, aus denen Rauch strömt, der wie leuchtende Watte aussieht, „Der Besuch“ ein Sofa mit Haken, auf dem Mützen und Hüte liegen. Immer wieder schön auch die weißen Schwäne auf hellbraunem Grund mit dem grandiosen Titel „Wir in dieser Drecksbrühe“. Hoffentlich bald auch wieder live zu betrachten.

Info

Zur Sache

Kunst online

Norbert Schwontkowski: Some Of My Secrets. Kunsthalle Bremen, bis 2. August. Wegen der Corona-Krise ist die Ausstellung derzeit ausschließlich virtuell zu erleben. Die Kunsthalle bietet dazu folgende Möglichkeiten an:

#NorbertDaily: täglich wird auf der Facebook-Seite der Kunsthalle und als Instagram-Story ein Kunstwerk vorgestellt. Ab sofort.

Kunstpause live: donnerstags um 13 Uhr für 15 Minuten als Live-Video auf Facebook und Instagram. Ab dem kommenden Donnerstag, 26. März.

Stiller Betrachter: Einmal wöchentlich wird ein Raum im Live-Video auf Facebook und Instagram ohne Kommentar vorgestellt, ohne Kommentar.

Weitere Informationen

Norbert Schwontkowski: Some Of My Secrets. Kunsthalle Bremen, bis 2. August. Wegen der Corona-Krise ist die Ausstellung derzeit aussschließlich virtuell zu erleben:

- #NorbertDaily: täglich wird auf der Facebook-Seite der Kunsthalle und als Instagram-Story ein Kunstwerk vorgestellt.
- Kunstpause live: donnerstags um 13 Uhr für 15 Minuten als Live-Video auf Facebook und Instagram. Ab kommendem Donnerstag, 26. März.
- Stiller Betrachter: Einmal wöchentlich wird ein Raum im Live-Video auf Facebook und Instagram ohne Kommentar vorgestellt.

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