Konzert-Kritik vom "MTV Unplugged" Peter Maffay in Bremen: Von Landschaften, Motorrädern und Freiheit

Peter Maffay begeistert beim MTV-unplugged-Auftritt das Publikum in der ÖVB-Arena in Bremen – und bringt mit Johannes Oerding und Jennifer Weist berühmte Freunde mit. Ein Abend, der niemanden kalt ließ.
16.02.2018, 11:54
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Von Hendrik Werner

Der Abend von Freunden für Freunde beginnt in der bestens besuchten ÖVB-Arena als Comic-Film. „Anschnallen, Leute. Die nächste Stadt wartet“, sagt ein animierter Peter Maffay zu seinen Bandkollegen. Doch der Bus bockt. Gut, dass Maffay Motorrad kann. So rasant, dass ihm kaum jemand zu folgen vermag. „So, Freunde, gleich geschafft“, sagt der Popkultur-Heros, als er das Bremer Ortsschild passiert. Großer Beifall brandet auf, als Maffay – eben noch auf der Landstraße – leibhaftig die Showbühne betritt, die breit genug ist, um einem guten Dutzend fahrender Musikanten einen angemessenen Spielplatz einzuräumen.

„Bring mich nach Haus“ besagt die rockige Auftaktnummer. Deren Inhalt („So hart ist die Fahrt auf einem neuen Pfad“) reibt sich zwar dezent am fluffigen Bilder-Intro. Aber so gewöhnt sich das Publikum schon mal an die im Laufe des zweieinhalbstündigen Konzerts wiederholt auftretenden Text-Bild-Scheren. Unten besingt der 1,68 Meter messende Mann mit gewohnt viriler Stimme die Mühen der Ebenen, oberhalb der Bühne sind Projektionen zu sehen, die Peter Maffay und sein Superheldenteam abwechselnd auf US-Pisten und im Weltall zeigen. Selbstverständlich unter dem globalen Label, das dieses Spektakel im Innersten zusammenhält: MTV unplugged.

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Dynamisch geht es weiter: mit „Gelobtes Land“, einer 2014 auf dem Album „Wenn das so ist“ erschienenen Nummer mit autobiografischen Untertönen – und einem Dresscode, der dem in unvermeidliche Leder-Kledage (plus Silberkette) gewandeten 68-Jährigen entspricht: „Zwei Zylinder voll Adrenalin / Gewitter, die durch Straßen ziehen / Ich fahre los, schau nicht zurück / Dunkles Leder umarmt mich wie das pure Glück.“

Es folgt mit „Der Mensch auf den du wartest“ (2008) das erste Stück, das der von hervorragenden Musikern flankierte Sänger mit ausgesprochenem Gast-Beistand intoniert: Jennifer Weist, Frontfrau der Band Jennifer Rostock mit einem Faible für Tattoos und Piercings, mag es musikalisch eigentlich anderthalb Nummern härter. Und doch fügt sich ihr Timbre tadellos zu jenem des legendären Kollegen, der für die Stationen seiner am Mittwoch in Kiel gestarteten Akustik-Tour beachtliche Prominenz um sich schart.

"So schön" mit Johannes Oerding

Sozusagen mit warmem Schmelz interpretiert der Altmeister, der sich seit jeher zum Gewissen der Nation aufschwingt, seinen Klassiker „Eiszeit“ (1982), der nachgerade mustergültig Naturkatastrophen („Wenn die Meere untergehen und die Erde bricht“) und Bedrohungsszenarien des Kalten Krieges miteinander verrechnet („Rotes Telefon, wenn du versagst“). Immerhin das Titelwort singt die Menge zu diesem Zeitpunkt mehrheitlich mit.

Als gegen Ende der Darbietung Johannes Oerding die Bühne betritt, der Maffay bei dieser Tournee durchgängig begleitet, setzt es sehr warmen Applaus. Nach der gemeinsam bestrittenen Oerding-Nummer „So schön“, die ein bisschen Soul in die Arena spült, ist eine Betriebstemperatur zu verzeichnen, die zumindest in den vorderen Reihen ins Behagliche geht. Für Fans auf weniger kostspieligen Plätzen hat der zugewandte Peter Maffay von Zeit zu Zeit ermunternde Gesten und Worte parat. Kalt lassen, so viel steht mal fest, soll dieser Abend niemanden.

Empfindsame Schlager

Auf den Jennifer-Rostock-Titel „Leuchtturm“, für den Jennifer Weist naturgemäß wieder aufläuft, folgt das vor Engagement und Apokalypse schier berstende 1992er-Lied „Wenn der Regen fällt“, das musikalisch mit einem tollen Querflöten-Solo punktet. Gegen Ende des Liedvortrags schließt Maffay andächtig die Augen und gewährt einen intimen Blick auf die rau und archaisch anmutende Landschaft seines Gesichts. Von irgendwo weht ein Fetzen Georg Trakl: „Dich sing‘ ich, wilde Zerklüftung!“

Apropos: Das, was Maffay „alte Schinken“ nennt, mithin empfindsame Schlager, gibt es erwartungsgemäß auch auf die Ohren. Darunter „So bist du“ (1984) und „Du“ (1970), beide veredelt durch Kabinettstückchen des großartigen Gitarristen Carl Carlton und ein zusehends sangessicheres Auditorium. Es sind dies Minuten für Kuschelpärchen, die in Reminiszenzen schwelgen. Gerade so wie bei „Über sieben Brücken“, einem 1980 von der DDR-Combo Karat entliehenen Hochkaräter der Gefühligkeit, den Maffay heuer im Duett mit Johannes Oerding präsentiert.

Nie erwachsen werden

Und gerade so wie bei „Ich wollte nie erwachsen sein“, einer Ode an die Kindheit, mit der 1993 Maffays „Tabaluga“-Zyklus anhob. Den nächsten Coup der zugehörigen Wertschöpfungskette, die neben Alben, Tourneen und Büchern auch ein Musical im Zeichen des kindgerechten Drachens umfasst, avisieren vereinzelte Plakate in der ÖVB-Arena: Am Nikolaustag dieses Jahres läuft im Kino „Tabaluga – der Film“ an; auch er im Dienste des Karitativen.

Ein gewissermaßen maffayfreier Höhepunkt ist der Auftritt der Common-Linnets-Frontfrau Ilse DeLange, die den Song „Calm After The Storm“, niederländischer Beitrag zum ESC des Jahres 2014, einmal mehr hinreißend interpretiert – und auch bei „Sonne in der Nacht“ bestens gestimmt ist. Etwas weniger Eindruck hinterlässt US-Rocker Tony Carey, der bei einigen Unplugged-Gigs mit von jener Partie ist, die in Bremen zusehends zur Party avanciert. Zum großen Finale versammeln sich alle Mitwirkenden nochmals auf der Bühne, bevor mit „Freiheit, die ich meine“ der Zugaben-Reigen beginnt. Ein hübsch gebundener Melodienstrauß für Nostalgiker, mithin Menschen, die nie erwachsen werden wollten.

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