Familienstück am Theater Bremen Von kleinen und großen Fischen

Umjubelte Uraufführung am Sonntagnachmittag: Das Theater am Goetheplatz zeigt das Familienstück „Die rote Zora und ihre Bande“ nach dem Jugendbuchklassiker von Kurt Held in John von Düffels Bühnenfassung.
24.11.2019, 19:35
Lesedauer: 3 Min
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Von kleinen und großen Fischen
Von Hendrik Werner

Bremen. Heißa, das geht lustig! Wann immer die Akteure des am Sonntagnachmittag uraufgeführten Familienstücks „Die rote Zora und ihre Bande“ glitschige Meeresbewohner in den Händen zu behalten versuchen (und davon gibt es reichlich), kommt Stimmung in die Goetheplatz-Bude. Dabei scheint Requisitenschwund angesichts der erheiternden Schlüpfrigkeit der Beute unabwendbar. Doch siehe: „Der Fisch hier ist nicht ganz kaputt, den kann ich noch reparieren“, ruft ein im Abgang begriffener Junge aus Zoras Bande – und erntet viel Gelächter.

Als wenn es nur dieses rutschige Diebesgut wäre, das die Fischzüge der jungen Gangster schmierig bis schwierig macht. Mit einer Eigendynamik des Materials hat auch die smarte Titelfigur des Stücks zu kämpfen. So sehr verheddert sich Zora (agil und kämpferisch: Mirjam Rast) in einem engmaschigen Fischernetz, dass sie Minuten braucht, um sich zu befreien. Und das ist wohlgemerkt nur ein analoges Netz. Nicht auszudenken, die für vielfache Bedeutung offene Handlung würde in der digitalen Ära spielen.

Es ist eine raue Welt, in die das Familienstück des Theaters Bremen kleine und große Besucher entführt: Der deutsche Schriftsteller Kurt Held (1897-1959), der 1933 in die Schweiz migriert war (und seiner von Albanien nach Kroatien geflüchteten Heldin gleichfalls eine Migrationsgeschichte zuschrieb), verfasste 1941 im Exil „eine Erzählung aus Dalmatien für die Jugend“ „Zora“-Untertitel). Es geht um soziale Schranken und wirkungsmächtige Vorurteile, um Solidarität und Gerechtigkeit, um Grüppchen und Süppchen, um Hunger und das schiere Überleben.

Gewitzte Bühnenversion

Vorangegangen war dem politisch engagierten Schreibprozess des vormaligen Linksaktivisten Kurt Held (bürgerlich: Kläber) ein Besuch im kroatischen Küstenstädtchen Senj. Dort war Held Mitgliedern einer Jugendbande begegnet, denen er in „Die rote Zora und ihre Bande“ ein literarisches Denkmal setzte. John von Düffel, der mit zwei Mark-Twain-Adaptionen aus dem Tom-Sawyer-Kosmos bereits in den vergangenen beiden Jahren für fabelhaften Familienstück-Stoff mit sozialkritischer Note sorgte, hat aus der vielfach verfilmten Prosa-Vorlage eine gewitzte Bühnenversion mit nachdenklichen Noten geschaffen.

Flott und pointenreich inszeniert hat die Geschichte Selen Kara („Istanbul“, „Bang Bang“); für einen mitreißenden Soundtrack sorgt ihr Lebensgefährte Torsten Kindermann, der am Theater Bremen unter anderem die genannten Kara-Regiearbeiten musikalisch unterfütterte. Seine Hommage an das Balkan-Pop-Genre war ursprünglich für einen eigenen Liederabend vorgesehen; die dynamische Folklore, die mit getragener Begräbnismusik anhebt und sich später zu aberwitzigen Tempi steigert, macht sich als Bestandteil einer reellen Spielhandlung ausnehmend gut. Unter anderem intoniert die fabelhafte vierköpfige Band (Jan Grosfeld, Erik Konertz, Tom Plückebaum, Jan-Sebastian Weichsel), die sich, ökonomisch sinnig, aus Bandenmitgliedern zusammensetzt, den Goran-Bregovic-Klassiker „Gas Gas Gas“ – mit einem drolligen chorischen „Rote Zora“-Einsprengsel.

Für die Dynamik der kindgerecht vorgeführten Geschichte (empfohlen ab sechs Jahren), die von Düffel angemessen gestrafft hat (Spieldauer: 80 Minuten), sorgt wiederum Branko, neben Bandenchefin Zora der Co-Star des Stücks. Der gerade mal 23-jährige Emil Borgeest, der seinen gefeierten Einstand am Theater Bremen in Alize Zandwijks „Vögel“-Inszenierung gegeben hat, spielt die Quasi-Waise anrührend durchlässig, punktgenau und mit hoher Präsenz. Sein Branko, dessen Musikervater abgängig ist, steht nach dem Tod seiner Mutter allein da – und wird durch Vorurteile und Zuschreibungen der städtischen Honoratioren um das Großmaul Karaman (Helge Tramsen ist ein herrlicher Schnösel) auf die schiefe Bahn gedrängt.

Als Zora Branko aus dem Gefängnis befreit und ihn trotz anfänglicher Vorbehalte ihrer Mitstreiter in das Bandenversteck, eine alte Burg hoch über der Adria mitnimmt, hat der Junge nicht nur eine neue Bezugsgruppe, sondern bringt zudem eine Gerechtigkeitsperspektive in die Bandenpolitik ein: zu überprüfen, wen man aus welchen Gründen ausraubt.

Imposantes Bühnenbild

Lydia Merkel hat ein imposantes Bühnenbild geschaffen, das den Zufluchtsort der Bande, einen Trumm von Burg, nicht nur frontal vorführt, sondern auch Geheimgänge und den Schlafsaal der Jugendlichen in den Blick rückt. Beleuchter Joachim Grindel spendiert ein sternenilluminiertes Fischfang-Notturno mit Zora und Branko. Clou der von Emir Medic geschaffenen Kostüme ist fraglos das für Koko (Guido Gallmann), einen ebenso schrägen wie eloquenten Türkisnaschvogel, geschaffene Federnkleid. Wie Gallmann bewältigen Franziska Schubert, Matthieu Svetchine und Siegfried W. Maschek delikate Doppelrollen mit viel Verwandlungs- und Scherzpotenzial. Das Publikum bejubelt das formidable Familienstück entsprechend ausgiebig.

Weitere Informationen

Aufführungen: 25., 27. und 28. November, 10 Uhr; 3. bis 6., 9. bis 13. und 15. bis 20. sowie am 26. Dezember, 10 Uhr; 18. Dezember, 18 Uhr.

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