Sammlung wird neu gehängt Wie die Kunsthalle Bremen die Corona-Pause nutzt

Auch die Kunsthalle Bremen ist von den Corona-Einschränkungen betroffen. Die Verantwortlichen hoffen auf eine baldige Öffnung - und hängen derweil die Sammlung neu.
25.04.2020, 16:43
Lesedauer: 4 Min
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Wie die Kunsthalle Bremen die Corona-Pause nutzt
Von Iris Hetscher

Der Raum ist rot gestrichen, da fällt die Installation besonders auf. Ein Ensemble grasgrüner Eimer, Pinsel, Abdeckfolie, gelbes Klebeband. Auch eine Leiter und eine halb volle (oder halb leere – das ist ja Ansichtssache) Mineralwasserflasche sind dabei. Das alles auf grauem, dünnem Filz. Dies könnte eine spektakuläre Neuerwerbung des Bremer Kunstvereins sein. Kunsthallendirektor Christoph Grunenberg hatte ja bereits im vergangenen Jahr angekündigt, dass bei der Neuordnung der Sammlung die zeitgenössische Kunst eine größere Rolle spielen wird als bisher.

Doch halt. Das hier im ersten Stock der derzeit noch geschlossenen Kunsthalle heißt nicht „Working Space, Vol. I“ oder so ähnlich. Hier wird tatsächlich gearbeitet. In den Eimern war und ist noch Farbe für die Wände, die nach dem Abhängen der Exponate der „Ikonen“-Ausstellung leer waren. Und die nun anders leuchten sollen. Aus Lila wird Blau. Aus Rot wird Schwarz. Und so weiter. Erst dann werden die Säle und Kabinette wieder mit dem gefüllt, was ein Museum ausmacht: der Sammlung.

Die Kollektion der Kunsthalle Bremen ist nach ihrem Ausflug ans Guggenheim-Museum Bilbao glücklich wieder zurück, erzählt Dorothee Hansen, stellvertretende Direktorin. Denn kaum war in Bilbao abgehängt und in Bremen der letzte Tag der „Ikonen“-Schau vorbei, wurde auch schon wegen des sich ausbreitenden Coronavirus über die Schließung von Grenzen debattiert. Die Bremer Exponate konnten da noch schnell durchschlüpfen. Und werden derzeit einmal kräftig durchgeschüttelt für die neue Präsentation der Sammlung unter dem Titel „Remix 2020“.

Mehr Moderne als bisher soll gezeigt werden, betont Christoph Grunenberg einmal mehr und außerdem mehr Arbeiten auf Papier. Die Interaktion Bremens als Handelsstadt mit der Welt wird eingebettet in das große Thema Globalisierung. Außerdem werden alte Werke mit neueren in thematisch geordneten Räumen konfrontiert. Das kann beispielsweise Folgendes bedeuten: An der einen Wand ein „Christus mit Dornenkrone“, der der Schule der Nazarener zugeordnet wird. An einer anderen Werke der Romantik, hier ein Bergbach, dort die blaue Grotte von Capri. Einmal geht es eher darum, wie Stein auf einem Bild wirken kann, ein anderes Mal um das Thema Licht, so Dorothee Hansen.

Außerdem soll dem wegweisenden Videokünstler Nam June Paik wieder mehr Platz gewährt werden, immerhin besitzt das Haus eine veritable Sammlung an Medienkunst. Die Kunsthalle, sie wird etwas heutiger werden, auch wenn „Klassiker und Kernbestände“ weiterhin zu sehen sein werden, wie Direktor Grunenberg betont. Im Depot verschwänden vor allem Werke, deren Entstehung auf die Zeit vor dem 19. Jahrhundert datiere. Doch auch das ist nicht für immer: „Die Präsentation der Sammlung wird künftig stärker als bisher einem Wandel unterworfen sein.“

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Wer derzeit einen Blick in die Räume werfen darf, erlebt ein Museum, das für wenige Wochen selbst ein begehbares Kunstwerk ist. Die teilweise leeren, teilweise bereits mit Gemälden ausgestatteten Raumfluchten präsentieren sich in faszinierender Farbgeometrie. Hier wirkt ein grellrotes Gemälde in der Mitte dreier weißer Wände wie ein Blutfleck, dort sorgt ein Tapetentisch für ein reizvolles horizontales Element. Monets „Camille“ muss noch auf einem Bilderwagen ausharren, während „Max Liebermann an der Staffelei“ schon lässig an einer Mauer lehnt. Einige der Impressionisten sind schon an ihren in Hellblau gehaltenen Bestimmungsorten angekommen, die Räume für die Neue Sachlichkeit zeigen dagegen ein sehr sachliche weiße Leere.

Oder sie sind in Lindgrün gehalten – auf einer der Wände klebt allein und verlassen ein Zettel, der einen schwarz-weißen Computerausdruck zeigt. Dieser gehört nicht etwa zu den angekündigten Arbeiten auf Papier, sondern zur „Puppenstube in 3D“, wie Dorothee Hansen das nennt. Denn vor der analogen steht die digitale Hängung, die am Computer simuliert wird. Sie ersetzt ein langwieriges Hin- und Herwuchten der Museumsexponate in natura, bevor die Kuratoren ihr finales Okay geben.

Und wenn alles fertig gehängt ist? „Wir hoffen, dass wir die Neuordnung der Sammlung wie geplant ab dem 16. Mai zeigen können“, sagt Christoph Grunenberg so vorsichtig, wie man als Museumsmann derzeit sein muss. Auf eine große Eröffnung werde natürlich verzichtet; geplant hatte die Kunsthalle ein ganzes Wochenende mit Veranstaltungen rund um „Remix“. Davon wird einiges in den virtuellen Raum wandern, ähnlich, wie es bei der Sonderausstellung „Norbert Schwontkowski – Some of my Secrets“ aktuell geschieht. Aber das kann natürlich nur Appetit machen, der Bärenhunger auf Kunst wird nur vor Ort, in der direkten Konfrontation, zu stillen sein. Für die Sammlung der Kunsthalle gilt dann nicht nur die Grußformel: auf Wiedersehen, sondern ebenso: schön, Sie kennenzulernen.

Info

Zur Sache

Baldige Öffnung?

Die Bremer Kulturbehörde stehe aktuell in engem Austausch mit der Senatskanzlei sowie den Ressorts Gesundheit und Inneres, um über einen Öffnungstermin und ein Konzept zum Gesundheitsschutz in den Bremer Museen zu beraten. Auch die Museen selbst hätten bereits Ideen für eine Wiedereröffnung vorgelegt, heißt es vonseiten der Behörde. Wann genau eine Entscheidung getroffen wird, und ob auch in Bremen wie in Berlin eine Öffnung erster Häuser ab dem 4. Mai denkbar sei, könne man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen.

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