Musik-Manager Max Mönster Wie ein Bremer die Musikstars formt

Einst zählte Max Mönster zu den bekannteren Rappern aus Bremen. Inzwischen hat er die Seiten gewechselt. Der 33-Jährige aus dem Steintor ist der wohl erfolgreichste Label-Manager im deutschen Hip-Hop.
04.05.2018, 22:03
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Wie ein Bremer die Musikstars formt
Von Nico Schnurr

Festungsgleich thront das eierschalenfarbene Gebäude, in dem früher wirklich mal Eier kühlten, am Berliner Osthafen. Kreuzberg den Rücken zugewandt, funkelt das Universal-Logo etwas abschätzig von einer Glasfront über der Klinkerfassade herab auf diesen Stadtteil der Dauerkreativen. Montagmorgen, über die Oberbaumbrücke, vorbei an dem, was vom Wochenende übrig geblieben ist, zerknüllten Flyern, Erbrochenem, Urinlachen, hin zur deutschen Zentrale von Universal Music.

Im Eingang haben sie eine Ahnengalerie ausgestellt, eine Chronik des Pop, ein paar prägende Künstler jeden Jahrzehnts. Die 2010er-Jahre fehlen noch. Einige Stockwerke darüber arbeiten sie daran, dass die Galerie nicht leer bleiben wird. „Wir machen hier Popstars, deutscher Rap ist der neue Pop“, wird Max Mönster, 33, Label-Manager und Bremer, später sagen. Jetzt sitzt er am Ende eines langen Tisches in einem gläsernen Raum, vor ihm sein Laptop und ein Dutzend Endzwanziger und andere Junggebliebene.

Es ist Wochenkonferenz bei Universal Urban. Worüber sie hier sprechen, sorgt in deutschen Kinderzimmern für Schnappatmung. Ein Künstler des Labels bekommt einen Gastpart eines US-Rappers, ein anderer arbeitet mit einem berühmten Franzosen zusammen. Beiläufig rattert Mönster aktuelle Arbeitsergebnisse herunter, die für einen Hip-Hop-Blog Nachrichtenmaterial für Monate bedeuten würden.

Ein Blick auf die Trendcharts, die Stimmung ist gelöst. Max Mönster hat es geschafft. Der erste Hit des Frühjahrs geht auf sein Konto. Gemeinsam mit dessen Manager ist Mönster das Kunststück gelungen, aus Olexesh, einem ukrainisch-stämmigen Eminem-Fan aus Darmstadt, einen Popstar zu machen. Früher schoss er Silben wie Salven über Beats, so schnell, dass man manchmal gar nicht so richtig mitbekam, was er sich für krudes Zeug über Ufos und andere Verschwörungen zusammenreimte.

Jetzt nuschelt er nonchalant über einem luftigen Instrumental, ein bisschen exotisch, aber nicht zu sehr, über weibliche Reize, und läuft damit in Shisha-Bars wie im Formatradio zwischen Mark Forsters neuer Single und Songs, die klingen, als seien sie Mark Forsters neue Single. Max Mönster hat einen Hit gelandet, wieder mal. Dabei hat er Olexeshs Nummer-eins-Single „Magisch“ weder geschrieben noch produziert.

Mönsters Anteil am Erfolg des Songs ist für Außenstehende nicht messbar. Er wirkt im Verborgenen. Aus dem Off arbeitet er an Hits. Max Mönster ist der aktuell wohl erfolgreichste Schattenmann des deutschen Hip-Hop. Er ist Label-Manager bei Universal Urban. Als sogenannter A&R, was Artists and Repertoire bedeutet, ist er das Scharnier zwischen Künstler und Industrie. Zwischen kreativem Prozess und Marktwirtschaft.

Zwei Episoden der jüngeren Geschichte

Die jüngere Geschichte des Genres, mit dem Max Mönster sein Geld verdient, lässt sich in zwei Episoden unterteilen. In der einen waren das Radio und die Single-Charts Künstlern wie Cro, Casper und Marteria vorbehalten, den Anständigen und Akzeptierten, die ihren Rap mit Stadionrock und Pop kreuzten. In der anderen haben auch die Typen Hits, denen man früher nur ungern auf dem Schulhof über den Weg lief. Diese andere Episode ist jetzt.

Das hat, natürlich, viel mit dem Streaming-Zeitalter zu tun. Aber auch mit einem 33-Jährigen aus dem Steintor, der an diesem Morgen ganz in Schwarz durch das ehemalige Eierkühlhaus an der Spree schlendert, Sonnenbrille, Bauchtasche um die Schulter statt um den Bauch geschnallt, kurze Hose. „Als ich bei Universal anfing, war an Single-Hits im Deutschrap nicht zu denken“, sagt Mönster. Er zurrt die schwarze Cap zurecht, schaut auf die Spree und setzt eine Kunstpause. Ein kurzes Grinsen, er weiß ja, wie die Geschichte weitergeht.

Es kam Motrip, „So wie du bist“. Mönster platzierte den Song in einer Kopfhörer-Werbung mit Bastian Schweinsteiger, Lena Meyer-Landrut tanzte durchs Video, das Ergebnis: über 400.000 verkaufte Einheiten. Dann Sido, „Astronaut“, mit dem Andreas-Bourani-Bonus ins Radio, über 800.000 verkaufte Einheiten. Max Mönster war jetzt im Geschäft und seine Rapper im Radio. Und da hatte er gerade erst begonnen.

Erstmal gab es Stress

Früher verbrachten Typen wie Mönster fünf von sieben Abenden in der Woche auf Konzerten. Heute schauen sie Youtube und wühlen sich durch Streamingdienste, um neue Künstler zu finden. Einer, den Mönster gefunden hat, als sich nur Szene-Geweihte für ihn interessierten, ist Nimo. Ein 22-Jähriger, der zwischen Stimmlagen springt, mal flüstert, mal desillusioniert kräht, wenn er vom früheren Straßenleben zwischen Handys-Verticken und Monaten in der JVA berichtet. Bevor Mönster kam, machte dieser Nimo Hits für die Hinterhöfe.

Jetzt laufen seine Songs im Club nach Latin-Schunkelpop wie „Despacito“, ohne dass jemand die Tanzfläche verlässt. Sein Beispiel taugt besonders gut, um zu verstehen, wie Max Mönster arbeitet. Erstmal gab es Stress. Nimo hatte Mönster eine erste Version seines Albums geschickt, zurück bekam er zwei Seiten Kritik. „Da war er ziemlich sauer“, erinnert sich Mönster. „Er fragte mich: Warum hast du mich überhaupt unter Vertrag genommen, wenn du das alles so scheiße findest?“

Mönster fand nicht alles schlecht, im Gegenteil, er sah nur hinter den eigenwilligen Melodiebögen noch einen anderen Nimo. „Heute Mit Mir“ war so ein Fall, Mönster mochte den Refrain, ihm gefiel, wie der Song ums Fremdgehen kreiste. Aber brauchte es den Gastsänger? Die dritte Strophe, war die nicht ein bisschen zu explizit? Und der Beat, passte der wirklich zur Geschichte des Songs? Müsste der nicht treibender, tanzbarer sein? Nimo war dann doch schnell überzeugt.

Er sang den Refrain selbst, änderte seinen dritten Part und wählte ein Instrumental, bei dem man sich sofort vorstellt, wie Sean Paul dazu in Bars die Cocktailkirschen von den Gläsern säuselt. Die Pointe glänzt platinfarben. Provisorisch steht sie auf einem Schrank in Mönsters Büro: eine Auszeichnung für 400.000 verkaufte Singles. Der Erfolg gibt Mönster recht. Für ihn ist er tatsächlich eine wichtige Währung.

Die Tipps, die er seinen Künstlern gibt, stehen in keinem Handbuch, auf das er verweisen könnte, wenn es mal schiefgeht. Mönster hat keine Formeln. Er spricht mit Musikern über Musik, ohne im akademischen Sinn besonders viel von Musik zu verstehen. Es gibt A & Rs, die von Notenlehre sprechen und Gesangsstrukturen analysieren, als seien sie Matheformeln. Und es gibt Max Mönster.

„Ich bin sehr schlecht darin zu erklären, was mir an Songs fehlt“, sagt er. Die Arbeit mit den Künstlern macht das nicht unbedingt leichter. „Ich kann nicht so reden wie Produzenten und sagen: Setze die Snare mal anders, baue da noch mal eine Triole ein.“ Ein Satz, den Mönster in so einer Situation sagen würde: Der Refrain muss mehr aufgehen. Wenn es schlecht läuft, fragen die Künstler dann: „Wie aufgehen, was willst du von mir?“ Wenn es gut läuft, stellt Mönster sich ein paar Monate später eine Auszeichnung auf den Schrank.

Eine ungünstige Zeit

„Ich bin ein Bauch-A&R“, sagt er. „Ich entscheide mit Bauch und Herz.“ Natürlich hilft ihm auch, dass er selbst mal Rapper war. Nicht weil seine Künstler das kümmert. Die Jüngeren wissen meist gar nicht, dass der Typ von der Plattenfirma mal einer von ihnen war. Mönsters Rapper-Dasein fiel in eine ungünstige Zeit. Mitte bis Ende der 2000er lag das Genre brach. Die großen Labels nahmen Gitarrenbands mit komischen Namen unter Vertrag, keine Rapper.

Von Bremen aus brachte es Mönster als MontanaMax trotzdem zu einer „recht passablen Laufbahn“. Zwei Soloalben, eine Platte zusammen mit dem Bremer Shiml, die beim berüchtigten Düsseldorfer Label Selfmade Records erschien. „Rap war nie Plan A“, sagt Mönster. Er ahnte schnell, dass seine Kumpels Casper und Shiml besser waren. Mönster glaubte, das bisschen Bekanntheit war seinem Organisationstalent geschuldet, nicht seinen Reimen.

Er kümmerte sich um Auftritte, feilschte um Gagen, darin war er gut. Also ging er zur EMI nach Köln, machte eine Lehre zum Industriekaufmann. Er hätte auch alles andere genommen, Hauptsache beim Label, Hauptsache irgendetwas mit Musik. Ein Berufsrapper wurde aus Mönster nicht. Was es heißt, einer zu sein, erlebt er nun trotzdem. Sein bester Freund Casper ist inzwischen einer der größten Popstars des Landes, und regelmäßig ist Mönster dabei, wenn die Rapper seines Labels eben machen, was von ihnen erwartet wird.

Steintor der 80er- und 90er-Jahre

Im Sportwagen mit Haftbefehl durch Frankfurt, mit Nimo durch Neapel, wer ist hier eigentlich der Star? „Wenn ich so viel Zeit mit Rappern verbringe, die viel Geld haben und damit sehr offen umgehen, muss ich mir immer wieder klarmachen: Das ist deren Leben, nicht meins. Ich habe die Taschen nicht voller Tausender.“ Anfangs wollte Mönster mithalten mit seinen Künstlern, ein Wettbewerb im Protzen.

Es hat eine Weile gedauert, bis er verstand, dass er das nicht muss. „Straßenleute wie Haftbefehl und Nimo akzeptieren mich, weil sie wissen, dass ich nicht aus ihrer Welt komme und auch nicht versuche, ein Teil von ihr zu sein.“ Ein bisschen was von dieser anderen Welt versteht er trotzdem. Und das hat mit Bremen, mit dem Steintor der späten 80er- und frühen 90er-Jahre zu tun. Mönster ist ein Mittelstandskind, der Vater ein Künstler, die Mutter arbeitet im Museum, mal hatten sie mehr, mal weniger Geld.

Am Ende reichte es aber immer. Mönster wurde in der Goe-thestraße groß, die Nachbarn waren Lehrer, Psychologen und Kreative. „Mir ging es super als Kind, trotzdem bin ich in einer wahnsinnig geladenen Atmosphäre aufgewachsen.“ Wenn Mönster bald mit seiner Freundin zum ersten Mal durchs Steintor fährt, dürfte es ihr schwerfallen, seinen Kindheitserzählungen zu glauben. Mönster erkennt das Viertel ja selbst kaum wieder.

Mit Fragen gelöchert

„Die Humboldtstraße, der Ziegenmarkt, das war für mich als Kind wie eine Geisterbahn, jeden Morgen hat man auf dem Schulweg Fixer gesehen, Drogen, Prostitution, diese ganzen Sachen waren früher allgegenwärtig.“ Mönster ist Einzelkind, Vorbilder fand er in der Nachbarschaft. Er schaute zu Sprühern auf, die Graffiti-Jungs der RZK-Crew waren erste Helden. „Die waren eine richtige Gang, das hat mich komplett gekickt.“ Der Vater hörte Jazz, die Graffiti-Typen feierten zu Rap, also verliebte sich Mönster in Rap, der Jazz atmete.

Nas, „It Was Written“, das Erweckungserlebnis, der Urknall im Bremer Kinderzimmer. Es gab eine Zeit, da kam Mönster ungern zurück ins Steintor. Wenn sich an Weihnachten die Freunde von früher, heute Chirurgen, Handwerker, Wissenschaftler, trafen, fühlte er sich unwohl. „Ein Freund von mir ist Tischler, der nimmt ein Stück Holz und baut einen Tisch – das ist krass“, sagt Mönster.

„Ich habe oft Momente, in denen ich mir denke: Alter, ich kann gar nichts. Mein Kopf ist voll mit absurdem Wissen über Deutschrap, mehr nicht.“ Mönster wusste nicht damit umzugehen, dass die Bekannten an Weihnachten trotzdem nur ihn mit Fragen löcherten. „Es ist schwer, anderen zu vermitteln, dass dieser Job nicht nur aus Free-Drinks und Aftershows besteht.“

"Wie krass, Haftbefehl ruft mich an"

Eigentlich, sagt Mönster, geht es den halben Tag darum, für wie viel Euro man die nächste Single verkauft, wann man die nächsten Vinylkontingente im Presswerk blockt, solche schnöden Sachen. Und natürlich ist das, was von außen wie eine Glitzerwelt scheint, für ihn oft auch „ein wahnsinnig nerviger Zirkus“. Ein Rapper sagt Termine in Berlin ab, weil er sich gerade mit einem Berliner Rapper streitet, hier die Rocker, da die Großfamilie, sowas muss Mönster manchmal vor versammelter Universal-Mannschaft erklären. „Deutscher Rap ist teilweise wie Wrestling“, sagt er. „Und manchmal fühle ich mich wie ein Sozialarbeiter.“

Der Ärger verraucht schnell. Spätestens wenn sein Handy klingelt und der Name Aykut Anhan aufblinkt, was im Grunde täglich passiert. „Ich denke mir jedes Mal wieder: Alter, wie krass, Haftbefehl ruft mich an, in was für einem verdammten Film lebe ich eigentlich.“ Er ist Fan geblieben, von seinen Künstlern, von diesem ganzen wunderschönen Wahnsinn. Darum geht es ihm, nicht um die Erfolge, sagt Max Mönster. Er deutet auf einen monströsen Karton vor seinem Schreibtisch. Der Karton ist gefüllt mit Preisen, Trophäen für neue Nummer-eins-Hits, goldenen Schallplatten. Er steht dort schon seit einer Weile. Max Mönster hat ihn noch nicht geöffnet.

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