Inklusion musikalisch Livemusik, die allen Gefühlen Raum lässt

Nach dem von Gerhild Alf angeregten inklusiven Gongkonzert gehen die Überlegungen weiter. Es laufen Gespräche unter anderem mit der Glocke und dem Kammerensemble Konsonanz.
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Von Kornelia Hattermann

Musik berührt die Menschen in ihrem Innersten, live gespielt nochmal viel stärker. Von Zuhörern wird stilles Genießen erwartet, Klatschen an den richtigen Stellen, rhythmisches Mitgehen – je nachdem, ob große Oper, klassisches oder rockiges Konzert. Behinderte Menschen können sich nicht so angepasst verhalten, reagieren unmittelbar, manchmal laut und gestikulierend, wie auch Gerhild Alfs 25-jähriger Sohn. Um ihm und anderen Livemusik ohne Anpassungsdruck zu ermöglichen, hatte sie ein inklusives Gongkonzert in der Osterholzer Friedhofskapelle organisiert. Über hundert Gäste waren gekommen – ein Ereignis, das einiges in Bewegung gebracht hat. „Zurzeit fühlt es sich wie der Beginn eines Experimentes an, das eine große Bereicherung im Bremer Kulturleben werden könnte“, sagt Gerhild Alf erfreut.

Manche Besucher hätten sich rührend bedankt, berichtet die 64-Jährige, die durchaus unterschiedliche Wahrnehmungen registriert hat. Ein junger Mann hat den Gongspieler Ulrich Görlitz bei seinen drei Umkreisungen durch den Raum während des Konzertes lautstark begleitet, „eine echte Herausforderung“, wie Görlitz sagt. Die leisen Passagen habe er wegen der tönenden Begleitung auslassen müssen, was für ihn kein Thema gewesen sei. „Wie es auf andere gewirkt hat, weiß ich nicht“, sagt Ulrich Görlitz, der im Hauptberuf Mediziner ist. Er hat angeboten, auch 2020 wieder ein inklusives Konzert zu geben.

Was geht, was geht nicht

„Ulrich Görlitz hat den jungen Mann genial eingebunden“, sagt Gerhild Alf, die Rückmeldungen der Zuhörer seien überwiegend sehr positiv gewesen. Einige hätten sich aber auch zu sehr gestört gefühlt, darunter auch ein junger Mann mit Down-Syndrom. Für zukünftige Konzerte ergeben sich daraus einige Fragen, auf die Gerhild Alf auch noch keine Antworten weiß. Dürfen, sollen alle kommen können? Dürfen, sollen die Gäste alles machen können, beispielsweise die Musiker anfassen? Wie geht man damit um, dass sich auch beeinträchtige Menschen gestört fühlen? „Es müssen eigene Formate bleiben“, meint Gerhild Alf, „und es muss sich in einem Prozess entwickeln, was geht und was gut geht.“

Dieser Prozess ist bereits im Gange. Ausgelöst durch den Bericht des WESER-KURIER und das gut besuchte Gongkonzert haben sich Gespräche auf mehreren Ebenen ergeben. Achim Tischer, der Leiter der Kulturambulanz, hat beispielsweise das Haus im Park auf dem Gelände des Klinikums Ost als Veranstaltungsraum angeboten, auch die Glocke sei laut Gerhild Alf bereit, sich für ein inklusives Konzert zu öffnen. Da die Glocke einen langen Programmvorlauf habe, werde dort ein erstes Konzert dieser Art frühestens Anfang 2021 stattfinden können. Man sei im Gespräch.

Außerdem hat sich das Kammerensemble Konsonanz bei Gerhild Alf gemeldet. „Die wollen alles neu denken“, sagt sie begeistert. „Unser Anspruch ist es, Formate zu finden, die anders und zugänglich sind“, erklärt Claudia Beisswanger, die Managerin des Ensembles. „Wir wollen kein Sonderformat daraus machen, sondern mit allen unseren Angeboten so barrierefrei wie möglich sein.“

Neue Formate mit der klassischen Musik

Das Kammerensemble Konsonanz hat sich vor fünf Jahren gegründet mit Musikerinnen und Musikern, die an der Hochschule für Künste studiert haben und aus 17 Nationen stammen. Der Kern besteht aus sechs Musikern, dazu kommt ein Pool aus freischaffenden, ausgebildeten Musikern, die Konsonanz für Projekte akquiriert. Je nach Repertoire und Ort spielen zwei bis 25 Musikerinnen und Musiker. „Wir haben keinen künstlerischen Leiter und kein Dirigat“, erklärt Claudia Beisswanger, dadurch sei die Probenarbeit langwieriger, aber auch befriedigend.

Klassische Musik käme oft sehr exklusiv oder elitär daher, und genau das möchte Konsonanz nicht vermitteln. Man denke viel darüber nach, wie Formate aussehen könnten, bei denen Gefühle willkommen seien und sehe dies als künstlerische Herausforderung, sagt Beisswanger. Den Wunsch nach inklusiven Konzerten nehme man deshalb auch zum Anlass, um die üblichen Konzertkonventionen zu hinterfragen.

Das Ensemble denke über viele Parameter nach, möchte manches aufbrechen: Das räumliche Setting, mit Klanginseln beispielsweise, oder überlegen, ob sich das Publikum während des Konzerts bewegen können soll, ob man Sitzkissen auslegt. Wo fühlen sich die Leute wohl? Wo funktionieren Konzerte? „Musik ist etwas total Lebendiges“, betont Claudia Beisswanger, die auch Musikwissenschaften studiert hat, „deshalb glaube ich, dass neue Formate für die Musiker ein Gefühl der Freiheit bedeuten.“ Außerdem könne man sich vorstellen, damit auch ein jüngeres Publikum zu erreichen.

„Vieles wird ein Experiment werden, jedes Konzert für die Musiker anders“, sagt die Ensemblemanagerin, „für uns ein wertvoller künstlerischer Prozess.“ Am 29. Februar spielen 25 Musikerinnen und Musiker die 1. Symphonie von Mahler im kleinen Saal in der Glocke und verteilen sich dabei im Raum. Die Gäste können die Musik quasi aus dem Orchester heraus hören und bei freier Platzwahl entscheiden, ob sie neben der Bratsche oder doch lieber neben den Celli sitzen möchten.

Darauf freut sich auch Gerhild Alf, „ich habe schon eine Karte und bin sehr gespannt“. Für sie ist aus der Idee eines inklusiven Konzerts ein Projekt geworden, „es ist anregend und spannend, und ich bin gespannt, wo es hingeht“. Bis es im Herbst vielleicht wieder ein Gongkonzert oder im Frühjahr 2021 ein Konzert in der Glocke gibt, „muss es dazwischen auch noch etwas geben“, sagt sie.

Vielleicht entwickelt sich etwas durch den Kontakt zu „Cellowerk“, einem Zusammenschluss von vier Cellolehrern, die sich ein inklusives Format vorstellen könnten, wie Alf erklärt. „Wir treffen uns im Januar wieder.“ Und welche Musik käme ihrer Meinung nach für inklusive Konzerte noch in Frage? „Orgel wäre cool“, sagt Gerhild Alf, „und Trompete könnte ich mir auch gut vorstellen.“

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