Sail in Bremerhaven Matrosen, Piraten, Schiffegucker

Marlies Baumgartner hat ihre Säbel mit auf die Sail mitgenommen. Auf dem Kopf hat sie einen Dreispitz, die langen roten Haare fallen über die Schultern, flankiert wird sie von zwei Männern.
16.08.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Matrosen, Piraten, Schiffegucker
Von Jan Raudszus

M arlies Baumgartner hat ihre Säbel mit auf die Sail mitgenommen. Auf dem Kopf hat sie einen Dreispitz, die langen roten Haare fallen über die Schultern, flankiert wird sie von zwei Männern. Der eine ist ihr Mann André, der andere sein Bruder Christian. Die Drei tragen eine komplette Piratenmontur, mit Waffen, Lederkleidung, Hüten und Plüschpapagei auf der Schulter. Dafür sind sie extra aus der Schweiz nach Bremerhaven gereist.

Sie ziehen alle Blicke auf sich, während sie über die Sail flanieren. „Mein Sohn liebt Piraten, dürfen wir ein Foto machen?“, fragt eine Frau. „Ja, na klar“, sagt Marlies Baumgartner. Sie nehmen den kleinen Jungen in ihre Mitte, die Mutter macht ein Foto, aber so ist es nicht immer. Viele fragen gar nicht erst oder machen verstohlen Bilder aus der Entfernung. Und manchmal kommt das Trio vor lauter Euphorie der Umstehenden gar nicht vom Fleck. „Durch die Kostüme bekommen wir ganz viel Kontakt zu Leuten, mit denen wir sonst nicht sprechen würden“, sagt die Schweizerin.

André Baumgartner und sein Bruder kommen ursprünglich aus der Stadt, Christian lebt immer noch hier. Marlies Baumgartner ist Schweizerin, der Zungenschlag ist unverkennbar. „Als ich zum ersten Mal die großen Schiffe gesehen habe, war ich ganz begeistert“, sagt sie. Auf der Sail 2010 hat sie dann Leute entdeckt, die sich als Piraten kostümiert hatten, und weil sie und André sich bereits für Fantasy-Veranstaltungen verkleideten, war die Entscheidung schnell getroffen.

Sie sind hier nicht die einzigen mit einer weiten Anreise. Zu Gast bei der Sail sind Schiffe aus Polen, Russland, Indien, Chile, Norwegen und vielen anderen Ländern. Entsprechend multikulturell geht es an Land zu. Gleich neben dem schwedischen Schiff „Gö-theborg“ sitzt eine Gruppe junger Franzosen und trinkt Bier. Einige tragen Uniformen. Es sind 25 Studenten einer Nautikschule der französischen Handelsmarine in Marseille. Ihren letzten freien Tag, den wollen sie noch genießen, bevor sie mit der „Kruzenshtern“ auslaufen. Auf dem russischen Segelschulschiff absolvieren sie ein Praktikum. Anfang September werden sie die „Kruzenshtern“ in Monaco verlassen. „Das wird eine super Erfahrung für uns“, sagt einer der jungen Männer.

Hinter der „Götheborg“ tuckern die Boote der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), des Technischen Hilfswerks (THW) und der Bundeswehr durch den Hafen. Die flachen Schlauchboote der Bundeswehr werden von Pioniertauchern aus Minden gefahren. Sie transportieren Mitarbeiter des Sail-Organisationsteams, aber auch mal Fotografen oder ältere Herrschaften, die nicht mehr so gut laufen können.

Auf dem Deich dahinter haben sich Alexandra und Henning Höner zu Guntenhausen ins Gras gesetzt. Ihr Sohn Justus klettert ausgelassen auf seinem Vater herum. Die Familie aus Osterholz-Scharmbeck ist gekommen, um die großen Schiffe zu sehen. Alexandra von Höner zu Guntenhausen hat früher auf einem Segelfest in Cuxhaven gearbeitet, war auch schon in Rostock auf der Hansesail. „Es ist überwältigend. Die Zeit rast so, wenn man sich alles anschaut. Aber wann hat man schon einmal die Gelegenheit dazu?“ Auch Sohn Justus ist begeistert von den Schiffen. „Er fand die ganzen Leitern und Kanonen toll“, sagt sein Vater. „Und dass man da drauf darf.“

Ein bisschen weiter unten am Deich sitzt Gabriele Benker mit ihrer Familie. Tochter Kerstin Schmauß hat die Enkelkinder Lisa und Jule aus Oberfranken mitgebracht. Dort hat Gabriele Benker lange gewohnt, ihre Tochter tut das immer noch. Vor zehn Jahren ist Benker dann nach Bremerhaven gezogen. Ihr Großvater war Seemann, und in ihrer Jugend hat sie viel Zeit bei der Großmutter in Bremerhaven verbracht. Den Kontakt zur Küste und zum Meer hat sie immer gehalten, ist mit der Familie oft nach Dorum gefahren. Mit dem Umzug nach Bremerhaven hat sie sich einen Traum verwirklicht.

„Es ist meine vierte oder fünfte Sail“, erzählt Gabriele Benker. Das Fest sei über die Jahre immer größer geworden. Immer mehr Schiffe, immer mehr Besucher. Anfang der Woche sind ihre Tochter und die beiden Enkelkinder zu Besuch gekommen. „Die Schiffe gefallen mir sehr gut, dass man die anschauen kann und dass man die in echt sieht“, sagt Lisa. Jule nickt.

Vier Freunde warten vor der Brücke der Kaiserschleuse. Das Tor ist offen. Sie sind mit dem Zug aus Bremen gekommen. „Schiffe gucken“ wollen sie hier, sagt Jan von der Kaus. Sie haben einen Plan gemacht. Die „Kruzenshtern“ wollen sie sehen, genauso wie die „Seute Deern“ und die „Alexander von Humboldt 2“. Auf die „Kruzenshtern“ konnten sie am Sonnabend nicht, das Schiff war geschlossen. „Die ist aber auch von außen beeindruckend genug“, findet Stefanie Reinhardt. Es ist die erste Sail für alle. „Ich kenne Bremerhaven ganz gut“, sagt Reinhardt. „Aber das gibt noch einmal einen völlig anderen Blick auf die Stadt, jetzt mit den ganzen Leuten hier.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+