Trotz Lockerungen Bremer Pflegeheime vor weiteren Herausforderungen

Erst Besuchsverbote, nun kleine Lockerungen: Die wechselnden Verordnungen für Pflegeheime haben die Betreiber in den vergangenen Wochen vor enorme Herausforderungen gestellt.
20.05.2020, 05:00
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Bremer Pflegeheime vor weiteren Herausforderungen
Von Lisa-Maria Röhling

Die Regeln sind streng, die Besuchszeiten kurz, die Auflagen hoch, und dennoch können viele in diesen Tagen endlich wieder ihre Angehörigen in Pflegeheimen sehen. Für Heimbetreiber und Pflegende sind die Lockerungen mit viel Aufwand verbunden, denn schon das Besuchsverbot hatte erhebliche Schwierigkeiten verursacht.

Anstrengend seien die vergangenen Wochen für sie und ihre Mitarbeiter gewesen, sagt Martina kleine Bornhorst, Vorständin des Caritas-Verbandes Bremen. Mit dem Besuchsverbot habe man die gesamten Arbeitsprozesse umstellen müssen, um nicht nur die Hygieneverordnungen umzusetzen, sondern auch die Lücke zu füllen, die die Abwesenheit der Angehörigen riss. „Das war ein erhöhter Aufwand“, sagt sie.

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Die Angehörigen seien zu einem großen Teil verständnisvoll gewesen, auch wenn es einige Ausnahmen gegeben habe. Allerdings gab es aus ihrer Sicht keinen Weg vorbei an den Vorgaben der Behörden: „Unsere Bewohner sind in dieser Krise besonders schützenswert“, sagt kleine Bornhorst. Dennoch habe es eine hohe Aufmerksamkeit erfordert, die sich ständig ändernden Regularien genau zu prüfen und entsprechend inhaltlich als auch fachlich angemessen umzusetzen. „Das ist für uns alle ein neues Feld“, sagt sie.

Inzwischen habe sich das System gut eingespielt, sagt kleine Bornhorst – auch deshalb habe die Lockerung der Besuchsverbote bei vielen Mitarbeitern zunächst Skepsis ausgelöst. „Nun lassen wir wieder Unsicherheiten zu. Alle sind sehr angespannt.“ Seit Montag können die ersten Angehörigen ihre Lieben nun unter hohen Auflagen wiedersehen; bisher, sagt sie, funktioniere das problemlos. Dabei gelten für alle Einrichtungen und Betreiber die gleichen Regeln: maximal 45 Minuten Besuchszeit pro Woche, nur eine Person pro Bewohner, keine Umarmungen, Mund-Nasen-Schutz, viel Abstand, keine Berührungen.

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Der private Träger Convivo, der in Bremen zehn Pflegeheime betreibt, will mit den Lockerungen nun so viel Kontakt wie möglich zwischen Angehörigen und Bewohnern herstellen. „Wir sehen ja, wie die Menschen leiden“, sagt Geschäftsführer Timm Klöpper. Die Convivo-Gruppe hatte einen Krisenstab eingerichtet, um die sich ständig ändernden Richtlinien der Behörden so gut wie möglich auf die bundesweit 63 stationären Einrichtungen des Betreibers anzuwenden. „Wir haben die größte zu schützende Gruppe in unserer Verantwortung“, sagt Klöpper. „Der Schutz aller Menschen, die bei uns leben und arbeiten, steht an erster Stelle.“

Dabei hätten die Auflagen mitunter eine große Herausforderung dargestellt: Die intensivere Reinigung der Einrichtungen sei zwar nötig, mit einem schlechten Personalschlüssel beispielsweise für das hauswirtschaftliche Personal bedeute das aber einen erheblichen Mehraufwand und damit auch eine hohe Belastung für die Mitarbeiter. Deshalb ist es aus seiner Sicht zwar wichtig, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen die Menschen nicht gefährdet werden. „Das muss aber auch leistbar sein“, sagt Klöpper.

Umso positiver sei es deshalb gewesen, dass die Angehörigen weitgehend mit Verständnis reagiert hätten. Die Einrichtungen hätten die Betroffenen regelmäßig mit Informationen versorgt und sie über die Entwicklungen auf dem Laufenden gehalten. Für die Bewohner selber seien kleine Konzerte oder Sportprogramme auf Distanz auf die Beine gestellt worden, um ihnen die Abwesenheit ihrer Familien etwas zu erleichtern. „Soziale Isolation ist das Schlimmste, was man einem Menschen antun kann, das wissen wir“, sagt Klöpper. Besuchslockerungen wird es dennoch nur mit Einschränkungen geben: „Wir können nicht allen Angehörigen gleichzeitig alles bieten“, sagt er. „Die Kapazitäten haben wir nicht.“

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Auch Gabriele Gallinat, Leiterin Operatives Management der Betreibergesellschaft Specht & Tegeler Seniorenresidenzen, warnt davor, die Lockerungen als eine Rückkehr zum Normalbetrieb zu werten. „Wir sind kein offenes Haus“, betont sie. Die Besuchsverbote seien für viele Angehörige schwierig gewesen, knapp ein Drittel hat sich aus Sicht von Gallinat nicht einsichtig gezeigt. „Wir mussten es einfach machen“, betont sie. Erst ab Montag sind bei dem Betreiber die ersten Besuche erlaubt, die Anmeldeliste für die erste Woche sei jetzt schon voll, sagt Gallinat.

Sicher seien die Auflagen für Angehörige und Bewohner nicht leicht, gerade, weil die Zeit begrenzt sei und nur eine Kontaktperson nur einmal pro Woche kommen dürfe. „Doch so kann jeder Bewohner zumindest einmal in der Woche Besuch bekommen.“ Diese Lockerung wolle man in den Häusern des Betreibers so gut wie möglich umsetzen. Dafür müssen die Heime nun auch nach Vorgabe der Behörde Masken für die Besucher zur Verfügung stellen, zudem sind verschiedene Räume als Besuchsräume hergerichtet worden. Nach jedem Besuch müssen die Räume gelüftet werden, Angehörige und Bewohner dürfen nicht denselben Ein- und Ausgang benutzen.

Für die Einrichtungen der Awo starten ebenfalls am Montag die ersten Besuche. Eine große Herausforderung, sagt Petra Sklorz, Awo-Geschäftsleitung für den Schwerpunkt Pflege. Weil die Besuche nicht ohne Aufsicht stattfinden dürfen, müsse jetzt in vielen Einrichtungen der Personalplan umgestellt werden und zusätzliches Personal eingesetzt werden. Außerdem dürfe nicht vergessen werden, dass es zahlreiche Heimbewohner gebe, die keine Familie mehr haben und nicht mehr in den Speisesaal gehen oder Aktivitäten nachgehen dürfen. Deshalb müsse genauso Personal zur Verfügung stehen, um diese Menschen nicht allein zu lassen.

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