Corona-Tests Ruf nach mehr Tests in Bremer Pflegeheimen

In Bremen finden weniger Corona-Tests statt als möglich. Was tun mit den freien Kapazitäten? Unter anderem die Grünen-Fraktion fordert regelmäßige Tests in Pflegeheimen. Die Gesundheitsbehörde hat andere Pläne.
07.05.2020, 07:00
Lesedauer: 4 Min
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Ruf nach mehr Tests in Bremer Pflegeheimen
Von Nico Schnurr

Die Bremer Grünen-Fraktion fordert flächendeckende Corona-Tests in Pflegeheimen. Wenn bald die Besuchsregeln gelockert werden sollten, sei es „unerlässlich“, dass Pflegekräfte, Bewohner und ihre Angehörigen regelmäßig auf das Coronavirus getestet werden. Die Bremer Gesundheitsbehörde sieht das anders.

In Bremen werden weniger Corona-Tests durchgeführt als möglich. Zwei Drittel der Testmöglichkeiten sind zuletzt ungenutzt geblieben, im Durchschnitt sind 400 Abstriche pro Tag ausgewertet worden. In den vergangenen Tagen ist die Zahl der durchgeführten Tests zwar leicht gestiegen, ausgeschöpft sind die Kapazitäten damit aber noch lange nicht. Möglich wäre es, 1250 Proben in den Laboren zu untersuchen.

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In ganz Deutschland werden die Testkapazitäten nicht in vollem Umfang genutzt. Jens Spahn (CDU) möchte das ändern. Der Bundesgesundheitsminister will dafür sorgen, dass mehr getestet wird. Wer viele Personen prüft, so die Annahme, findet früh neue Fälle, verhindert dadurch, dass infizierte Menschen weitere Personen anstecken und kann so die Ausbreitung des Virus eindämmen. Aber die freien Testkapazitäten sind nicht unendlich. Es stellt sich also die Frage, was mit den ungenutzten Testmöglichkeiten passieren soll. Baden-Württemberg und Thüringen etwa wollen die Kapazitäten auch dafür nutzen, um häufiger Bewohner und Beschäftigte in Pflegeheimen zu testen. Was plant Bremen?

„Das Gesundheitsressort muss jetzt ein Konzept vorlegen“, sagt Ilona Osterkamp-Weber. Die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen fordert bei den Corona-Tests einen Fokus auf Pflegeheime. Man müsse die Bewohner schützen, von denen die meisten zur Risikogruppe gehörten. „Allein auf Symptomfreiheit zu setzen wäre riskant“, sagt Osterkamp-Weber. Auch die Pflegekräfte würden davon profitieren, regelmäßig getestet zu werden. Sie müssten nicht mehr in ständiger Sorge leben, das Virus unwissentlich etwa an Familienangehörige weiterzugeben.

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Auch Rainer Bensch spricht sich dafür aus, in festen Abständen Tests in Pflegeheimen durchzuführen. Der gesundheitspolitische Sprecher der Bremer CDU-Fraktion betont: Wer bald die Besuchsregeln in Pflegeheimen lockere, müsse auch häufiger Abstriche nehmen. Das schließe auch Kontrollen bei Pflegern und Bewohnern mit ein, die symptomfrei sind. „Wir müssen die Bewohner aus der Isolation befreien und ihnen Begegnungen ermöglichen, sonst droht der soziale Tod“, sagt Bensch, „aber das geht nur, wenn wir in den Einrichtungen viel testen.“

Heidrun Pundt, Vorsitzende des Bremer Pflegerates, hält regelmäßige Tests in Einrichtungen mit alten und kranken Menschen ebenfalls für angebracht. „Natürlich wäre das teuer, und natürlich können Tests auch keine Hygienemaßnahmen ersetzen“, sagt Pundt, „aber es ist die beste Möglichkeit, früh zu erkennen, ob sich das Virus in einem Pflegeheim ausbreitet.“ Die Gesundheitsbehörde hat derzeit jedoch nicht vor, häufiger Abstriche von Bewohnern und Personal in Pflegeheimen nehmen zu lassen.

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„Wir halten an unserer Strategie fest“, sagt Lukas Fuhrmann, Sprecher des Gesundheitsressorts. Flächendeckende Tests setze man in Pflegeheimen erst ein, wenn dort das Virus ausgebrochen sei. „In so einem Fall sind wir auch sehr offensiv“, sagt Fuhrmann, „dann sparen wir nicht mit Tests und nehmen auch mehrfach Abstriche.“ Es sei aber kaum möglich, in jeder Einrichtung regelmäßig zu testen. „Das wäre ein immenser Aufwand“, sagt Fuhrmann.

Derzeit gebe es in Bremen etwa 100 Pflegeheime mit insgesamt 6000 Bewohnern. Würde man sie sowie das Personal mehrfach pro Woche testen wollen, bräuchte es Zehntausende Tests. Das würde die Bremer Möglichkeiten deutlich übersteigen. „So ein Vorgehen wäre nicht sinnvoll“, sagt Fuhrmann, „wir brauchen freie Kapazitäten, um flexibel auf den Verlauf der Krise reagieren zu können.“ Man wolle nun erst mal abwarten, wie sich die Lockerungen im öffentlichen Leben auswirkten.

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Das Risiko der Privattests


Das Bremer Gesundheitsressort orientiert sich an den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts (RKI), das selbst keine Tests durchführt, sondern nur Kritieren festlegt, nach denen Ärzte Tests vornehmen sollen. Diese Richtlinien passt das RKI regelmäßig an. Derzeit wird ein Test bei Personen durchgeführt, die grippenähnliche Symptome haben, insbesondere, aber nicht ausschließlich dann, wenn sie Kontakt zu einem bestätigten Corona-Fall hatten oder in der Pflege oder als Arzt arbeiten oder zur Risikogruppe gehören. Die Gesundheitsbehörde plant derzeit nicht, auf ein wahlloses Testen umzusteigen, bei dem sich jeder auf Kosten der Krankenkassen prüfen lassen kann.

Eine andere Möglichkeit besteht in Berlin und Hamburg. Dort werben Labore mit sogenannten Privattests. Sie bieten an, Personen auf Antikörper zu testen. Gegen eine größere Summe Geld sollen die Antikörpertests als Bestätigung für diejenigen dienen, die glauben, bereits mit dem Virus infiziert gewesen zu sein. Das Problem: Es gibt noch keine Routineverfahren, Fehler sind möglich. Das Ergebnis könnte positiv ausfallen, obwohl die getestete Person sich noch gar nicht mit dem Virus angesteckt hatte. In Bremen werden bislang keine Privattests angeboten. Die Gesundheitsbehörde rät dennoch von solchen Tests ab. „Zum einen bietet sich dadurch immer nur eine Momentaufnahme“, sagt Sprecher Fuhrmann, „zum anderen können die Tests falsch-negativ ausfallen und dadurch ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln, das gefährlich sein kann.“ Schließlich ist auch noch nicht eindeutig geklärt, ob und wie lange man nach einer Infektion immun ist.

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