Jutta Fuchs

Mordprozess ohne Leiche: Staatsanwaltschaft plädiert auf Freispruch

Im Prozess um den sogenannten Mord ohne Leiche haben sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung am Montag auf Freispruch für den Angeklagten plädiert. Es gebe keine Beweise für seine Schuld.
12.11.2018, 16:22
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Mordprozess ohne Leiche: Staatsanwaltschaft plädiert auf Freispruch
Von Ralf Michel
Mordprozess ohne Leiche: Staatsanwaltschaft plädiert auf Freispruch

Der Angeklagte ist der ehemalige Verlobte der verschwundenen Jutta Fuchs. Die Verteidigung kritisierte, dass sich die Ermittlungen nur auf ihn beschränkten (Archivbild August 2018).

Christina Kuhaupt

Der wegen Mordes angeklagte ehemalige Verlobte der seit 25 Jahren verschwundenen Jutta Fuchs aus Farge wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit freigesprochen. Das Urteil wird erst am 20. November verkündet, doch am Montagvormittag forderten nicht nur die beiden Verteidiger des heute 58-Jährigen einen Freispruch, sondern auch der Staatsanwalt. Letzterer ließ in seinem Plädoyer zwar keinen Zweifel daran, dass er den Angeklagten weiterhin für schuldig hält. Doch Beweise dafür gebe es nicht. Im Gegenteil – die Kernthesen der Anklage könnten am Ende des Prozesses nicht mehr aufrecht erhalten werden. Es gebe lediglich noch Indizien und die reichten für eine Verurteilung nicht aus. Deshalb sei der 58-Jährige freizusprechen.

Lesen Sie auch

Für dessen beiden Verteidiger klang dies zu sehr nach „Freispruch zweiter Klasse“. Sie kritisierten die Ermittlungen der Polizei als einseitig und oberflächlich. Sie hätte von Beginn an stets nur ihren Mandanten als Verdächtigen im Visier gehabt und alle Hinweise, die in andere Richtung zeigten, vernachlässigt, wenn nicht ignoriert. Nur so sei es überhaupt zu diesem Prozess gekommen. Und obwohl die Indizienkette der Staatsanwaltschaft letztlich komplett zerlegt worden sei, bleibe ihr Mandant auch im Falle eines Freispruchs mit dem Makel des Mordverdachts behaftet.

Seit Juni 1993 wird Jutta Fuchs vermisst. Die damals 29-Jährige war kurz davor, ihren Verlobten zu verlassen, am 26. Juni wollte sie zusammen mit ihrem dreijährigen Sohn in eine eigene Wohnung ziehen. Doch in der Nacht davor verschwand sie spurlos, seither fehlt von ihr jedes Lebenszeichen. Die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass ihr Verlobter sie umgebracht hat, aus Kränkung wegen der Trennung und um zu verhindern, dass er seinen Sohn verliert.

Ohne Zweifel sei davon auszugehen, dass Jutta Fuchs tot ist, führte der Staatsanwalt am Montag in seinem Plädoyer aus. Seit ihrem Verschwinden habe sie niemand mehr gesehen, es habe keinerlei Kontakte mehr zu ihrem Kind gegeben und auch keine Bewegungen auf ihrem Konto. Dass es sich hierbei aber um eine geplante Flucht in ein neues Leben handelte, hält der Vertreter der Anklage für ausgeschlossen. Keiner der befragten Angehörigen oder Freunde habe dies für möglich gehalten. Und vor allem nicht, dass sie von einem Augenblick zum nächsten ihren Sohn verlässt und sich dann nie wieder bei ihm meldet. Nur der Angeklagte habe dies behauptet. „Alles Stimmungsmache und in das Reich der Fabel zu verweisen“, so der Staatsanwalt.

Da niemals eine Leiche auftauchte, seien auch Unfall und Suizid auszuschließen. Somit bliebe nur noch, dass Jutta Fuchs umgebracht worden sei. Eine Vielzahl von Indizien hätten dabei zum Angeklagten geführt. Dessen Version, dass seine Verlobte sich am späten Abend des 25. Juni 1993 von ihm verabschiedete, um in der Diskothek Vegesacker Treff zu feiern, bezeichnete der Staatsanwalt als „schlichtweg erfunden“. Hinzu käme sein auffälliges und widersprüchliches Verhalten nach der Tat und eine Reihe anderer Indizien, die für den 58-Jährigen als Täter sprächen.

Entscheidend für den Ausgang des Prozesses sei letztlich aber, dass einige Kernthesen der Anklage nach dem Verfahren keinen Bestand mehr hätten. Eine davon besagte, dass Jutta Fuchs am Abend des 25. Juni die Wohnung nicht mehr verlassen hatte. Vor Gericht sagten aber mehrere Zeugen Gericht aus, sie an diesem Abend im Vegesacker Treff gesehen zu haben. Dies lasse zumindest die Möglichkeit zu, dass die 29-Jährige tatsächlich gefeiert habe und von einem Unbekannten Dritten getötet wurde.

Auch die These, dass in einem Fahrzeug des Angeklagten eine Leiche transportiert wurde, habe durch die Beweisaufnahme nicht mehr aufrecht erhalten werden können. Zweimal hatten Leichenspürhunde der Polizei am Kofferraum angeschlagen. Doch wie sich herausstellte, gehörte das Fahrzeug zu diesem Zeitpunkt einer Altenpflegerin, die beruflich immer wieder mit Leichen in Kontakt gekommen war und ihre Dienstkleidung im Kofferraum transportierte.

Genau diese Zeugenaussage, die Vernehmung der Altenpflegerin, war einer der Stellen, an der die Verteidigung ihre Kritik an den Ermittlungsbehörden festmachte. Schon 1995 habe man die Frau, an die der Angeklagte das besagte Fahrzeug verkauft hatte, gebeten, ihren Wagen für eine Überprüfung mit Leichenspürhunden zur Verfügung zu stellen, 2014 dann ein weiteres Mal. „Förmlich vernommen wurde die Frau dazu aber erst 2015, also ein weiteres Jahr später“, erklärte Anwalt Stefan Hoffmann. Dabei habe sich dann herausgestellt, dass die Altenpflegerin in ihrem Beruf immer wieder mit Toten in Berührung gekommen war und ihre Dienstkleidung im Kofferraum ihres Wagens transportierte. „Warum sind solche Fakten nicht schon 1995 oder spätestens bei der zweiten Untersuchung 2014 erfragt worden?“

Genau dieser Ermittlungsstil der Polizei zog sich nach Auffassung der Verteidiger durch den gesamten Fall. Immer wieder habe es statt konkreter Vernehmungen nur Vermerke gegeben, in denen Polizisten ihre Meinung wiedergaben. Und diese Vermerke seien dann oftmals einseitig zuungunsten seines Mandanten ausgelegt worden. Auf diese Weise hätten vermeintlich belastende Indizien über Jahre hinweg Bestand gehabt, obwohl sie bei korrekter Polizeiarbeit längst hätten wegfallen müssen. Wenn es dagegen um möglicherweise entlastende Hinweise oder Spuren ging, seien die Ermittlungen plötzlich unscharf geworden. Kurzum, so Hoffmann: Die Polizei habe einseitig, oberflächlich und lückenhaft ermittelt. „Es ging darum, dieses Verfahren am Leben zu halten.“

Letztlich seien keinerlei Beweismittel zutage gefördert worden, die seinen Mandanten belasteten, ergänzte Horst Wesemann, zweiter Verteidiger des Angeklagten. Keine Pistole, keine DNA-Spur, auch nichts im leergepumpten Tiejensee. Der Prozess habe die Indizienkette der Staatsanwaltschaft vollständig widerlegt.

(Dieser Artikel wurde um 16.20 Uhr aktualisiert)

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+