Die Männer vom Hafenarchiv bereiten Bremer Schiffsmeldungen auf Mühselige Detektivarbeit

Überseestadt. Im Speicher XI widmet sich seit zwei Jahren eine Handvoll älterer Herren leidenschaftlich, unverzagt und bester Laune einer wahren Sisyphusarbeit: Sie haben sich vorgenommen, jedes einzelne Schiff, das zwischen 1945 und 1990 in Bremen ankam, übersichtlich und im Detail zu registrieren. Ihr Projekt „Schiffsmeldungen“ ist eine fast verrückt mühselige Detektivarbeit.
07.12.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Anke Velten

Im Speicher XI widmet sich seit zwei Jahren eine Handvoll älterer Herren leidenschaftlich, unverzagt und bester Laune einer wahren Sisyphusarbeit: Sie haben sich vorgenommen, jedes einzelne Schiff, das zwischen 1945 und 1990 in Bremen ankam, übersichtlich und im Detail zu registrieren. Ihr Projekt „Schiffsmeldungen“ ist eine fast verrückt mühselige Detektivarbeit. Etwas Vergleichbares hat vorher noch niemand versucht. Und so etwas gibt es auch nur in Bremen.

Wie verrückt die Aufgabe ist, zeigt schon eine einzige Zahl: Jährlich rund 12 000 Schiffe fuhren die stadtbremischen Häfen in den betriebsamen 1950er- und 1960er-Jahren an. Wie sie hießen, woher sie kamen, was sie brachten und wohin ihre Reise weiterging – das sind Fragen, die die Mannschaft vom Hafenarchiv mit ihrem Projekt „Schiffsmeldungen“ beantworten möchte. Was sie dabei aufspürt, wird digitalisiert und soll in zwei bis drei Jahren für Museumsbesucher zugänglich sein.

Über eine „Medienbox“ können Neugierige dann zum Beispiel herausfinden, dass die „Emsland“ 1955 am Tag vor Heiligabend mit 82 Ballen Baumwolle in Bremen einlief und fünf Tage später Richtung Antwerpen ablegte. Sie werden hoffentlich ein Foto des Schiffes finden und sämtliche wichtigen technischen Daten nachlesen können, wo und wann das Schiff gebaut wurde, zu welcher Reederei es gehörte und sogar wie der Schiffsmakler hieß, der Schiff und Besatzung in Bremen betreute.

„Es wird eine richtige Hafen-Suchmaschine“, erklärt Wilfried Brandes-Ebert. Kürzlich staunten schon die „Freunde der Schifffahrt Emden“ bei ihrem Besuch in Bremen darüber. Bei aller Bescheidenheit: „Was wir hier machen, ist bundesweit einmalig“, sagt der 66-jährige Hastedter.

Insgesamt neun Männer sind es, die in ihrer Freizeit am „Schiffsmeldungen“-Projekt arbeiten – alle ehrenamtlich, versteht sich. Sie haben reichlich Seewasser im Blut, sind Spezialisten aus unterschiedlichen Bereichen und Hafenmetiers. So wie Wilfried Brandes-Ebert, der als Speditionskaufmann gearbeitet hat und sich als Sachbuch-Autor mit Fischereithemen beschäftigt. Oder auch der 68-jährige Pusdorfer Bodo Wenz, Spross einer Familie von Seefahrern, der es 42 Jahre lang als Versicherungsmakler mit Schiffen aller Art zu tun hatte. Schon der Großvater von Gunnar Dörwald fuhr über die Weltmeere. Der 63-Jährige aus Findorff hat auf der AG Weser gelernt und war später bei der Marine. Und der 76-jährige Findorffer Günter Reimann, den die anderen „Professor“ nennen, ist gelernter Schiffbauer. Er fuhr 14 Jahre lang zur See und verbrachte die restlichen 30 Berufsjahre als Zollbeamter.

Wenn sich die Männer im Hafenarchiv treffen, wird der große Tisch zum Antiquariat maritimer Historie. Denn was irgendwann ganz bequem mit einem Fingertippen aufploppen soll, ist das Ergebnis ganz altmodischer wissenschaftlicher Quellenforschung. Da liegen die Schuppenbücher und Schiffsmeldelisten aus Bremer Hafenfirmen und -institutionen, die es zum Teil schon lange nicht mehr gibt, oder uralte Zeitschriften, mit denen sich die Hafenwirtschaft anno dazumal auf dem Laufenden hielt: Unbezahlbare Schätze, denn ein Großteil dieser Dokumente sei in den vergangenen Jahrzehnten auf dem Müll gelandet, weiß Wilfried Brandes-Ebert.

Wer hätte auch geahnt, dass irgendjemand noch einmal Verwendung für den alten Papierkram haben könnte? Zum Beispiel für die vielen Bände „Lloyd’s Register of Shipping“, die die Männer vom Hafenarchiv nicht mehr retten konnten. „Ich erzählte kürzlich im Bekanntenkreis davon, was wir machen“, sagt Bodo Wenz. „Und da sagte auf einmal einer: Hätte ich das vorher gewusst! Vor einem halben Jahr habe ich ein ganzes Regal davon entsorgt.“

Ihre große, aber noch längst nicht vollständige, Sammlung an Lloyd’s-Registern der vergangenen 70 Jahre ist der besondere Stolz der Männer vom Hafenarchiv. Seit dem 18. Jahrhundert werden in den schweren Wälzern Jahr für Jahr sämtliche Schiffe ihrer Zeit systematisch und mit den wichtigsten Daten und Informationen aufgelistet.

Für die Branche waren sie einst wichtige aktuelle Informationsquellen. Für Günter Reimann sind sie im Hafenarchiv das maßgebliche Nachschlagewerk für seine historische Recherche. In winziger Handschrift überträgt er akribisch Namen und Zahlen in seine Liste. Die Aufgabe von Gunnar Dörwald ist es dann, sämtliche Informationen in die Computerdatenbank zu übertragen. Dort sollen später auch die passenden Fotos zu den Schiffsmeldungen aufploppen. Und mit einem Fingertippen in die Vergangenheit können dann bald alle, die möchten, in Bremen wieder ganz viele „Schiffe gucken“. Ist das nicht verrückt?

Das Hafenarchiv im Hafenmuseum Speicher XI ist eine Außenstelle des Geschichtskontors im Kulturhaus Walle. Wer noch Fotos oder Dokumente besitzt, die für das Hafenarchiv im Allgemeinen oder das Projekt „Schiffsmeldungen“ im Besonderen interessant sein könnten, ist eingeladen, dienstags, donnerstags oder sonntags, jeweils zwischen 14 und 17 Uhr, im Hafenmuseum Speicher XI vorbeizuschauen. Wilfried Brandes-Ebert ist für Anfragen erreichbar unter der Telefonnummer 8 00 55 44 oder per E-Mail an die Adresse hafenarchiv@brodelpott.de.

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