Serie: "Fünf Ringe für Bremen"

Olympia-Gegner machen mobil

Politiker, Geschäftsleute und Sportfunktionäre rühren in diesen Tagen eifrig die Werbetrommel, um die Olympischen Sommerspiele 2024 oder 2028 nach Hamburg oder Berlin zu holen. Doch sie haben einen Gegner, der nicht zu unterschätzen ist.
14.03.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Olympia-Gegner machen mobil
Von Alexander Pitz
Olympia-Gegner machen mobil

Der Widerstand gegen Olympia hat in Berlin viele Gesichter - und Argumente: Dieser Demonstrant im Bärenkostüm etwa meint, dass die Stadt ihr Geld lieber für Bildungsmaßnahmen ausgeben sollte.

Imago

Politiker, Geschäftsleute und Sportfunktionäre rühren in diesen Tagen eifrig die Werbetrommel, um die Olympischen Sommerspiele 2024 oder 2028 nach Hamburg oder Berlin zu holen. Doch sie haben einen Gegner, der nicht zu unterschätzen ist: die „NOlympia“-Bewegung, die sich derzeit in den beiden Bewerberstädten formiert.

Die Anhänger halten nichts von den gefälligen Szenarien und wohlklingenden Versprechungen der Olympia-Kampagnen. Viele der Aktivisten meinen vielmehr, dass die milliardenteuren Spiele letztlich nur den „Bonzen und Konzernen“ zugutekämen. Erklärtes Ziel ist daher, das „größenwahnsinnige Unternehmen“ Olympia zu verhindern. Doch welche Struktur hat die Anti-Olympia-Bewegung in den beiden Millionenmetropolen? Wer sind die Protagonisten? Und könnten sie ähnlich erfolgreich sein wie die bayerischen „NOlympioniken“, die maßgeblich dazu beitrugen, dass die Münchener Bewerbung um die Winterspiele 2022 per Bürgerentscheid gestoppt wurde?

Judith Demba, Sprecherin von „NOlympia“ Berlin, verfügt ebenfalls über das notwendige Know-how, um unliebsame Olympiabewerbungen zunichte zu machen. Das hat die inzwischen 57-Jährige Anfang der Neunzigerjahre bewiesen. Schon damals war die ehemalige Grünen-Politikerin das Gesicht der „NOlympia“-Bewegung in der Bundeshauptstadt. Wann immer ein Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Berlin eintraf, stand Demba samt Mitstreitern und Protestplakaten bereit. Sie scheute auch nicht davor zurück, zum IOC-Sitz in Lausanne zu fahren, um auf der Zufahrt die Olympischen Ringe zu verbrennen. „Die Gegenkampagne war erfolgreich“, sagt Demba, die mit diebischer Freude an ihre Aktionen zurückdenkt. In der Tat trug sie einen erheblichen Teil dazu bei, dass das Projekt Olympia 2000 in Berlin zur Farce geriet. Eine Menge Skandale begleiteten die Bewerbung, die schließlich kläglich scheiterte. Danach wurde es stiller um Judith Demba.

Doch seit sich Berlin erneut anschickt, Austragungsort für die Olympischen Spiele zu werden, läuft das kampferprobte „NOlympia“-Schlachtross wieder zur Hochform auf. Mit einem simplen, aber effektiven Gegenmittel ärgerte sie erst kürzlich die Macher der neuen Olympia-Kampagne: Die Plakate mit dem wenig originellen Slogan „Wir wollen die Spiele“ ließ Demba massenhaft mit einem „Nicht!“ bekleben. „Wir wollen die Spiele – nicht!“ ist nun vielerorts in der Hauptstadt zu lesen. „Berlin sollte das Geld für Kitas und bezahlbare Wohnungen statt für unnötige Protzveranstaltungen ausgeben“, sagt die Aktivistin, die bei der Linkspartei eine neue politische Heimat gefunden hat. Dass laut der jüngst veröffentlichten Forsa-Umfrage 55 Prozent der Berliner die Bewerbung um die Spiele befürworten, beeindruckt sie nicht. „Von Olympiabegeisterung ist hier nichts zu spüren“, entgegnet sie. „Sollte sich Berlin gegen Hamburg durchsetzen, werden wir mit der Mobilisierung erst so richtig beginnen.“ Spätestens bei der geplanten Volksbefragung im Herbst werde die Bewerbung scheitern.

Bei ihrem Vorhaben kann Demba auf die Unterstützung zahlreicher „NOlympia“-Veteranen bauen, die schon in den Neunzigern erfolgreich gegen die Spiele agitierten. Insgesamt 18 Initiativen und Organisationen haben sich der Neuauflage des Berliner Bündnisses angeschlossen, darunter die Fraktion der Linken im Abgeordnetenhaus sowie etliche Umwelt- und Naturschutzverbände. „NOlympia“ Berlin besteht keineswegs aus politischen Amateuren, sondern wird von Profis getragen und organisiert, die ihr Handwerk verstehen. Nicht auszuschließen also, dass der ohnehin knappe Vorsprung der Olympia-Befürworter im Verlauf der Auseinandersetzung in sich zusammenschmilzt.

Von solchen Bedingungen kann Dirk Seifert, führender Kopf von „NOlympia“ Hamburg, nur träumen. „Von einer Anti-Olympia-Bewegung kann hier keine Rede sein“, sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten Hubertus Zdebel (Linke). Es gebe in der Hansestadt kein Bündnis, das mit dem in Berlin vergleichbar sei. Ein Büro gebe es ebenso wenig wie einen Versammlungsort. „Journalisten, die anrufen und nach geeigneten Fotomotiven fragen, sind dann meistens enttäuscht“, erzählt der 54-Jährige, der gemeinsam mit drei anderen Olympia-Kritikern einen Internet-Blog betreibt. Plakataktionen oder Demos – Fehlanzeige. Der Protest findet fast ausschließlich im Netz statt. Aber selbst dort sind der Schlagkraft wegen der dünnen Personaldecke enge Grenzen gesetzt. Vermutlich liegt es auch an diesem relativ geringen Organisationsgrad, dass die Befürworter der Spiele in Hamburg einen deutlichen Vorsprung haben. Laut aktueller Forsa-Umfrage sagen 64 Prozent der Hamburger Ja zur Olympiabewerbung. Hinzu kommt, dass die bescheidene Gegenkampagne obendrein deutlich gemäßigter ausfällt als das Berliner Pendant. So wurde das „N“ im „NOlympia“-Schriftzug bewusst in Klammern gesetzt. „Wir wollen erst einmal diskutieren und nicht von vornherein Nein sagen“, erläutert Seifert. Sollte sich der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) aber für Hamburg als Bewerberstadt entscheiden, könnten die Klammern noch wegfallen.

Den Blogger und seine Freunde stört vor allem der „immense Druck“ den die Handelskammer aufbaue, um die Spiele an die Alster zu holen. Das sei ein „Affront ohnegleichen“. „Das einzige Motiv ist im Grunde die Wirtschaft“, kritisiert Seifert. Der Sport werde lediglich missbraucht, um weitere Investoren anzulocken. Dieses Vorgehen könne auf viele Konflikte in der Stadt wie eine Art „Brandbeschleuniger“ wirken. „Die Mieten sind schon explodiert. Durch die Olympischen Spiele könnte sich der Druck weiter verschärfen“, befürchtet der Olympia-Skeptiker. Wieso es unbedingt nötig sei, die jetzt schon hervorragende wirtschaftliche Lage Hamburgs mithilfe einer extrem kostspieligen Großveranstaltung weiter anzuheizen, könne er sowieso nicht verstehen. Das sei auch aus ökologischen Gründen überhaupt nicht sinnvoll. „Es kommen bereits so viele Touristen. Wieso müssen es denn noch mehr sein?“, fragt Seifert empört. Das führe zu einem Anstieg schädlicher Emissionen, was aufgrund der gravierenden Weltklimaproblematik schlicht unverantwortlich sei.

Mit besonders viel Unverständnis reagiert der Internet-Aktivist auf die Hoffnungen der Bremer, bei einer erfolgreichen Bewerbung Hamburgs ebenfalls an den Spielen partizipieren zu können. „Geht es den Bremern wirklich so elendiglich, dass sie auf ein paar Krümel aus Hamburg hoffen?“, fragt Seifert. Da sei es doch allemal besser und nachhaltiger, auf eigene Ideen und Konzepte zu setzen. „Ich weiß nicht, was Bremen bei der ganzen Sache gewinnen kann“, fügt er hinzu und empfiehlt, die vorhandenen Ressourcen besser auf die Windenergie zu konzentrieren. Darin stecke wesentlich mehr Potenzial als in einigen wenigen Sportwettkämpfen.

Obwohl das Hamburger „NOlympia“-Team bislang kaum gegen die Übermacht der Befürworter ankommt, halten die Blogger ihren Kampf nicht für aussichtslos. „Die Netzwerke sind da, falls es ernst werden sollte“, kündigt Seifert an, der mit den Berliner „NOlympia“-Kollegen im Austausch steht. Die Olympia-Gegner aus der Hauptstadt haben in der Tat zugesagt, die Hamburger Gefährten zu unterstützen, falls die Hansestadt als Bewerber ins Rennen geschickt werden sollte. Ein „großes Vernetzungstreffen“ ist schon terminiert.

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