Stadtteilserie: Folge 15 Parkzauber mitten in Mitte

Bremen. Der Stadtteil Mitte mit den drei Ortsteilen Ostertor, Altstadt und Bahnhofsvorstadt ist Bremens Zentrum – in kultureller, städtebaulicher und politischer Hinsicht. Verbunden sind die drei Ortsteile durch ein grünes Band: die Wallanlagen.
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Von Bastienne Ehl

Bremen. Der Stadtteil Mitte mit den drei Ortsteilen Ostertor, Altstadt und Bahnhofsvorstadt ist Bremens Zentrum – in kultureller, städtebaulicher und politischer Hinsicht. Verbunden sind die drei Ortsteile durch ein grünes Band: die Wallanlagen.

Das Ostertor ist mit seinem Theater, der Ostertormeile, dem Viertelfest, dem Open-Air-Festival Breminale am Osterdeich, alternativen und traditionellen Kneipen, Restaurants und Cafés das kulturelle Zentrum Bremens.

Historisches, politisches und touristisches Zentrum ist die Altstadt. Zu ihr gehört auch das Stephaniviertel. Mobilitätszentrum ist die Bahnhofsvorstadt mit dem Hauptbahnhof und dem Zentralen Omnibusbahnhof.

Wallanlagen verbinden Mitte

So unterschiedlich die drei Quartiere auch sind, ein verbindendes Element haben sie: die Wallanlagen. Der einst zum Schutz errichtete und im Zickzack verlaufende Grünzug steht seit 1976 unter Denkmalschutz.

Für den Erhalt der Anlage wurde ein Pflegeplan entwickelt, der auf einer Untersuchung von 1998 beruht. Anlass für jenes „Parkpflegewerk“ war der 200. Geburtstag der historischen Anlage im Jahr 2002. „Die Untersuchung der denkmalgeschützten Anlage umfasst mehr als 20 dicke Ordner“, sagt Kerstin Doty, Pressesprecherin von Umweltbetrieb Bremen, ehemals Stadtgrün. „Darin ist jeder Baum, jedes Denkmal, jedes Bauwerk, jedes gartenkünstlerische Detail festgehalten worden, um die Gestaltung der Anlagen streng nach historischem Vorbild zu halten.“

Und das gilt auch für die Pflege der Pflanzen: „Es wird besonders viel Wert auf die Bestandserhaltung gelegt. Bäume, die absterben, werden durch die gleiche Art ersetzt, ebenso wie andere Gehölze und Stauden.“

Die Wallanlagen beginnen im Ostertorviertel, zwischen Osterdeich und Bleicherstraße, südwestlich des Bremer Theaters. Das Theater bildet zusammen mit der Villa Ichon und den in unmittelbarer Nähe gelegenen Kunstmuseen Gerhard-Marcks-Haus, Wilhelm-Wagenfeld-Haus und Kunsthalle – die alle drei schon zur Altstadt gehören – Bremens „Kulturmeile“.

Die gebürtige Engländerin Jacqueline Davenport arbeitet seit 1970 am Bremer Theater. Anfangs war sie als Tänzerin engagiert, später zusätzlich auch als Trainerin und Choreographin. Zu den Wallanlagen hat die heute 61-Jährige eine besondere Beziehung: „Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Tag in Bremen. Es war sehr kalt. Überall lag Schnee, als ich vom Bahnhof aus durch die Wallanlagen zum Theater gelaufen bin.“

Jacqueline Davenport, die in London eine klassische Tanzausbildung absolviert hatte, war zu dieser Zeit in Frankfurt am Main engagiert und wollte wechseln. „In Frankfurt habe ich endlos den Nussknacker getanzt“, sagt sie.

Außer in Bremen hatte sie auch in Köln vorgetanzt. „Ich hätte in Schwanensee einen der beiden großen Schwäne tanzen können.“ Doch sie entschied sich für Bremen. „Von Anfang an mochte ich die Energie hier in Bremen und Kresniks Art“, sagt die Tänzerin.

Ihr Vortanzen bei Johann Kresnik, der zu dieser Zeit Ballettdirektor am Bremer Theater war, sei das kürzeste und schwierigste gewesen, das sie je gehabt habe. „Kresnik hatte nur eine halbe Stunde Zeit. Ich habe alle Tricks gezeigt, die ich konnte.“ Davenport bekam ein Engagement als Halbsolistin.

Eine Spielzeit später war sie Solistin. Als Reinhild Hoffmann und Gerhard Bohner auf Kresnik folgten, blieb Jacqueline Davenport. 1986 begann sie zu choreographieren – mit „La Traviata“. Heute trainiert sie das Tanztheater, leitet eine eigenen Ballettschule und tanzt gelegentlich bei Aufführungen mit.

Das Ostertor habe sich in den vergangenen 40 Jahren stark verändert, findet Davenport. „Hier fuhren früher kaum Autos, kein Vergleich zu heute. Ein bisschen Erotik, ein bisschen Bohème und nette Cafés. Eine lockere Atmosphäre, das hat mich an London erinnert.“

Vom Goetheplatz vor dem Bremer Theater aus begrenzen die Wallanlagen das Ostertor, das am Präsident-Kennedy-Platz endet. Westlich des Grünzuges verläuft die Geschäftsmeile Am Wall, die vom Herdentor gekreuzt wird. Dort steht auch eine 200 Jahre alte Baumhasel. „Sie wird mit lebensverlängernden Maßnahmen so lange wie möglich erhalten. Das erkennt man auch an den Stützseilen“, sagt Kerstin Doty.

Auf einem Hügel in den Wallanlagen zwischen Herdentor und Bürgermeister-Smidt-Straße steht die Herdentorsmühle, auch Ansgaritormühle genannt. Im 19. Jahrhundert brannte sie zwei Mal völlig nieder, wurde jedoch jedes Mal wieder aufgebaut. Bis 1950 wurde in der Mühle noch Korn gemahlen, heute befindet sich dort ein Café.

Kehrt man den Wallanlagen den Rücken, gelangt man über die Sögestraße, an deren Eingang seit 1974 ein bronzener Schweinehirt samt Herde aus der Werkstatt des Bildhauers Peter Lehmann steht, ins historische Zentrum der Stadt.

Auf dem touristischen Merkzettel stehen unter anderem das Rathaus, der Dom, der Roland, der Bleikeller, die Böttcherstraße, der Schnoor und der Schütting. Ein echter Magnet ist die Statue der Bremer Stadtmusikanten von Gerhard Marcks. Dem Esel fassen Touristen bei Tag und bei Nacht an die Füße – in der Hoffnung, dass ihnen das Glück bringt.

Zurück zum Herdentor. Von dort aus schlängeln sich die Wallanlagen weiter unter der Bürgermeister-Smidt-Straße und dem Doventor hindurch und enden im Stephaniviertel, nahe der Stephanibrücke.

Das Stephaniquartier, auch Faulenquartier genannt, gehört zwar zur Altstadt, wird aber kaum als fester Bestandteil der Innenstadt wahrgenommen. Grund dafür sind städtebauliche Barrieren wie die Bürgermeister-Smidt-Straße, die Trasse Martini-Faulenstraße und die Brillkreuzung.

Aufwind bekam das Quartier durch den Ausbau der Schlachte, die Ansiedlung von Radio Bremen 2007, die Umwandlung der Stephanikirche in eine Kulturkirche im gleichen Jahr und den Umbau des Bamberger-Hauses. In das ehemalige Kaufhaus von Julius Bamberger ist die Zentrale der Volkshochschule eingezogen. Vom neunten Stock aus hat man einen schönen Blick auf die Altstadt.

„In den Köpfen der Menschen gehört das Stephaniviertel nicht zur klassischen Innenstadt“, sagt Harald Deerberg, Vorsitzender der Standortgemeinschaft Stephani. Die Chance für einen Wandel sieht Deerberg im neuen Innenstadtkonzept, das, initiiert vom Bauressort, unter breitangelegter Bürgerbeteiligung erstellt und in den kommenden Jahren umgesetzt werden soll.

Schwerpunkte des Vorhabens seien unter anderem „die Verbindung zwischen den Innenstadtquartieren und das innerstädtische Wegenetz“, sagte Senatsbaudirektor Franz-Josef Höing, als das Projekt öffentlich vorgestellt wurde.

Harald Deerberg hofft, dass in diesem Zusammenhang auch jene Wegebeziehungen neu diskutiert werden, die das Stephaniviertel vom Rest der Altstadt trennen. Er wünscht sich den Rückbau der Bürgermeister-Smidt-Straße, „damit dort Boulevards entstehen können“.

Paternoster in Betrieb

Gegenüber vom Stephaniviertel erstreckt sich auf der anderen Seite der Wallanlagen die Bahnhofsvorstadt. Sie ist geprägt von architektonischen und städtebaulichen Gegensätzen.

Der Bremer Hauptbahnhof und das Überseemuseum, erbaut Ende des 19. Jahrhunderts, stehen in der Nähe des in den 60er-Jahren errichteten Tivoli-Hochhaus. Etwa aus derselben Zeit stammt das 61 Meter hohe Siemens-Hochhaus an der Contrescarpe.

Direkt daneben, am Rudolf-Hilferding-Platz, steht das Haus des Reichs, das 1931 fertig gestellt wurde und heute unter anderem die Senatorische Finanzbehörde beherbergt. In dem Gebäude ist sogar noch ein Paternoster in Betrieb.

Optisch zerschnitten wird die Bahnhofsvorstadt vom Breitenweg, dem Rembertiring und der Hochstraße, an denen sich vier- bis siebenstöckige Wohn- und Geschäftshäuser aus der Nachkriegsmoderne aneinander reihen.

Auch die Bahnhofsvorstadt soll Bestandteil des neuen Innenstadtkonzepts sein. Nach Ansicht von Ortsamtsleiter Robert Bücking eine wirkliche Chance für das Quartier. „Es kann darüber nachgedacht werden, wie man den Breitenweg menschlicher gestalten oder ob der Rembertikreisel zurückgebaut werden kann“, meint er.

Ein Gegensatz zum bebauten und steinernen Teil der Stadtmitte sind für Bücking die Wallanlagen. „Die alten Bäume – und wie die Wasserflächen das Licht zurückgeben: Das ist echter Parkzauber.“

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