Terrorexperte Neumann trifft Bremer Sicherheitsbehörden "Es wäre fast überraschend, wenn nichts passiert"

Der Mann wird gerade herumgereicht, seine Expertise ist gefragt. Am Montag hat Peter Neumann vom King’s College in London sich mit Bremer Fachleuten über die Terrorgefahr in Deutschland ausgetauscht.
22.04.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Jürgen Hinrichs

Der Mann wird gerade herumgereicht, seine Expertise ist gefragt. Er sitzt in Talkshows, wird bei Fernsehnachrichten hinzugeschaltet und berät weltweit die Sicherheitsbehörden. Am Montag hat Peter Neumann, Direktor des „International Center for the Study of Radicalisation“ am King’s College in London, sich mit Bremer Fachleuten ausgetauscht. Er recherchiert für ein neues Buch zu den Gefahren des Islamismus, und da ist es naheliegend, mal in einer Stadt nachzuschauen, die als Hochburg der Salafisten gilt und in der vor knapp zwei Monaten Terroralarm ausgelöst wurde. Neumanns Warnung: „Die Situation ist so, dass es schon fast überraschend wäre, wenn nichts passiert.“

Der Professor spricht im Zusammenhang mit dem Krieg des „Islamischen Staats“ (IS) im Irak und in Syrien von der größten Mobilisierung dschihadistischer Auslandskämpfer seit dem Afghanistankrieg. Bis zu 5000 Menschen aus Europa, die sich dem IS angeschlossen haben, bis zu 700 in Deutschland, so Neumann. In Bremen sind es nach Angaben der Innenbehörde 20 Personen, die ausgereist sind, um für den IS zu kämpfen. Vier davon sind mittlerweile tot, sieben sind zurückgekehrt und leben wieder in Bremen.

Neumann teilt die Rückkehrer in drei Kategorien ein: hochgefährliche Überzeugungstäter, schwer Traumatisierte und Desillusionierte. Vor den ersten beiden Gruppen müsse man die Gesellschaft schützen. Die dritte bedeute eine Chance. „Wenn sich jemand findet, der öffentlich von seinen Erfahrungen berichtet, wäre das die beste Form von Prävention.“

Was aber treibt junge Leute dazu, sich der gewaltbereiten islamistischen Szene anzuschließen? „Das ist wie ein Pop-Projekt, eine Art Gegenkultur“, sagt Neumann. Die Faszination von Waffen und Kampf, das Miteinander, die Abenteuer. „Man nennt es Fünf-Sterne Dschihad.“

Anders als früher angenommen sei es gar nicht mal so sehr das Internet, das vom IS und anderen dschihadistischen Organisationen für die Rekrutierung genutzt werde. „Das läuft meist über persönliche Verbindungen“, erklärt Neumann. Aus Norwegen zum Beispiel seien viele IS-Kämpfer nicht nur aus demselben Ort gekommen, sondern sogar aus derselben Straße. „Und sie haben im selben Fußballverein gespielt.“ In Bremen kommen die meisten der Menschen, die nach Syrien ausgereist sind, aus dem Umfeld des „Kultur- und Familienvereins“ (KuF) in Gröpelingen, der mittlerweile verboten ist.

Dass Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) die nächste Innenministerkonferenz nutzen will, um die verschiedenen Ansätze der Länder bei der Präventionsarbeit gegen den Islamismus zu bündeln und daraus eine nationale Strategie zu machen, findet Neumann gut. „Höchste Zeit“, sagt er, „in Deutschland wurschtelt jeder vor sich hin. Andere Staaten machen das ganz anders.“

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