Wahlbeteiligung

Ärmere Bremer Stadtteile wählen weniger

Die Gründe für Wahlberechtigte, sich nicht am Urnengang zu beteiligen, sind vielfältig. Auffällig ist die unterschiedlich hohe Wahlbeteiligung in den Bremer Stadtteilen, meint Gastautor Thomas Köcher.
09.10.2021, 18:19
Lesedauer: 2 Min
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Von Thomas Köcher

Bremen hat gewählt. Ganz Bremen? Nein. In den soziostrukturell besser aufgestellten Stadtteilen haben bis zu 90 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben, während in Stadtbereichen wie Tenever, Ohlenhof, Gröpelingen oder Neue Vahr Nord die Quote mitunter bei 50 Prozent liegt. Ärmere Stadtteile wählen weniger. Eine Differenz von 40 Prozent bei der Wahlbeteiligung zwischen Bereichen, die nur wenige Kilometer voneinander entfernt liegen, ist dramatisch und auch im Bundesvergleich besorgniserregend.

Die Gründe für das Nichtwählen sind vielfältig. Dabei geht es nicht nur um das Nichtwollen, sondern viel öfter um die Frage des Selbstvertrauens und der – vermuteten – eigenen politischen Kompetenz. Wer sich keine eigene Meinung zutraut oder schlichtweg von politischen Diskussionsprozessen abgekoppelt ist, für diejenigen ist eine Wahl keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Kraftakt.

Eine Studie des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung illustriert diesen Zusammenhang: Wahltage, die an einem Monatsende liegen, führen in ärmeren Bevölkerungsschichten zu einer geringeren Wahlbeteiligung. Die Gründe hierfür können Stress und ein akut wahrgenommenes Gefühl von Ungleichheit sein. Auch hier geht es um Armut. Hinzu kommt: Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen der Wahlbeteiligung und der Bildung, womit sich zwangsläufig die Frage nach der Chancengleichheit bei der politischen Partizipation stellt. Wer nicht wählt oder nicht wählen kann, wird politisch nicht repräsentiert, eine Entwicklung, die folglich Stadtteile mit geringer Wahlbeteiligung von der politischen Teilhabe ausschließt.

Was braucht es? Aufsuchende Bildungsangebote für Nichtwählerinnen und Nichtwähler, in denen das Wahlrecht, der Wahlverlauf und der Wahlmodus erläutert werden. Und politische Bildungsangebote, die an der gefühlten politischen Mündigkeit der Bürgerinnen und Bürger ansetzen.

Die nächste Bürgerschaftswahl kommt, mit einem mehrseitigen Stimmzettel und einem komplexen Fünf-Stimmen-Wahlrecht, das selbst geübte Bürger überfordern kann. Eines sollte klar sein: Eine Demokratie darf sich nicht dauerhaft mit einer Wahlbeteiligung zufriedengeben, die von soziostrukturellen Bedingungen und der Frage „Arm oder Reich“ abhängig ist. Wenn die fehlende politische Teilhabe in einigen Bremer Stadtteilen jetzt nicht zu Konsequenzen führt, wird die Wahlbeteiligung weiter sinken. Und die repräsentative Demokratie Schaden nehmen.haden nehmen.

Zur Person

Unser Gastautor

ist Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Bremen. Er hat Politik und Geschichte studiert und war unter anderem im Wissenschaftsmanagement der Universität Bremen tätig.

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