Lange Wartezeiten, Ärger und Stress Senat will Notfallambulanzen entlasten

Der Senat sieht Handlungsbedarf in den Notfallambulanzen der Bremer Krankenhäuser. Sie sind durch verstärkten Andrang von Patienten ohne dringenden Behandlungsbedarf immer häufiger überlastet.
15.06.2018, 06:32
Lesedauer: 3 Min
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Senat will Notfallambulanzen entlasten
Von Jürgen Theiner

In den Notfallambulanzen der Bremer Krankenhäuser drängen sich immer mehr Menschen – auch solche, bei denen kein Notfall vorliegt. Dadurch kommt es zu längeren Wartezeiten und in der Folge auch zu Konflikten zwischen Patienten und medizinischem Personal. Diese Entwicklung hat das Gesundheitsressort des Senats jetzt bestätigt.

In einer schriftlichen Antwort auf eine Anfrage der SPD-Bürgerschaftsfraktion kündigt die Behörde an, dem Trend zur missbräuchlichen Inanspruchnahme der Notfallambulanzen entgegenwirken zu wollen. Das soll unter anderem durch eine veränderte Kommunikation der Feuerwehrleitstelle mit Personen geschehen, die den Notruf 112 wählen.

Nach Klärung der Situation durch die Kräfte der Leitstelle sollen die Anrufer auf mögliche Alternativen wie den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst verwiesen werden. Diese "Veränderung der Notrufabfrage", wie es in der Senatsvorlage heißt, soll 2019 greifen. In welchem Maße sich die Wartezeiten in den Notfallambulanzen in den vergangenen Jahren verlängert haben, lässt sich nach Darstellung des Senats nicht mit konkreten Zahlen belegen.

Verbal aggressiv oder sogar handgreiflich

Entsprechende Statistiken würden in den kommunalen und den freigemeinnützigen Krankenhäusern nicht geführt. "Sie wären auch wenig aussagekräftig, da die gesamte Aufenthaltsdauer in der Notaufnahme von Krankheitsbild und Krankheitsschwere abhängt", heißt es in der Antwort auf die SPD-Anfrage.

Der Trend zu volleren Ambulanzen sei allerdings augenfällig, und "nicht wenige der Patientinnen und Patienten, die eine Notfallambulanz aufsuchen, könnten unter medizinischen Gesichtspunkten ambulant versorgt werden", davon sind die Fachleute der senatorischen Behörde überzeugt. Dass Patienten, die schon lange auf eine Notfallbehandlung warten, gegenüber dem medizinischen Personal verbal aggressiv oder sogar handgreiflich werden, kommt offenbar immer häufiger vor.

Bremische Krankenhausgesellschaft (HBKG), Kassenärztliche Vereinigung (KV) und Ärztekammer Bremen bestätigten das, heißt es in dem Senatspapier. Spürbar werde der Trend nicht nur in den Notfallambulanzen, sondern auch in den Bereitschaftsdienstpraxen der KV am St.-Joseph-Stift und am Klinikum Nord. Dort wurden bereits bauliche Veränderungen vorgenommen, um die Beschäftigten besser vor Übergriffen zu schützen. Stabile Glasfronten schirmen den Empfangsbereich ab.

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Was es heißt, unter den Bedingungen immer stärkeren Andrangs und wachsender Aggressivität von Patienten in der Notaufnahme zu arbeiten, darüber hat sich der WESER-KURIER mit einer Empfangsmitarbeiterin des Klinikums Mitte unterhalten. Maren Stelljes (Name geändert) versieht ihren Schichtdienst eigentlich gern. Doch das Arbeitsklima habe sich gravierend gewandelt.

"Es ist kaum noch Zeit für ein empathisches Einlassen auf die Patienten", sagt die Mittdreißigerin mit kaufmännischer Ausbildung. Es gehe nur noch darum, den Andrang einigermaßen abzufedern und die zahlreichen Neuankömmlinge um Verständnis dafür zu bitten, dass sie sich gedulden müssten. Nicht immer gelinge das.

"Es ist schon mehr als einmal passiert, dass hier Leute über den Tresen stiegen", sagt Stelljes. Mit solchen bedrohlichen Situationen müssten die Beschäftigten in der Regel allein klarkommen, denn der nächtliche Sicherheitsdienst auf dem Gelände an der St.-Jürgen-Straße könne meist nicht schnell genug zur Stelle sein. Er läuft Streife auf einem 19 Hektar großen Gelände.

Keine Reaktion auf Überlastungsanzeigen

Am Empfang der Kinderklinik sei es nicht einmal möglich, einen stillen Alarm auszulösen. Auch eine Videoüberwachung gebe es dort nicht. Maren Stelljes weiß von haarsträubenden Szenen zu berichten. So sei es etwa vorgekommen, dass ein Vater vorgab, das Kind auf seinem Arm sei tot – er hoffte, auf diese Art schneller einen Arzt sprechen zu können.

Auf der Leitungsebene der Gesundheit Nord interessiere sich offenkundig niemand für die Arbeitsbedingungen in der Notaufnahme. "Wir schreiben hier Überlastungsanzeigen, aber darauf wird nicht reagiert", berichtet die Empfangskraft. Sie selbst habe schon unzulässigerweise Doppelschichten gearbeitet, weil es an Personal mangele.

"Diese Situation führt dann natürlich auch zu Einnahmeausfällen. Denn wenn wir keine Zeit haben, die Aufnahme von Patienten sauber zu dokumentieren oder beispielsweise Unterschriften für Behandlungsverträge einzuholen, dann können diese Fälle auch nicht abgerechnet werden."

Stelljes weiter: "Eine personelle Entlastung würde so viel ändern, man hätte Zeit, auch mal durchzuatmen, sich den Aufgaben und der Verantwortung in vollem Umfang anzunehmen und die Aufgaben gewissenhafter erledigen zu können". Doch danach sehe es nicht aus. Im Gegenteil. Ihr Arbeitgeber, der Klinikverbund Gesundheit, habe ja bereits angekündigt, das Verwaltungspersonal sogar reduzieren zu wollen.

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