BSAG erteilt Zuschlag für Großauftrag

Siemens liefert neue Straßenbahnen

Ab Frühjahr 2019 wird die Bremer Straßenbahn AG 67 neue Fahrzeuge in Dienst stellen. Die 37 Meter langen Züge werden von der Firma Siemens geliefert.
29.06.2017, 15:09
Lesedauer: 3 Min
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Siemens liefert neue Straßenbahnen
Von Jürgen Theiner

Die Bremer Straßenbahn AG kauft beim Siemens-Konzern 67 neue Straßenbahnzüge. Am Donnerstagnachmittag haben Vertreter des Verkehrsunternehmens und des Herstellers die entsprechenden Verträge unterzeichnet. Der Wert des Pakets liegt bei etwa 200 Millionen Euro. Die neuen Bahnen der Baureihe Avenio sollen ab dem Frühjahr 2019 durch das 110 Kilometer lange Bremer Straßenbahnnetz rollen. Dann können die derzeit ältesten Gespanne der BSAG, die zwischen 1993 und 1996 angeschafften GT8N des Herstellers Adtranz & Kiepe, ausrangiert werden.

Der Zuschlag für Siemens sollte nach Informationen des WESER-KURIER bereits um Ostern erteilt werden. Allerdings hatte einer der beiden unterlegenen Bieter, die neben Siemens in die Endrunde der europaweiten Ausschreibung gelangt waren, gegen dieses Ergebnis Einspruch eingelegt. Die zuständige Vergabekammer beim Senator für Bau, Umwelt und Verkehr wies diesen Widerspruch zurück. Auf eine gerichtliche Anfechtung verzichtete das Unternehmen.

Bedarf von 77 Straßenbahnzügen

Noch offen ist, ob die BSAG in einem Anschlussauftrag zehn oder sogar 17 weitere Bahnen ordert oder ob sie vorhandene Züge der alten GT8N-Baureihe grundlegend instandsetzen lässt. Denn der Bedarf an mindestens 77 Straßenbahnzügen ist da. Eigentlich wollte die BSAG bis ins Frühjahr geklärt haben, ob die zehn besten der vorhandenen Adtranz&Kiepe-Bahnen sanierungsfähig sind und sich das Aufmöbeln tatsächlich noch lohnt. Einige der Fahrzeuge haben bereits fast 1,5 Millionen Fahrkilometer auf der Uhr. Doch die Grundlagen für diese betriebswirtschaftliche Entscheidung hätten sich nicht mehr rechtzeitig zusammentragen lassen, sagt Unternehmenssprecher Andreas Holling. Deshalb die Optionslösung für das Ergänzungspaket.

Die jetzt georderten Siemens-Züge unterscheiden sich im Design erkennbar von der aktuellen Modellgeneration, die die BSAG zwischen 2005 und 2012 bei der Firma Bombardier gekauft hatte. Die Siemens-Bahnen wirken in der Frontpartie runder. Innen gibt es zusätzliche Mehrzweckflächen, beispielsweise für Kinderwagen. An jeder Tür sind Sprechanlagen vorhanden, die eine Kommunikation von Passagieren mit dem Fahrer ermöglichen. Im Vergleich zum vorhandenen BSAG-Fuhrpark sind die Eingangsbereiche der Avenio-Bahnen weiträumiger gestaltet.

Das soll einen schnelleren Fahrgastwechsel an den Haltestellen ermöglichen. Auch unter Umweltgesichtspunkten ist der Avenio, der bisher in München, Den Haag und Doha fährt, nach Darstellung der BSAG ein Gewinn. Er speist rückgewonnene Bremsenergie ins Netz ein oder heizt damit. Alle Räder sind mit Schallabsorbern ausgestattet. Unternehmensvorstand Hajo Müller schwärmt jedenfalls in den höchsten Tönen von seinem neuen Fuhrpark. „Wir haben das beste Fahrzeug für die Bremerinnen und Bremer ausgesucht“, ist er überzeugt. „Der Avenio erfüllt mit seinem geräumigen Innenraum, kabellosem Internet und einem Informationssystem mit Doppelmonitoren die Komfort- und Qualitätsansprüche, die unsere Fahrgäste und wir an eine moderne Straßenbahn stellen.“

Stillschweigen über exakten Kaufpreis

Über den exakten Kaufpreis für die 67 Bahnen haben BSAG und Siemens Stillschweigen bewahrt. 2015 hatte der Senat, der als Gesellschafter des kommunalen Verkehrsunternehmens einen erheblichen Teil der Kosten trägt, einen Finanzrahmen von 210 Millionen Euro gezogen. Inoffiziell ist zu hören, dass die BSAG diesen Betrag nach den Verhandlungen mit Siemens offenbar nicht voll ausschöpfen musste.

llerdings kommen zu den reinen Beschaffungskosten für die neuen Tram-Modelle noch Infrastrukturkosten in erheblicher Höhe. Eines der Probleme: Noch nicht alle Strecken sind auf einen Begegnungsverkehr von Bahnen mit einer Breite von 2,65 Metern ausgelegt. Die alten Adtranz&Kiepe-Bahnen waren schmaler. Rund sieben Kilometer Schienenstrang müssen „aufgeweitet“ werden, wie die Fachleute das nennen.

Am BSAG-Zentrum in der Neustadt wurde 2016 bereits ein Anfang gemacht. Die Verbreiterung der Abstände zwischen den Gleisen auf dem Betriebshof hat sechs Millionen Euro gekostet. Weitere elf Millionen Euro steckt das Unternehmen in neue Werkstattanlagen auf dem Gelände und zusätzliche 4,5 Millionen in ein zeitgemäßes Fahrdienst- und Leitstellengebäude.

Der Standort Gröpelingen am nördlichen Endpunkt des Netzes wird komplett neu gebaut. Der gesamte Gebäudebestand mit Werkstätten, Verwaltung und Personalunterkünften verschwindet, die Schienenstränge der Bahn-Aufstellflächen werden herausgerissen. Auch die Haltestellenanlage entsteht neu. Kostenpunkt für dieses Projekt: rund 50 Millionen Euro. Das Infrastrukturpaket umfasst außerdem die Beschaffung neuer Fahrkartenautomaten und den Aufbau eines digitalen Funknetzes.

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