Seenotrettung Spektakuläre Rettung im Atlantik

US-Soldaten haben zwei Bremerhavener Seglern aus schwerer Seenot gerettet. Dafür sind sie jetzt in Hamburg mit Medaillen der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger geehrt worden.
26.01.2018, 19:13
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Spektakuläre Rettung im Atlantik
Von Markus Lorenz

Während Karl-Heinz Meer in diesen schier endlosen Stunden in der Rettungsinsel im Atlantik um sein Leben bangt – neben sich sein lebensgefährlich verletzter Sohn – tut er etwas, was er sonst eher nicht macht. „Ja, ich habe gebetet", erzählte der 67-jährige Bremerhavener jetzt mit feuchten Augen. Ausführlich berichteten Vater und Sohn am Freitag öffentlich in Hamburg von ihrer spektakulären Havarie weit vor der Küste Floridas im vergangenen Sommer – und von der dramatischen Rettung.

Anlass für den Auftritt von Vater und Sohn war der Besuch jener „Schutzengel“, die sie nach neun Stunden aus dem Ozean gefischt hatten. Sieben „Guardian Angels“ vom 920th Rescue Wing der US Air Force waren angereist, um im Internationalen Maritimen Museum in der Hamburger Hafencity eine seltene Ehrung zu empfangen.

Erstmals seit 20 Jahren verlieh die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) wieder ihre Rettungsmedaille in Gold. „Was Sie geleistet haben, ist unglaublich“, sagte DGzRS-Vorstand Gerhard Harder. „Wenn ich daran denke, läuft mir heute noch ein Schauer über den Rücken.“

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Das Drama ereignete sich am 7. Juli 2017 rund 800 Kilometer östlich von Florida. In Panama hatten sich die Segler eine gebrauchte 30-Meter-Jacht gekauft und sich auf den Weg nach Europa gemacht. „Es war anderthalb Tage Flaute“, erzählte der Vater. „Deshalb fuhren wir mit Motor.“

Als dieser am Morgen des Unglückstages seltsame Geräusche von sich gibt, sieht der Sohn (48) nach. „Dann gab es eine Verpuffung, meine Beine fingen Feuer“, so Karl-Heinz Meer junior, der in Gronau (Westfalen) lebt. Der Vater, der an Deck das Frühstück macht, sieht, wie sein Sohn rücklings aus der Kajüte katapultiert wird.

Überall Flammen und Rauch, beide wissen: Wir müssen hier runter. Erst im dritten Versuch lässt sich die Rettungsinsel aufblasen. „Ich war schon mit einem Bein drin, dann ist mir noch was eingefallen“, erinnerte sich der Senior lächelnd. Nochmals hastet er an Bord des brennenden Schiffes, um eine riesige Muschel zu holen, die er für seinen Enkel als Geschenk gekauft hatte.

Stunden zwischen Hoffen und Bangen

In der Rettungsinsel wählt er auf dem Satellitentelefon die Nummer seiner Frau in Bremerhaven und gibt die Position durch. Eine aufwendige Rettungskette kommt in Gang. Die Seenotretter in Bremerhaven werden informiert und nehmen Kontakt zur Küstenwache in Miami auf, die wegen der großen Entfernung zum Unglücksort die Air Force einschaltet.

„Nach einer Viertelstunde meldete sich die Küstenwache bei uns“, schilderte der Senior. Dann jedoch reißt die Verbindung zur Außenwelt ab: „Der Akku des Telefons war leer.“ Es beginnen Stunden zwischen Hoffen und Bangen. Immer wieder stöhnt und schreit der Sohn vor Schmerzen, die bis zu den Oberschenkeln verbrannten Beine im Salzwasser. Wale nähern sich.

Noch Stunden brennt die Jacht, immer wieder sind Explosionen zu hören, dann sinkt sie auf Nimmerwiedersehen. Ob und wann menschliche Hilfe kommen wird – Vater und Sohn wissen es nicht. Derweil bereiten sich die „Guardian Angels“ des Rescue Wing auf einen auch für sie ungewöhnlichen Einsatz vor.

Krankenhaus in Orlando

Ausgebildet, Soldaten hinter feindlichen Linien in Sicherheit zu bringen, rüstet das Team von Commander Kurt Matthews zur Lebensrettung zweier deutscher Segler. „Meine Mannschaft hätte eigentlich erst am Abend wieder antreten sollen“, berichtete er in Hamburg. Und auch die Helikopter seien wegen Reparaturen außer Dienst gewesen. Eigentlich.

Binnen zwei Stunden macht sich die Einheit einsatzbereit, die Operation beginnt. Gegen Mittag besteigen sechs Fallschirmspringer ein Lockheed-Rettungsflugzeug, an Bord ein Schlauchboot. Am Abend erreichen sie den Unglücksort. An Fallschirmen springen die Retter ab und ziehen die Schiffbrüchigen ins Schlauchboot.

Beide werden auf den Tanker „Nord Nightingale“ gebracht, der inzwischen am Unglücksort eingetroffen ist. Nach der notärztlichen Erstversorgung bringen Helikopter Sohn und Vater nach Orlando ins Krankenhaus. Zweimal müssen die Hubschrauber in der Luft aufgetankt werden. „Mein Team“, urteilte Commander Matthews militärisch nüchtern, „hat einen sehr guten Job gemacht.“

"Ich habe mich noch einmal neu in meine Frau verliebt"

Nach zwei Wochen treten die Deutschen den Heimweg an. Die Brandverletzungen bei Karl-Heinz Meer junior sind inzwischen fast vollständig verheilt. Und trotz allem will er das Segeln nicht aufgeben, eine Tour mit dem Vater nach Helgoland ist schon angedacht. „Klar gehe ich wieder an Bord“, sagte der 48-Jährige. „Ich bin doch ein positiv denkender Mensch.“

Auch Meer senior will wieder segeln, wenngleich ihn noch manchmal Panikattacken plagen. „In der Rettungsinsel ist mein ganzes Leben vor mir abgelaufen“, sagte er nachdenklich. Aber noch etwas sei geschehen in jenen dramatischen Stunden: „Ich habe mich noch einmal neu in meine Frau verliebt.“

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