Erst alle Zelte ab- und dann wieder aufgebaut Hohentorshafen statt Karibik

Sie hatten ihren Arbeitsplatz und die Wohnung gekündigt, ihren Hausrat verkauft: Dann durchkreuzt das Corona-Virus die Lebensplanungen von Anne und Philipp Becker aus Bremen. Ihre Weltumseglung wird verschoben.
17.05.2020, 06:00
Lesedauer: 6 Min
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Hohentorshafen statt Karibik
Von Jörg Niemeyer

Der Name hat etwas Verführerisches. „Kiss“, auf Deutsch: Kuss, heißt der Katamaran, der am Kopf des Bremer Hohentorshafens liegt. Ungefähr da, wo Anne und Philipp Becker gerade stehen, könnten sie sich normalerweise anlehnen an den gut 17 Meter hohen Mast. Doch der ist, als eine von vielen unangenehmen Folgen der Corona-Pandemie, noch gar nicht aufgestellt. Zum Glück hat das Virus das junge Ehepaar in keine lebensbedrohliche Lage gebracht. Tragisch ist sie trotzdem. Und Corona hätte das Paar wesentlicher härter treffen können als es am Ende geschah.

Die „Kiss“, dieses elf Meter lange und 5,90 Meter breite Zwei-Rumpf-Boot, hätte jetzt eigentlich auf dem Weg in Richtung Karibik sein sollen. Die Sonne des Südens, herrliche Strände, idyllische Inseln, Palmen und blaues Wasser: Lauter Verführungen, auf die sich die Beckers so sehr freuten. Verführungen, gegen die sie ihr normales Leben in Norddeutschland fast schon eingetauscht hatten. Die Arbeitsplätze: gekündigt. Die Wohnung: gekündigt. Der Hausrat: zumindest teilweise bereits verkauft. Alles, wirklich alles hatte das Paar organisiert, um in seiner Wahlheimat Bremen sämtliche Brücken einzureißen und in die weite Welt aufzubrechen.

Vielleicht drei Jahre, vielleicht länger sollte die „Kiss“ das Zuhause der Beckers werden. „Es kann auch sein, dass wir erst nach fünf Jahren zurückkommen“, sagt Anne, „vielleicht beschließen wir auf halber Strecke, eine Familie zu gründen, und kommen zu dritt oder zu viert zurück.“ Philipp gibt zu verstehen, dass sie sich treiben lassen wollen. „Wenn wir eine Insel finden, die uns gefällt, bleiben wir länger, sonst fahren wir einfach weiter“, sagt der 33-Jährige. Barbados wird ihr erstes großes Ziel, alles andere wird sich dann ergeben. Sie wollen einfach eine tolle Zeit und Spaß haben. Sie wollen einfach ihren Traum leben.

So waren die Pläne bis März. Bis zu jenem Abend, an dem das Corona-Virus indirekt und keineswegs überraschend auch die Beckers erwischte. Natürlich hatten auch sie die Entwicklung verfolgt und beobachtet, wie die Fallzahlen der Erkrankten weltweit in die Höhe schossen. „Zuletzt war es wie eine Achterbahnfahrt“, sagt die 28-jährige Anne. Eine Restriktion folgte auf die andere, eine Grenze nach der anderen wurde geschlossen. „Vielleicht wollten wir es nur nicht wahrhaben“, sagt sie. Denn schon Ende Februar hatten sie gespürt, dass ihre Reise in Gefahr geriet.

Einen weiteren Monat später mussten sie sich entscheiden. Zu Ostern würden die Arbeitsverträge der beiden Schiffbauingenieure auf der Lürssen-Werft auslaufen, im Mai der Mietvertrag für die Wohnung in Woltmershausen. „Wir verschieben die Reise um ein Jahr“, beschlossen die Beckers. „Ich bin erst mal raus auf die Terrasse gelaufen und habe geheult“, sagt Anne. Ein Jahr hatten sie sich vorbereitet, auf dem Boot gewerkelt, Ersatzteile und Ausrüstung gekauft, Papierkram ohne Ende erledigt – und nun diese Entscheidung. Es war zu viel für Anne. In diesem Moment und in den folgenden zwei Wochen, in denen sie schlecht ansprechbar gewesen sei.

Philipp dagegen erlebte diesen Tiefpunkt im März ganz anders. „Ich habe erst mal rational reagiert“, sagt er, „es hätte doch keinen Sinn gemacht, einfach loszufahren. Wir wollten uns doch so viel ansehen, so viel erkunden.“ Am Gründonnerstag, an dem er eigentlich in der Firma seinen Ausstand mit Kaffee und Kuchen hätte geben wollen, sei ihm die Tragweite des Reisestopps erst so richtig bewusst geworden. Zu diesem Zeitpunkt hatte Anne bereits einen Haken an die Sache gemacht. An den schönen April-Tagen nach Ostern litt das Paar allerdings wieder gemeinsam, als es nach dem Feierabend mit dem Rad von Lemwerder nach Hause fuhr und in der Sonne die vielen Segelboote auf der Weser sah. Eigentlich hätten sie selbst ja bald weserabwärts segeln wollen. Eigentlich hätten sie an diesen Tagen auch nicht mehr gearbeitet.

Ein Angebot, das man annehmen muss

Im Herbst 2018 schien das Leben von Anne und Philipp Becker noch eine ganz andere Wendung zu nehmen. Zwar nicht ohne Wassersport und erst recht nicht ohne Segeln, das die beiden praktisch ihr Leben lang begleitet hatte. Aber doch ohne den konkreten Gedanken an eine Weltumseglung. Das Paar, damals noch kein Ehepaar, wollte ein Haus kaufen, dann eine Familie gründen und erst danach segeln. „Aber irgendwie hat sich das falsch angefühlt“, sagt Philipp heute. Also schwenkten sie um. Im Februar 2019 beschlossen sie, auf Weltreise zu gehen. Sie hatten konkrete Vorstellungen, wie ihr Boot dafür aussehen musste. Aber sämtliche Kaufabsichten konnten sie fallenlassen, nachdem sie Philipps Eltern zu Ostern 2019 von ihren Überlegungen erzählt hatten. Die Eltern schlugen einen Handel vor. Einen Handel mit zwei Gewinnern, wie Philipp und Anne sagen. Einen Handel, von dessen Wert sie schnell überzeugt waren. Sie sollten die „Kiss“ bekommen, wenn sie im Gegenzug bereit wären, die Eltern an einigen schönen Plätzen der Welt vorübergehend auf dem Boot aufzunehmen. „Kein Problem für uns“, sagt Anne. Seit jeher komme sie mit ihren Schwiegereltern bestens zurecht.

Philipps Vater war es auch, der 2006 die Lust der jungen Leute auf die weite Welt geweckt hat. Anne sollte zwar erst 2010, als sie in Bremen wie Philipp aus Siegburg bei Köln ihr Studium begann, ihren zukünftigen Lebensgefährten kennenlernen. Aber Philipp war gleich nach seinem Abitur während eines dreimonatigen Katamaran-Turns mit seinem Vater im Mittelmeer auf den Geschmack gekommen. Der 19-Jährige las in einer Fachzeitschrift den Bericht des kaum älteren Seglers Johannes Erdmann über dessen Karibik-Reise und war fasziniert. „Das willst du irgendwann auch mal machen“, sagte sich Philipp Becker damals. „Und diese Idee hat mich immer verfolgt“, sagt er heute. Zu Ostern 2011 traten er und seine Freundin Anne ihren ersten gemeinsamen Urlaub an – mit dem Zelt in Marokko. „Wir haben ausprobiert, ob es mit uns klappt“, sagt Anne. Dabei lacht sie vor Glück, und der Blick von Philipp untermauert den Verdacht, dass dieses Paar hervorragend harmoniert.

Warum hätte es damals auch nicht klappen sollen? Anne tickte schließlich wie Philipp. Und Wasser war das Element ihrer Familie. Ihr Urgroßvater war Binnenschiffer, der Großvater Werftarbeiter und auch der Vater im Schiffbau beschäftigt. Mit Stationen in Hamburg, den Niederlanden und Norwegen, sodass Anne aus Emden international aufwachsen sollte. Mit dem schönen Nebeneffekt, dass sie außer Englisch und ein bisschen Französisch auch fließend Niederländisch und Norwegisch spricht. Gutes Rüstzeug, um sich fast überall auf der Welt verständigen zu können. Die Tatsache, dass Anne vor dem Studium bereits eine Schiffbaulehre absolvierte, dürfte bei der praktischen Umsetzung des Traums von einer Weltreise auch nicht von Nachteil sein.

Mit der Erfahrung aus vielen gemeinsamen Urlauben auf dem Wasser, mit dem Sportküstenschifferschein, mit ihren Kenntnissen in Navigation und Wetterkunde und der Teilnahme am Kursus „Überleben auf See“ der deutschen Marine fühlt sich das Ehepaar bestens gewappnet für die große Tour. Die Zwei haben gelernt, wie sie Lecks ihres Bootes schließen, wie sie Feuer an Bord löschen, wie sie im Wasser überleben und wie sie in ihre Rettungsinsel steigen könnten. Sie wissen jetzt, wie sie mit ihrer Signalmunition umgehen müssen. Sie haben Erste-Hilfe-Kenntnisse aufgefrischt und sich einen Riesenvorrat an Medikamenten zugelegt. Und sie haben in den vergangenen Monaten eine lange Liste abgearbeitet mit all den Notwendigkeiten, die der Ausstieg aus ihrem bisherigen Leben und der Einstieg in eine neue Zeit erfordern.

Noch ein Jahr der Vorfreude

Die bittere Ironie der vergangenen Wochen: „Wir haben die Liste dann auch zurück noch mal abgearbeitet“, sagt Anne. Mit dem praktischen Nutzen, dass sie die Termine von 2020 einfach auf 2021 vordatierten konnte. Die diversen Kündigungen bekommen ein neues Datum und werden bei Bedarf wieder ausgedruckt. „Letztlich sind wir doch superweich gefallen“, sagt Philipp mit spürbarer Dankbarkeit. Lürssen beschäftigt sie nun weiter, ein Freund und Arbeitskollege hat ihnen eine Wohnung in der Neustadt überlassen. Was sie zum Leben für ein weiteres Jahr auf dem Festland benötigen, haben sie beisammen.

In den kommenden zwölf Monaten werden Anne und Philipp Becker ihre „Kiss“ auf Vordermann halten, für den alternativ angesetzten Norwegen-Sommerurlaub in Ruhe den Mast setzen und sich weiter der Vorfreude auf ihr Abenteuer hingeben. Statt Weihnachten 2020 verbringen sie eben Weihnachten 2021 auf Barbados. Es gibt Schlimmeres als ein bürgerliches Leben in Bremen mit einem Bootsliegeplatz am Kopf des Hohentorshafens.

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