Vereinsfusion im Bremer Osten

Fusionspläne stoßen auf Kritik

Vier Vereine wollen im Bremer Osten zu einem Großverein mit dann rund 6000 Mitgliedern fusionieren. Eben diese Mitglieder sollen in der kommenden Woche darüber abstimmen. Doch es gibt auch kritsche Töne.
16.11.2019, 18:33
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Fusionspläne stoßen auf Kritik
Von Felix Wendler

Bremen. Vier Vereine, über 50 Abteilungen, fast 6000 Mitglieder und viele unterschiedliche Ansichten: Die Gemengelage bei der geplanten Fusion der Vereine SG Arbergen-Mahndorf, ATSV Sebaldsbrück, TuS Vahr und OT Bremen ist kompliziert. Alle vier Klubs lassen in der kommenden Woche ihre Mitglieder darüber abstimmen, ob sie zum 1. Januar 2020 zu einem Verein, zur Sportgemeinschaft Bremen-Ost (SGBO), verschmelzen wollen.

Mike Bleyer ist Vorsitzender der SG Arbergen-­Mahndorf und Sprecher der vier Vereinsvorstände. Die Idee einer Fusion werde seit Mitte 2018 konkret diskutiert, sagt Bleyer. Dass die SG Arbergen-­Mahndorf die anderen drei Vereine aufnehmen soll, habe steuerrechtliche Grün-
de, sagt Bleyer. Arbergen­-Mahndorf besitzt drei eigene Hallen. „Würden wir uns einem anderen Verein anschließen, müssten wir erneut Grunderwerbssteuer bezahlen.“ Alleine die Halle in der Heisiusstraße sei drei Millionen Euro wert, die Steuer wäre entsprechend hoch. Bleyer erhofft sich von der Fusion professionellere Strukturen und mehr sportpolitisches Gewicht. „Als Verein mit 6000 Mitgliedern kann man viel selbstbewusster auftreten. Zum Beispiel, wenn es um die Suche nach Sponsoren geht.“

Während die Vorstände der vier Vereine Optimismus versprühen, kommen aus Reihen der Sportler auch kritische Stimmen. Erst Anfang Oktober sei das Vorhaben in die Abteilungen getragen worden, sagt Helge Uhing. „Seitdem ist es das alles beherrschende Thema.“ Uhing leitet die Tischtennis-Abteilung beim ATSV Sebaldsbrück und findet klare Worte zur geplanten Verschmelzung der Vereine: „Aufgrund der Rahmenbedingungen sind wir uns einig, dass ein fusionierter Verein kein Weg für uns ist.“ Es gebe für dieses Szenario in der Tischtennis-Abteilung konkrete Überlegungen, die Sportgemeinschaft zu verlassen und einen eigenen Verein zu gründen.

Die wichtigste der vier Abstimmungen wird bereits am kommenden Montag stattfinden. Da Arbergen-Mahndorf als aufnehmender Verein fungiert, wäre das Vorhaben bei einem negativen Votum der Mitglieder bereits gescheitert. 75 Prozent der Stimmen sind notwendig, um die Grundlage für eine Fusion zu schaffen. „Es wird diese Mehrheit geben“, ist Kai Homann überzeugt. Als Leiter der Handball-Abteilung von Arbergen-Mahndorf blickt er einem Zusammenschluss positiv entgegen. „Wir können uns vergrößern und als Handball-Standort wieder bedeutender werden“, sagt Homann. Auch das breitere Angebot von Sportarten sei ein positiver Aspekt der Fusion. Er gibt aber zu, dass dieser Faktor für Neumitglieder wichtiger als für bestehende Mitglieder sei. Bleyer betont jedoch, dass es immerhin 100 Doppel-Mitgliedschaften gebe. „Für die würde mit der Fusion ein Monatsbeitrag wegfallen“, sagt Bleyer. „Die Beiträge werden sich im Jahr 2020 nicht verändern.“

Welche Sportarten eine SGBO überhaupt anbieten könnte, ist noch unklar. Es sind verschiedene Konstellationen einer Fusion möglich. Stimmt zum Beispiel nur ein Verein gegen einen Zusammenschluss, würden die anderen drei Vereine dennoch fusionieren. Auch alle anderen Kombinationen mit der SG Arbergen-Mahndorf sind denkbar. Für den ATSV, der als zweiter Verein in die Abstimmung geht, ist das Verfahren auch mit Unsicherheit verbunden. „Die Mitglieder wissen bei ihrer Abstimmung am 21. November noch nicht, mit welchen Vereinen sie letztendlich fusionieren. Dieses Wissen wäre aber wichtig für die Entscheidung“, kritisiert Uhing.

Generell seien die Mitglieder nur unzureichend über das Vorhaben informiert worden, findet Michael Pfeiffer. Er selbst spielt Badminton beim TuS Vahr, sein 13-jähriger Sohn Tischtennis im ATSV. In der Badminton-Abteilung hätten viele Sportler erst durch die Einladungen zur Abstimmung erfahren, dass es Fusionspläne gibt, sagt Pfeiffer. Die Versprechungen der Vorstände überzeugen ihn nicht. „Ich sehe nicht, wie der TuS Vahr von dieser Verschmelzung profitieren soll.“ Besonders die Zukunft der Wettkampf-Sportler habe man einfach vernachlässigt, sagt Pfeiffer. „Im Tischtennis wird es nach der Fusion bei den Männern 16 Mannschaften geben. Das ist absurd.“ Da im Tischtennis die Mannschaften nach Ranglistenpunkten zusammengestellt werden, befürchtet Pfeiffer, dass die jetzigen Teams auseinanderbrechen. „Gerade im Jugendbereich hängen da Freundschaften dran. Die kann man doch nicht einfach so trennen.“

Mike Bleyer kennt die Kritik aus den Tischtennis-Abteilungen. Man stehe im Austausch, aber müsse natürlich akzeptieren, wenn sich die Sparte entschließe, eigene Wege zu gehen. Grundsätzlich jedoch, betont Bleyer, hätte eine Fusion in den meisten Abteilungen „für den Sportler wenig bis keine Auswirkungen.“ Solange eine Trainingsgruppe genügend Mitglieder habe, werde diese auch weiterhin am angestammten Ort und in der gleichen Besetzung trainieren. „Wir werden dafür sorgen, dass es nicht zu weiten Anfahrtswegen kommt“, so Bleyer. Derartige Bedenken seien bei einer gemeinsamen Informationsveranstaltung vielfach vorgebracht worden, sagt Michael Pfeiffer.

Helge Uhing bemängelt, dass man in den Vorständen zwar Finanzpläne aufgestellt und sportpolitische Fragen diskutiert, aber dabei das Wesentliche aus den Augen verloren habe. „Um sportliche Belange haben wir uns noch keine Gedanken gemacht“, soll Uhing zufolge der ATSV-Vorstand gesagt haben. Vorwürfen, die Vorstände hätten an den Abteilungen vorbei geplant und die Mitglieder mit der jetzt anstehenden Abstimmung unter Druck gesetzt, widerspricht Bleyer. Die Mitgliederentscheide habe man bewusst schon auf den November gelegt. „Wir müssen ja zunächst Klarheit haben, ob und welche Mitglieder überhaupt gemeinsam neue Wege gehen wollen.“ Im Anschluss sei bis Mai 2020, wenn in vielen Sportarten die aktuelle Saison endet, genug Zeit, gemeinsam mit den Abteilungen die sportlichen Strukturen zu entwickeln, sagt Bleyer.

Dem WESER-KURIER gegenüber äußerten einige Abteilungsleiter die Hoffnung, dass durch eine Fusion die Vorstände entlastet werden. Auch für Bleyer ist das ein wichtiger Aspekt: „Momentan kümmern sich in jedem Verein wenige Leute um alle Themen. In einem Großverein könnten sich die Vorstandsmitglieder dann voll auf einzelne Bereiche konzentrieren.“ Der Zusammenschluss von Vereinen sei generell ein Schritt in die Zukunft, sagt Bleyer. Seine Vermutung: „In fünf oder sechs Jahren wird es in Bremen höchstens zehn größere Sportvereine geben.“

Info

Zur Sache

Der Weg zur Gemeinschaft

Eine Fusion der vier Vereine würde die daraus entstehende Sportgemeinschaft Bremen-Ost zu einem der mitgliederstärksten Sportvereine in Bremen machen. Für den aufnehmenden Verein Arbergen-Mahndorf wäre es bereits die zweite Fusion innerhalb weniger Jahre – 2016 entstand die Sportgemeinschaft im Bremer Osten aus dem TV Arbergen und dem TV Mahndorf. Juristen unterscheiden im Vereinswesen zwischen einer Fusion durch Neubildung oder durch Aufnahme, wie im aktuellen Fall der Bremer Klubs. Im Zuge einer Fusion müssen die Vereine unter anderem vereinsrechtliche (Mitgliedertransfer), vermögensrechtliche (Übertra-
gung von Immobilien) und verbandsrechtliche (Fortbestand von Spielrechten) Fragen klären. Auch steuerrechtliche Aspekte (Gemeinnützigkeit) sind dabei zu beachten.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+