Behindertensportler mit Down-Syndrom Warum Mike Schwenke ohne Sport nicht leben kann

Mike Schwenke, Bremens amtierender Behindertensportler des Jahres, ist in der Leichtathletik ein Allroundtalent – trotz Down-Syndrom. Der Sport wird für ihn zum Glücksfall.
04.08.2018, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Warum Mike Schwenke ohne Sport nicht leben kann
Von Marlo Mintel

Mike Schwenke greift in seinen Hüftbeutel. Er holt ein Smartphone hervor, möchte unbedingt ein Video zeigen. Schwenke hat es sich an diesem Tag bereits mehrmals angeschaut. Das Video zeigt, wie er bei einem Wettkampf in Arsten im Stabhochsprung erfolgreich die Latte überquert. Schwenke starrt aufs Display. Nach dem Video erklärt er stockend: „Ich muss mich noch mehr nach oben drücken.“

Seine Leistung mit dem Stab ist einzigartig. Der 20-Jährige aus Barrien kam mit dem Downsyndrom, auch Trisomie 21 genannt, auf die Welt. Die angeborene Störung schränkt Betroffene sowohl geistig als auch körperlich ein. Typisch ist zum Beispiel eine Muskelschwäche. In Deutschland ist er vermutlich der einzige Behindertensportler mit Downsyndrom, der Stabhochsprung betreibt. Seine Bestleistung, 2017 aufgestellt, steht bei 1,95 Metern.

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Schwenke träumt davon, die Zwei-Meter-Marke zu knacken. Dafür trainiert er hart. Sechsmal pro Woche, jeweils zwei Stunden. Nicht ausschließlich Stabhochsprung. Schwenkes Teamkameraden, alles keine Behindertensportler, nennen ihn den Vielseitigen. Weitere Disziplinen, die er beherrscht, sind Kugelstoßen, Speerwurf, Weitsprung und Hochsprung.

Außerdem läuft Schwenke die Strecken über 100 und 400 Meter. Körperlich fühlt sich das Multitalent nicht ausgelastet. Er hat sich fest vorgenommen, demnächst Hammerwerfen auszuprobieren. An seinem leichtathletikfreien Tag geht der Sportler mit seinem Vater auf den Golfplatz, und im Garten der Familie Schwenke steht eine Reckstange, an der er Klimmzüge macht.

Drei Herzinfarkte

„Er muss Sport machen, damit es ihm gut geht“, sagt Mutter Sandra, die ihren Sohn gemeinsam mit Stabhochsprungtrainer Lars Czekalla trainiert. „Damit wir sein Herz kräftig halten.“ Drei Herzinfarkte erlitt Mike Schwenke bereits, er hat zwei kaputte Lungen, die seinen Körper nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgen. „Laut Aussage vieler Ärzte wäre er längst nicht mehr am Leben“, erläutert sie.

Zeiten und Höhen sind für ihren Sohn nebensächlich. Mit Zahlen könne der Sportler wenig anfangen. Vielmehr geht es ihm darum, wie zufrieden seine Trainer mit seinen Leistungen sind. „Er fragt uns, ob er gut war“, erklärt die Mutter. Ist dies nicht der Fall, sei er geknickt und arbeite an sich. Schlechte Leistungen nagen an ihm. „Ich glaube, du willst einfach nur gut sein und, dass alle ganz stolz auf dich sind, richtig?“, fragt Sandra Schwenke ihren Sohn. „Ich will gut werden und stolz darauf sein“, antwortet er prompt. Sie lacht. „Das hast du jetzt gut nachgesagt.“

Mike Schwenke ist Leichtathlet, seit seinem sechsten Lebensjahr. Als Vorbild dient seine Schwester Kim-Michelle (18), die im Alter von fünf Jahren mit der Leichtathletik begann. „Alles, was sie wollte, wollte er als großer Bruder schon längst können“, berichtet Mutter Sandra.

Schwenke fehlen die Worte

Bremens amtierender Behindertensportler des Jahres liebt es, im Rampenlicht zu stehen. Im Wettkampf beim Weitsprung oder Stabhochsprung: Mike Schwenke lässt sich bei jedem Versuch vom Publikum anfeuern – und für jeden gelungenen feiern. Mutter Sandra schmunzelt: „Das ist einfach nicht normal.“

An diesem warmen Junitag bleibt der Jubel auf der Tribüne der Sportanlage in Arsten aus. Etwa 20 junge Leichtathleten, die ihr Training unterbrochen haben, suchen Schutz vor den grellen Sonnenstrahlen. Mike Schwenke macht das heiße Wetter nichts aus. Er schlendert über die Anlage, steckt seine Brust raus, fährt sich ab und an durch das kurze Haar, die Arme schwingen. Auf der Tartanbahn trainiert eine Mädchengruppe. Zielsicher geht Schwenke auf die Sprinterinnen zu. Er begrüßt jedes Mädchen mit Namen und umarmt es anschließend. Ihm gefällt das sichtlich.

Nicht so sehr gefällt ihm die Frage, ob er sich ein Leben ohne Sport vorstellen könne. Mike Schwenke erstarrt. Ihm fehlen die Worte. Mutter Sandra fragt nach: „Was machst du, wenn du kein Sport mehr machen kannst?“ Mike setzt an: „Dann...“ Er unterbricht. Pause. „Dann gehe ich golfen.“ Sandra Schwenke hakt nach: „Aber Golf ist doch ein Sport.“ Seine Antwort lässt nicht lange auf sich warten. „Dann gehe ich trotzdem golfen.“ Sandra Schwenke resümiert: „Ohne Sport, das geht für ihn gar nicht. Er hat voll Bock darauf. Er will.“

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