Olympische Spiele

Bremer Blick nach Tokio

In weniger als sechs Wochen sollen die olympischen Spiele in Tokio stattfinden. Die Olympia-Macher wollen die Spiele stattfinden lassen, in Japan gibt es viel Unmut. Wie stehen Bremer Stimmen dazu?
13.06.2021, 05:00
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Bremer Blick nach Tokio
Von Frieda Ahrens
Bremer Blick nach Tokio

Die Eröffnungsfeier und viele andere Veranstaltungen für die aufgrund der Corona-Pandemie verschobenen Olympischen Spiele Tokio 2020 sind im Nationalstadion geplant.

EUGENE HOSHIKO

Am 23. Juli sollen die olympischen Sommerspiele in Tokio starten. Noch immer ist nicht hundertprozentig klar, ob das Risiko-Projekt Olympia stattfinden wird. Die ersten Athleten sind schon in Japan eingetroffen, doch die Gastgeberstadt ist immer noch im Corona-Notstand. Olympia-Macher und viele Sportler sehnen den Start der Wettkämpfe herbei, die Mehrheit der Japaner fordert weiter eine Verschiebung oder Absage. Nun will Olympia-Gastgeber Japan will die Zahl der ausländischen Teilnehmer keine zwei Monate vor dem Beginn der Spiele weiter reduzieren. Das sagte Ministerpräsident Yoshihide Suga und bekräftigte seinen Entschluss, die Spiele trotz breiter Ablehnung in der eigenen Bevölkerung wie geplant durchzuziehen. Die große Frage bleibt die gleiche: Was spricht eigentlich für die Spiele und was dagegen?

Auf der Pro-Seite steht ganz klar der wirtschaftliche Aspekt: Die Olympia-Macher rechnen offiziell mit Ausgaben von rund 12,7 Milliarden Euro. Viel von diesem Geld ist bereits ausgegeben und wäre bei einer Absage verloren. Außerdem habe es eine große Signalwirkung, die Spiele stattfinden zu lassen: "Die Fackel der Hoffnung" und "das Licht am Ende des Tunnels" – so nannten IOC-Chef Thomas Bach und die Organisatoren immer wieder die Tokio-Spiele. Das große Sportfest mit Athleten aus aller Welt soll ein Zeichen sein, dass die Pandemie überwunden ist. Eine Reihe internationaler Sportereignisse und mehrere Testwettkämpfe in Tokio haben schon gezeigt, dass sichere Spiele möglich sind. Der Aufwand, der dafür getrieben wird, ist enorm. Wenig Bewegungsfreiheit und häufige Corona-Tests für alle Teilnehmer, strenge Hygieneregeln im olympischen Dorf und den Arenen, der Ausschluss ausländischer Besucher - die Maßnahmen sind weitreichend. Zudem werden laut Internationalem Olympischen Komitee mehr als 80 Prozent der Bewohner des Athletendorfes bereits geimpft sein.

Trotzdem müsse man 78000 Ausländer während einer Pandemie für Olympia und Paralympics einreisen lassen. Japans wichtigster Corona-Regierungsberater Shigeru Omi brachte es auf den Punkt: "Es ist in der gegenwärtigen Situation nicht normal, die Spiele auszurichten." Wie viele seiner Kollegen hält es der Mediziner für hochriskant. Es droht die Verbreitung des Virus und sogar das Entstehen neuer Mutanten, die dann mit den Gästen die Rückreise in viele Länder antreten könnten. Japans Gesundheitssystem ist seit Monaten am Limit, die Impfquote sehr niedrig. Und der Kampf um die Corona-Impfung tobte auch in der Athleten-Welt. Nicht jeder wird rechtzeitig vor Tokio den Piks bekommen, gerade ärmere Nationen könnten im Nachteil sein.

Doch was sagen hiesige Stimmen zu dem Hin und Her in Japan? Wir haben sieben Bremer nach ihrer Einschätzung gefragt: Werden die Spiele stattfinden – und sollten sie es?

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Anja Stahmann, Senatorin für Soziales, Jugend, Frauen, Integration und Sport.

Foto: SJFIS

Anja Stahmann

"Ich hätte besser gefunden, Tokyo noch um ein Jahr zu verschieben. Olympische Spiele sind nur halbe Spiele ohne Zuschauerinnen und Zuschauer. Und es betrübt mich, dass ein großer Teil der japanischen Bevölkerung die Spiele ablehnt. Das ist kein schöner Rahmen. Jetzt, nachdem die Vorbereitungen gelaufen sind, glaube ich aber auch, dass man die Spiele unter gesundheitspolitischen Gesichtspunkten verantworten kann, wenn Hygiene-Maßnahmen vor und nach der Einreise streng eingehalten werden, wenn regelmäßig getestet wird und die Spitzensportlerinnen und Sportler sich in dem üben, was sie am besten können: Disziplin."

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Peter Gagelmann, früherer Bundesliga-Schiedsrichter.

Foto: Karsten Hollmann

Peter Gagelmann

"Für die Weltweit aktuellen Spitzensportler war die Verschiebung schon nicht einfach. Es gab in den letzten 2 Jahren in vielen Sportarten wenig internationale Vergleichswettkämpfe und somit eine schwierige Vorbereitung für ein Ereignis, welches die meisten Sportler nur einmal im Leben genießen können. Jeder Sportler wird für sich entscheiden müssen, ob er das "Olympiarisiko" eingeht. Die Chance Olympia erleben zu können ist einmalig aber nicht um jeden Preis!"

Haus der Athleten - Bürgermeister-Smidt-Straße

Lars Figura, Vorstand der Sportstiftung.

Foto: Christina Kuhaupt

Lars Figura

"Mit den vielen Sportlerinnen und Sportlern verbindet mich der Wunsch, dass die Lage in Japan es zulässt und sichere Spiele stattfinden können. Problematisch werden ohnehin die Nachwirkungen der Pandemie - auch wenn die Pandemie kontrolliert werden könnte. Die weltweit ohnehin schon verschiedenen Rahmenbedingungen für die Sporttreibenden sind durch die Pandemie weiter voneinander entfernt. Die Anti-Doping-Maßnahmen, insb. das Kontrollsystem und die Kontrolldichte haben gelitten. Allen Bedenken und Sorgen zum Trotz: Für viele Sporttreibende gibt es nur eine Chance auf die Teilnahme; fallen die Spiele aus, zerstört dies Lebensentwürfe. Ich wünsche mir für die Sporttreibenden, dass sichere und faire Spiele möglich werden.“

Interview mit Andreas Vroom

Andreas Vroom, LSB-Präsident.

Foto: Frank Thomas Koch

Andreas Vroom

„Ich gehe davon aus, dass die olympische Spiele stattfinden werden. Eine andere Frage ist, ob es stattfinden sollte. Grundsätzlich ist das schwierig, wie in allen Lebenslagen im Moment gibt es die Risikoabwägung der langfristigen Folgen. Mit einer Absage würde ziemlich viel wegbrechen. Sowohl aus sportlicher, als auch aus gesamtwirtschaftlicher und struktureller Sicht. Auch habe ich Sorge, dass eine Absage weitreichende Konsequenzen für dieses mühsam aufgebaute System hätte. Das würde ich sehr bedauern, gerade für die Bedeutung und die Auswirkung auf den Spitzensport. Der immer auch in den Kontext mit dem Breitensport gestellt werden muss. Denn dieses öffentliche Sportinteresse dient dem Sport und damit der Gesellschaft.“

Dagmar Stelberg - Serie „Was macht eigentlich“

Dagmar Stelberg, ehemalige Handballspielerin.

Foto: Christina Kuhaupt

Dagmar Stelberg

„Für mich war das tollste Erlebnis in meiner sehr langen Karriere die olympischen Spiele in Los Angeles. Und wenn sowas ausfällt, ist das für einen aktiven Sportler fürchterlich. Viele arbeiten jetzt das fünfte Jahr in Folge daraufhin. Es fällt mir sehr schwer zu sagen, ob ich es gut finde, dass es stattfindet. Aber ohne Zuschauer und mit allen Sportler komplett geimpft und isoliert: Dann müsste es stattfinden dürfen. So darf man das Sportlern nicht nehmen.“

Sport - Hockey - Olympia - Kristina Hillmann vom Uhlenhorster HC

Kristina Hillmann, ehemalige Hockey-Nationalspielerin und Olympia-Teilnehmerin.

Foto: Frank Thomas Koch

Kristina Hillmann

„Mein Bauchgefühl sagt: die Spiele werden stattfinden. Und für die Sportler hoffe ich das sehr. Es ist schwierig, gerade noch im halben Lockdown, so eine große Veranstaltung stattfinden zu lassen. Das betrifft ja nicht nur die Sportler, sondern auch alle Offiziellen und Freiwilligen. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die sich schon fünf Jahre vorbereiten. Die Frage ist auch: Werden es olympische Spiele, wie man sie kennt? Ich stehe der Sache sehr gespalten gegenüber. Kann sowohl den Sportlerhintergrund verstehen, für die ich es mir sehr wünschen würde, aber wenn man nur nach Kopf entscheiden würde, müsste man es wahrscheinlich aufs nächste Jahr verlegen. Ich bin froh, dass ich nicht in der Veranwortung bin, das zu entscheiden.“

Oliver Rau - Sporthilfe

Oliver Rau, Landesvorsitzender der Deutschen Olympischen Gesellschaft.

Foto: Christina Kuhaupt

Oliver Rau

„Ich bin der festen Überzeugung, dass die olympischen Spiele stattfinden werden. Aber leider unter komplett anderen Bedingungen als sich das die Sportinteressierten, aber vor allem die Sportler wünschen. Nämlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit in den Sportstätten und ohne Möglichkeit, das Leben und Miteinander im olympischen Dorf zu genießen. Sportler aus fast zweihundert Ländern kennenzulernen, auch mal Sportler aus anderen Disziplinen zu treffen, das ist sonst in dem Ausmaß nie möglich wie bei Olympia. Das alles findet nicht statt und der Aspekt tut weh. Es gibt auch kein Deutsches Haus in Tokio, wo man nach den Wettkämpfen im erfolgreichen Fall gefeiert wird und getröstet wird im Misserfolgsfall. All die schönen Dinge, die eben auch zur olympischen Folklore gehören, fallen weg.“

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