Beluga-Prozess Staatsanwaltschaft beantragt viereinhalb Jahre Haft für Stolberg

Nach mehr als zwei Jahren Verhandlung hat die Staatsanwaltschaft Bremen im Beluga-Prozess viereinhalb Jahre Haft für Ex-Reeder Niels Stolberg beantragt.
15.02.2018, 16:02
Lesedauer: 3 Min
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Staatsanwaltschaft beantragt viereinhalb Jahre Haft für Stolberg
Von Jürgen Hinrichs

Ein Verfahren, das nach mehr als zwei Jahren Dauer fast in der Versenkung verschwunden war, treibt nun nach oben und sucht den Abschluss: Am Donnerstag haben Staatsanwaltschaft und Verteidigung im Betrugsprozess gegen den Bremer Ex-Reeder Niels Stolberg ihre Plädoyers gehalten. Sie lagen dabei wie erwartet weit auseinander. Während die Anklage für Stolberg eine Haftstrafe von viereinhalb Jahren fordert, beharren die Rechtsanwälte auf einer Bewährungsstrafe, was juristisch bei einem Strafmaß von maximal zwei Jahren möglich ist. Mit einem Urteil der zuständigen Wirtschaftsstrafkammer des Bremer Landgerichts wird für den 15. März gerechnet.

Stolberg soll sich in mehreren Fällen des Betrugs, Kreditbetrugs, der Untreue und Bilanzfälschung schuldig gemacht haben. Ein Teil dieser Vorwürfe ist auch gegen die drei Mitangeklagten aus dem Management der früheren Reederei Beluga gerichtet. Für sie hat die Anklage in unterschiedlicher Höhe Bewährungsstrafen beantragt. Die Spannbreite liegt zwischen elf Monaten am unteren und einem Jahr und zehn Monaten am oberen Ende. Die Anwälte der Mitangeklagten hatten bereits signalisiert, mit diesem Strafmaß einverstanden zu sein.

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So ein Einvernehmen gibt es im Fall Stolberg nicht, im Gegenteil. Auch am Donnerstag prallten die unterschiedlichen Bewertungen wieder hart aufeinander. Ein Reeder in stürmischen Zeiten der Schifffahrtskrise, der sich nicht mehr anders zu helfen wusste und Tricks anwandte, um sein Unternehmen zu retten. Das ist die eine Sicht. Die andere bringt einen Mann zutage, der überehrgeizig war, in seiner Egomanie keine Regeln mehr kannte und skrupellos die eigenen Leute mit in den Sumpf von Betrug und Fälschung zog.

Keine Reue und Einsicht

Für Staatsanwältin Silke Noltensmeier ist Stolberg ein Krimineller, einer auch noch, dem es an Reue und Einsicht fehle. Der Ex-Reeder habe über einen langen Zeitraum und sehr planmäßig gehandelt: „Er hat bereits im Jahr 2006 damit begonnen, den Bau von Schiffen mit Straftaten zu finanzieren.“ Mit Scheinrechnungen seien Kosten von annähernd 100 Millionen Euro vorgetäuscht worden. Später, als dieses Modell nicht mehr half, habe Beluga die Bilanzen gefälscht und allein für das Jahr 2010 einen Auftragsbestand von mehr als 400 Millionen US-Dollar vorgegaukelt. Auf diesem Wege sollte ein Investor angelockt werden, was mit dem US-amerikanischen Hedgefonds Oaktree auch gelang.

Und warum das alles? Eine Frage, die Noltensmeier mehrmals in ihr Plädoyer einflocht. Die Antwort gab sie selbst: „Herr Stolberg wollte mit seinem Unternehmen im Schwergutgeschäft unbedingt Weltmarktführer werden.“ Dieses Ziel sei geradezu wahnhaft gewesen. „Blinder Ehrgeiz“, so die Anklägerin. Als Patron habe er bei Beluga alles auf sich selbst ausgerichtet und die Belegschaft mit Zuckerbrot und Peitsche in Schach gehalten.

So bewertet die Staatsanwältin den Hauptangeklagten, und am Ende sagte sie es ihm noch einmal direkt ins Gesicht: „Sie sind nicht das Opfer. Sie sind der Täter.“

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Bernd Groß, einer der Verteidiger von Stolberg, sprach in seinem Schlussvortrag von einem „Zerrbild“, das die Staatsanwältin gezeichnet habe: „Das sind persönliche Angriffe, die mit der gebotenen Objektivität einer Strafverfolgungsbehörde nichts mehr zu tun haben.“ Für seinen Mandanten sei der Untergang seines Unternehmens und das Strafverfahren danach ein absoluter Albtraum. Er habe alles verloren, sei dazu auch noch schwer erkrankt und mit alldem längst bestraft genug.

Fakt sei, so der Anwalt, dass Stolberg von Beginn der Ermittlungen an extrem kooperativ war: „Er hat sofort eingeräumt, was einzuräumen war, die unrichtigen Darstellungen in den Bilanzen zum Beispiel. Und wir haben gemeinsam sehr früh wichtige Unterlagen zur Verfügung gestellt.“

Bremer Landesbank

Für Bernd Groß gibt es keinen Zweifel mehr, dass die Banken genau wussten, auf welche Art von Geschäften sie sich mit Beluga eingelassen hatten. Stolberg verfügte bei Weitem nicht über genügend Kapital, um seinen Anteil an der Finanzierung neuer Schiffe zu stemmen. Er tat das, was er selbst „kreative Darstellung“ nennt: Baukosten aufblähen, die Rechnungen bezahlen und das Geld von der Werft postwendend wieder zurückbekommen. In einem internen Papier der Bremer Landesbank sei dieses Gebaren als marktüblich beschrieben worden. „Wo hätte Stolberg denn sonst in zwei Jahren mehr als 100 Millionen Euro Eigenkapital herbekommen sollen? Das hätten sich die Banken doch fragen müssen, wären sie nicht sowieso im Bilde gewesen.“

Das Verfahren am Bremer Landgericht wird am 8. März, 14 Uhr, mit den Plädoyers der Verteidiger der drei Mitangeklagten fortgesetzt. Am 15. März, 14 Uhr, folgt aller Voraussicht nach das Urteil.

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