Mahnmaldebatte

Staatsarchivchef plädiert für Standort an der Weser

Die Debatte über ein Mahnmal, das an die Enteignung von Juden in der Nazi-Zeit in Bremen erinnert, geht in die entscheidende Phase. Aus Sicht des Staatsarchivchefs ist sie bislang aber zu eng gefasst.
09.03.2017, 20:17
Lesedauer: 2 Min
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Staatsarchivchef plädiert für Standort an der Weser
Von Sara Sundermann
Staatsarchivchef plädiert für Standort an der Weser

Hier an der Schlachte, etwa auf der Höhe der Jugendherberge, könnte künftig ein Mahnmal zu Bremens Rolle bei der Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz von Juden erinnern.

Christina Kuhaupt

Die Debatte über ein Mahnmal, das an die Enteignung von Juden in der Nazi-Zeit in Bremen erinnert, geht in die entscheidende Phase. Aus Sicht des Staatsarchivchefs ist sie bislang aber zu eng gefasst.

Wird künftig ein Mahnmal an der Schlachte daran erinnern, wie Bremen mitwirkte an der Enteignung von Juden? Die Kulturbehörde hat nun nach kontroverser Debatte das Weserufer im Stadtzentrum als Standort vorgeschlagen. Diesen Ort findet Konrad Elmshäuser, Leiter des Bremer Staatsarchivs, passender als ein Denkmal beim Sitz der Firma Kühne + Nagel.

Auf Bitte der Kulturbehörde hat er eine historische Einordung und eine Bewertung möglicher Standorte für ein Mahnmal erarbeitet. Am Weserufer gebe es historische Bezüge zum Thema, sagt Elmshäuser: „An der Schlachte hatten in den 1930er-Jahren die meisten Bremer Speditionen ihre Firmensitze, das war ein Zentrum der Logistiker.“

Leiter des Staatsarchivs übt Kritik

Der Leiter des Staatsarchivs übt Kritik daran, wie zuletzt über das Mahnmal diskutiert wurde. „Der Blick hat sich extrem verengt: auf eine einzige Firma, genauer gesagt auf vier Quadratmeter vor dieser Firma“, sagt Elmshäuser. „Es ging um ein Anklagedenkmal.“ Doch bei dem, was oft mit dem Begriff Arisierung bezeichnet wird, gehe es um mehr als nur um den Abtransport von Möbeln jüdischer Bürger.

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„Es ging um Bankkonten und ganze Häuser, die Möbel waren oft nur die Reste.“ Die Verdrängung von Juden aus ihren Jobs und die Vernichtung ihrer wirtschaftlichen Existenzen sei bereits vor Kriegsausbruch im Wesentlichen beendet gewesen. Doch am Beispiel der geplünderten Möbel, die später in deutschen Haushalten landeten, werde die Dramatik und Traurigkeit des Themas besonders greifbar.

Auf Anraten von Elmshäuser schlägt nun die Kulturbehörde vor, den Begriff Arisierung nicht mehr weiter zu verwenden. Gegen den Begriff spreche, dass er unscharf sei und zudem ein Kampfbegriff aus der NS-Zeit. Die Rede ist nun von einem Mahnmal, das an Bremens Rolle bei der Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz der jüdischen Bevölkerung erinnern soll.

Rolle der Logistik-Branche Bremens

„Bremen hat eine ganz spezifische Rolle dabei gespielt“, sagt Elmshäuser. Neben dem Staat und der Stadtgesellschaft habe in der Tat die Logistik-Branche mitgewirkt, denn viele Juden und politisch Verfolgte flohen über Bremens Häfen. Bremer Spediteure transportierten Hunderte Holzkisten, sogenannte Lifts, in denen das Hab und Gut der Emigranten verstaut war, sagt Elmshäuser. „Bremer Logistiker waren die Dienstleister der Emigranten und haben natürlich daran verdient.“

Als nach Kriegsausbruch Länder wie England den Handel mit Deutschland kappten, und die noch nicht verschifften Holzkisten nicht mehr transportiert werden konnten, sei das Eigentum vieler Emigranten versteigert worden.

Beteiligt waren vermutlich mehr als 16 Bremer Logistikfirmen, darunter zum Beispiel die Speditionsfirma F.W. Neukirch, die Firma Friedrich Bohne und die BLG. Kühne + Nagel dagegen war Elmshäuser zufolge an einer anderen Aktion beteiligt: Am Abtransport von Möbeln jüdischer Bürger, die aus den besetzten Gebieten in Frankreich, Belgien und Holland deportiert worden waren.

Weil die Enteignung der jüdischen Bevölkerung in Bremen eng mit den Häfen verknüpft ist, hält Elmshäuser den Europahafen oder auch die Industriehäfen ebenfalls für einen guten, authentischen Standort für ein Mahnmal – allerdings werde es dort vermutlich von weniger Menschen gesehen als an der Schlachte, wo Bremer und Touristen flanieren.

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