Schicksalsberichte aus dem Bunker Valentin Aus dem Tagebuch eines 16-Jährigen

In Auszügen stellen wir bisher unveröffentlichte Dokumente aus dem Archiv des Denkorts Bunker Valentin vor. Hier lesen Sie, was ein junger Gefangener heimlich notierte...
19.12.2020, 19:51
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Aus dem Tagebuch eines 16-Jährigen
Von Patricia Brandt

In kurzen Tagebucheinträgen hält Stanislaw Masny fest, was er als Jugendlicher in Gefangenschaft im Bunker „Valentin“ in Farge erlebt. Er war bei einer Razzia in Warschau aufgegriffen worden. Als er viele Jahre später in Warschau eine Ausstellung zum Thema Zwangsarbeit besucht, entdeckt er dort zufällig seinen eigenen Namen. 2014 kehrt er an den nördlichsten Zipfel Bremens zurück und spricht mit Mitarbeitern der NS-Gedenkstätte über seine Zeit als Zwangsarbeiter in Farge. Er hat damals Tagebuch geführt, dessen Auszüge hier erstmals veröffentlicht werden.

„Sie haben mir die Haare geschoren und mir eine Nummer gegeben. Ich war Nummer 824 (in der Bürokratensprache achthundertvierundzwanzig). Ich werde erst einmal nicht beschreiben, wie es dort war, weil ich keine Zeit habe. Wenn ich nach Polen zurückkehre, dann schildere ich das alles im Detail.“

Im ehemaligen KZ-Außenlager Farge und den weiteren Lagern im Umfeld der Bunkerbaustelle seien wie der 16-jährige Stanislaw Masny mehr als 8000 Menschen aus ganz Europa und Nordafrika zur Arbeit gezwungen worden, berichtet Marcus Meyer, wissenschaftlicher Leiter des Denkorts Bunker Valentin. Es gehöre heute zu den wichtigsten Aufgaben der NS-Gedenkstätten, „die Nummern wieder mit den Menschen zu verknüpfen“. Nach den Worten von Marcus Meyer geht es um mehr, als um wissenschaftliche Forschung. „Es geht einerseits darum, die ‚vollständige Dehumanisierung‘ rückgängig zu machen und so viel wie möglich über die ehemaligen Häftlinge in Erfahrung zu bringen. Andererseits nehmen die Anfragen von Angehörigen ehemaliger Häftlinge zu. Vor allem die Enkelgeneration will mehr über das Schicksal ihrer Großeltern in Erfahrung bringen.“

„Wozu gibt es das Gedächtnis? Dafür, dass es mir schöne Momente wieder in Erinnerung ruft? Ich verfluche es oft. Das Gedächtnis ist häufig die Ursache für bittere Tränen, die ich nicht zurückhalten kann. […] Mama hat immer gesagt: Stachu, nach dem Unterricht kommst du sofort nach Hause! Deshalb gab es zuhause ja immer wieder Streit und mehrmals hat Mama auch mit Papa über mich gestritten. […] Wenn ich mich an die Anweisungen meiner Eltern gehalten hätte, dann wäre ich mit Sicherheit nicht hier.“

Für die Historiker sind damit auch Masnys Tagebucheinträge etwas Besonderes. „Damit sind wir zu einer zeitgenössischen Beschreibung gekommen. Das ist natürlich noch mal etwas anderes, als ein Interview, dass Jahrzehnte später stattfindet“, meint Christel Trouvé.

Das Jahre später stattfindende Gespräch ergänzt die Notizen noch. Stanislaw Masny schildert den Mitarbeitern der Gedenkstätte, wie er sich am 19. Mai 1944 weinend von Eltern und Freunden verabschiedet, nachdem man ihn „geschnappt” hatte. Über verschiedene Stationen gelangt er nach Schwanewede. Er wird ins Heidkamplager der Organisation Todt geschickt. Insgesamt gab es nach den Worten des wissenschaftlichen Denkort-Leiters Marcus Meyer sechs Lager: Das Arbeitserziehungslager am Ende der heutigen Lagerstraße, das sogenannte Russenlager in der direkten Nähe, das KZ-Außenlager, das Marinegemeinschaftslager, das Lager Tesch und das Lager Heidkamp.

Im Gespräch beschreibt der junge Pole das Lager als riesig. „Das waren Tausende. Auf diesem Gebiet befand sich noch das Marinelager, ein Lager deutscher Marineangehöriger. Sie alle bauten Docks für Unterseeboote. Am 30. Juni [1944] wahrscheinlich oder früher verlud man uns in Waggons und fuhr uns zur Nachtschicht auf die Baustelle.” Über die Arbeit sagt Masny: „Dort trugen wir Eisenrohre – nicht nur am Boden, sondern über Holzkonstruktionen um die Wände des Baus herum. Die Eisenrohre – natürlich hat man die nicht alleine getragen, sondern man musste die mindestens zu zweit tragen. Das war gefährlich, denn man trug das nach oben. Mit diesen Rohren war später der flüssige Beton transportiert worden.” Es handelt sich um schwere körperliche Arbeit, die die Gefangenen verrichten mussten. „Nach solchen zwölf Stunden Nachtarbeit ging man, wie man jetzt sagt, auf dem Zahnfleisch nach Hause – zur Baracke. Man war furchtbar müde. Hungrig und müde.”

„[…] sie nahmen mich mit zum Posten in Schwanewede, danach mit dem Bus nach Farge. Dort nahmen sie mir die Ausweise weg und schickten mich in den Bunker, also eigentlich in den Keller. […] Vier Wände, Decke und feuchte Ziegel, plus ein winziges, vergittertes Fenster oben. Weder sitzen, weil es kalt ist, noch sich hinlegen, weil es da auch kalt ist, […]“

Doch Masny und weitere „junge Burschen” trifft es weniger hart als andere. Eine Woche nach der Ankunft wird er zur Tagschicht als Helfer der Dampfloks der Schmalspurstrecke eingeteilt. „Ich fuhr auf der Lokomotive mit einem Maschinisten, der kleiner war als ich.” Als Masny ein paar Tage lang nicht zur Arbeit erscheint – „Irgendwie ging ich mal nicht, weil es nicht gestattet war, das Lager zu verlassen, nur mit einem speziellen Passierschein. Einige Male war ich erkältet oder mir erschien das so, dass ich das war. Durchfall, so etwas.” – wird er ins Straflager geschickt.

Im Interview erinnert er sich, dass er als Gefangener im Straflager neben der schwarzen Sträflingsjacke mit der Nummer 824 Holzschuhe tragen muss die aus einem Stück Holz geschnitzt sind. „In diesen Schuhen zu gehen, war furchtbar, man verletzte sich die Füße. Barfuß konnte man nicht gehen, da auf dem Lagergelände Schlacke ausgebracht war.”

Masny muss nun Zementsäcke tragen. „Ich erinnere nicht, wann wir geweckt wurden, auf jeden Fall arbeiteten wir zwölf Stunden. Morgens ein Stück Brot und Kaffee. Zum Mittag „Bunkersuppe”, die aus getrocknetem Kohl bestand, der mit kochendem Wasser mit Steckrübenstücken übergossen wurde. Das war gut, wenn es genug von der Steckrübe gab. Zum Abendbrot auch ein Stück Brot und Kaffee. Eines Tages hatte ich Zementsäcke getragen. Ich weiß nicht, wie viel die wogen, mindestens 20, wenn nicht 25 Kilo. Als ich erschöpft war und mich einen Moment hinsetzte, um auszuruhen, bekam ich vom Wachmann ein paar Stöße mit dem Gewehrkolben.”

Etwas später kommt heraus, dass Masny einen Bleistift und ein Blatt Papier eingeschmuggelt hat. Das bedeutet für den Heranwachsenden zwei Tage ohne Wasser und Brot. „Ja und auf diese Weise fand sich 824 im Bunker wieder. Nicht lustig, aber wahr.”

Später kehrt er zu seiner Arbeit auf der Lokomotive zurück. „Auf meine Vier, da mein Maschinist Sehnsucht nach mir hatte. Denn mein Kamerad, der mit ihm gefahren war, hatte ihm nicht gefallen.”

Das Leben wurde wieder einfacher. „Ich hatte wirklich Glück, dass ich auf die Lokomotive kam. (...) Wenn es Vollalarme gab, dann fuhr man nicht, man saß herum. Aber es gab auch Augenblicke, als es in der Nacht Vollalarm gab, aber die Betonmischer arbeiteten und dann sind wir non-stop gefahren, Sand transportieren. Non-stop musste man dorthin und zurück laufen, dorthin und zurück. Aber später setzte man sich hin und man saß herum, also man konnte sich ausruhen. Und man konnte ein Nickerchen halten. Und dann träumte man... ein Stück Kartoffel, man dachte daran, was man essen würde. Die Gespräche auf der Stube betrafen vor allem das Essen. Was man aß, was man mochte, wie man das aß, woraus man das machte, - das waren die grundlegenden Gespräche zwischen uns auf der Stube.”

„Heute um 4 Uhr morgens war seit 5 Jahren Krieg. Als der Krieg begann, war ich 11 Jahre alt, und jetzt bin ich 16. Wer hätte zu Beginn gedacht, dass der Krieg sich so lange hinzieht. Jeder sagte: eine Woche, 2 Wochen, dann ist der Krieg vorbei, das ist schließlich ein moderner Krieg, ein Blitzkrieg. […] Mit 11 Jahren habe ich mich darüber gefreut, dass Krieg war, dass ich ihn überlebe, aber wenn ich vorhergesehen hätte, dass ich in fünf Jahren nach Deutschland fahren werde, auf einer Baustelle Bunker für U-Boote baue, da hätte ich mich sicher nicht gefreut. Ja! Fünf Jahre Krieg. […] Lieber Gott. Wie das Schicksal den Menschen in die Welt wirft. Habe ich am Freitag, dem 19. Mai, als ich los ging zur Schule, geahnt, dass ich nie mehr über diese geliebte Türschwelle treten kann? Dass ich diese cremefarbenen Wände, die Portraits und Bilder nicht mehr erblicken werde, dass ich nie mehr gemütlich auf dem Sofa Platz nehmen werde mit einem Buch von Reymont oder einem Lateinbuch. […] Gott, habe ich überhaupt irgendetwas geahnt? Nichts! Überhaupt nichts. Aber darüber lässt sich schlecht sprechen. Man muss dieses frühere Leben abhaken, das doch so nah ist, und neu anfangen. Ich darf den Kopf nicht hängen lassen. […]“

Die Nazis hatten einen Bahnanschluss für das Lager gebaut. Wenn seine Schicht auf der Bunkerbaustelle um ist, fährt Masny mit dem Zug nach Schwanewede, zurück ins Marine-Gemeinschaftslager in Neuenkirchen. „Weiß man doch, dass das Viehwaggons waren”, berichtet er im Interview. „Deshalb plagten uns drei Dinge: Wanzen, Läuse und Hunger. Mit den Wanzen zu kämpfen, war schwierig. Mit Läusen – von Zeit zu Zeit gaben wir die Sachen zur Entlausung ab. Aber das half nicht viel, denn man kam in entlauster Unterwäsche, Kleidung und stieg in einen Waggon ein, wo es eng war, mit diesen Menschen, die nicht entlaust worden waren. (…) Ich sagte meinem Sohn mal, dass ich damals von einem seidenen Hemd träumte. Denn auf Seide halten sich keine Läuse, es gibt nichts, woran sie sich festhalten können. Und ich hatte leider nur ein Baumwollhemd. Baumwolle, denn etwas anderes gab es doch nicht.”

Am Bahnsteig sieht Masny einmal eine Abteilung von Häftlingen in Holzschuhen im Marschschritt vorbei laufen. Die Männer singen ein polnisches Lied. „Wir, die Erste Brigade, die Schützenschar, auf den Scheiterhaufen, auf den Scheiterhaufen, hatten wir das Schicksal unseres Lebens geworfen.“ (…) Seltsam ist das (…) offensichtlich wussten die Deutschen nicht, was das für ein Lied ist. Wen das betrifft. Hört mal, ich höre das, ich höre das Marschgeklapper: eins-zwei, eins-zwei. Das war etwas Herrliches. Sie kamen und gingen. Ja, und es fuhr der Zug ein und nach Schwanewede.“

„Wenn ich nach Hause zurückkehre, dafür gebe ich mir das Ehrenwort, dann werde ich alles wieder in Ordnung bringen, was ich meinen Eltern Schlechtes zugefügt habe. […] Aber wenn ich zurückkomme und niemanden antreffe. Dann wehe mir! Wehe den Angreifern. Ich werde versuchen, mich zu rächen. Bald kommt das Ende. Wenn ich zurückkehre, muss ich lernen, damit ich dem polnischen Volk nützlich sein kann. Wahrscheinlich sind die Anglo-Amerikaner 90 Kilometer von Bremen entfernt gelandet. Nachts hört man die Schüsse der Artillerie.“

Im Februar 1945 verschlechtern sich Masnys Lebensumstände erneut. Laut seinen Tagebucheinträgen bekommt er eine Woche lang kein Frühstück vor der Arbeit. Er könne kaum laufen, notiert er.

„Ich habe im Moment überhaupt keinen Lebenswillen. Man lebt wie ein Tier: Arbeit, Fütterung, Schlafen. Du gehst zur Arbeit: die Sterne leuchten. Du kommst zurück: dasselbe. Die Wachmänner wecken uns um 4 Uhr morgens. Von 6 Uhr bis 18 Uhr Arbeit mit einer Stunde Pause um 12 zum Mittagessen. Leben, Leben, Leben. Wann kommt das alte Warschauer Leben zurück. Wird es überhaupt jemals wiederkommen? […] Morgen sind es neun Monate seit sie mich gefangen haben. Schon neun Monate. Gott! So schnell wie möglich zurückkehren, sonst werde ich ein Vieh, so wie viele andere.“

Häftlinge des Konzentrationslagers aus Neuengamme werden evakuiert und auf Todesmärsche geschickt, dann werden die russischen Kriegsgefangenen weggefahren. Die Gefangenen in Farge fühlten zu der Zeit, dass der Krieg zu Ende geht, sagt Masny im Interview Jahrzehnte später.

„Deine Befreiung ist nah, Stasiu! Die Engländer sind vor Bremen. Man hört die Artilleriegeschosse. Letzten Monat war dreimal wiederholt Alarm auf der Baustelle. Diesmal ohne Verluste. Vom 7. bis zum 19. [April] haben wir ohne Bunkersuppe und mit drei Kilogramm Brot in der Woche gearbeitet. Sie gaben uns überhaupt kein Weißbrot. Ich habe mir 20 Kilogramm Kartoffeln besorgt. Nahe der Baustelle war ein zerstörtes Haus und dort im Keller waren diese Erdäpfel. Jetzt ist es so: einmal arbeitet man, einmal nicht. Der Volkssturm schon uniformiert. KZ und die russischen Gefangenen arbeiten nicht mehr. Sie evakuieren langsam unser Lager. Heute Nacht sind zwei Bomben auf unser Lager gefallen. Ohne Verluste.“

Den Mitarbeitern der Gedenkstätte erklärt Masny später, dass der Volkssturm nun die Zwangsarbeiter vom Zug aus zur Arbeit bringt. „Man darf sich während der Arbeitszeit und auch sonst nicht in den Dörfern und auf den Wegen herumtreiben. Jeder Soldat hat das Recht zu schießen. Ausnahmezustand.“

Bis zum 20. April 1945 fährt Masny noch auf der Lokomotive. „Am folgenden Tag verluden sie uns in Güterwaggons, in einer Art, dass wir nur stehen konnten, und brachten uns hinter Wesermünde, da ist so eine Ortschaft. Dort hat man uns ausgeladen und nach zwei Tagen unter Eskorte von SS-Männern kamen wir zu irgendeiner Ortschaft, wo sie uns wieder in Güterwaggons verluden. Und unter der Bewachung von nun schon nicht mehr SS-Männern, sondern Volkssturm brachten sie uns nach Cuxhaven. Dort verlud man uns auf ein Schiff und brachte uns irgendwo in die Gegend von Hamburg, ich erinnere nicht genau wohin. Nachdem man uns ausgeladen hatte, verschwand der Volkssturm und wir blieben allein unserem Schicksal überlassen. Was soll man machen? Der Volkssturm kümmerte sich nicht. Und wir gingen von Dorf zu Dorf, bemüht, von den Bauern etwas zu essen zu bekommen. Sie fütterten uns, das muss man sagen, ich weiß nicht, ob aus Angst, denn wir waren doch dort..., aber sie fütterten uns.”

Masny lebt eine Zeit in einem Lager für polnische Kriegsgefangene in Elmshorn. „Am 25. Oktober 1945 verluden uns die Engländer auf Autos und über Berlin brachten sie uns nach Stettin. In Stettin sprang ich aus diesem Auto und küsste die Erde: Ich bin in Polen! Also, wie wenn der Krieg für mich zu Ende war.”

Drei Tage lang wandert Stanislaw Masny nach Warschau und von dort nach „Praga”, wo seine Eltern zuletzt gewohnt hatten. Im Gespräch sagt er 2014: „Ich erinnere mich: Ich komme nach Hause, in die Wohnung. Dunkel, nur meine Mama steht in der Küche, eine Glühbirne brennt. Entschuldigung ... [Er weint] Die Mutter steht und wärmt meine Lieblings-Kopytka auf. Und jetzt... verdammt, Entschuldigung. Vielleicht sind ja auch schon 69 Jahre vergangen seit diesem Tag, ich sehe das. Entschuldige, ich kann nicht... Leider ist der alte Herr gerührt. Und jetzt, wo ich die Besatzungszeiten mir in Erinnerung rufe, den Aufenthalt in Deutschland und auf meine Enkel schaue, wie glücklich sie sind, dass sie in Zeiten leben, wo ihnen nichts droht. Ihnen drohen keine Razzien, keine Deportationen.”

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